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Titus Arnu. sddz000020010816dw8c00qtv 1238 Words 12 August 2000 Süddeutsche Zeitung German (c) 2000 Süddeutsche Zeitung |
Überleben mit Schwarzmalerei Finstere Gestalten aus der brodelnden Urängstesuppe: Das düstere Monster-Universum des Malers und "Alien"-Erschaffers Hans Ruedi Giger Hans Ruedi Giger kennt viele Ängste. Die Angst vor Müllautos. Die Angst vor Hollywood. Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Eine Zeit lang hatte Giger vor allem diese Angst: "Nicht mehr atmen zu können, das war meine Hauptangst. " |
Es war die nackte Panik vor dem Ersticken, die ihn nachts schweißgebadet aufwachen ließ. Nach vielen Therapiesitzungen kam Giger schließlich darauf, dass er unter einem Geburtstrauma leidet. Er fragte seine Mutter, und die bestätigte ihm: "Du wolltest einfach nicht raus. " Diese Angst vor dem Licht und vor dem Leben merkt man Giger bis heute an. Er trägt ein weites schwarzes Hemd, ein schwarzes Sakko und eine lange schwarze Hose, als wolle er in seinen schwarzen Bildern verschwinden. Der Mann ist auffällig bleich, und er schwitzt schon bei knapp 20 Grad Celsius. Überwiegend düster wirkt auch H. R. Gigers bizarrer Kunst-Kosmos - Schwarzmalerei als Lebensprogramm. Wesen aus der Dunkelwelt Angst hat aber auch positive Seiten. "Angst ist ein starker Motor", sagt Giger. Er hat das Beste aus seiner Angst gemacht. Eine phantastische Welt ist aus dieser brodelnden Urängstesuppe entstanden, ein Horrorkabinett voller Monster, ein düsteres Reich, in dem ambivalente, unheimliche Wesen hausen. Der Entwurf einer außerirdischen Lebensform für den Spielfilm "Alien" konzentriert Gigers Ängste auf ein besonders bösartiges Lebewesen. Das Alien-Monster ist eine zugleich abstoßende und faszinierende Kreatur, die sämtliche Schattenseiten der menschlichen Seele zu verkörpern scheint. Gigers Leitfigur ist Cthulhu, die unbeschreiblich böse Gottheit aus dem Universum des amerikanischen Horrorautors H. P. Lovecraft. Gigers Werk ist durchsetzt von Motiven, die dem Satanismus zuzuordnen sind: Pentagramme, Schlangen, magische Zahlen. Im "Ugly Club" in Richterswil inszenierte er 1976 eine Performance; die Bilder des Ereignisses wirken auf den ersten Blick wie die einer schwarzen Messe. Gestalten in langen schwarzen Kutten scheinen Opfer darzubringen, in der Mitte der Szene kniet Meister Giger selbst. Hinter der Maskerade verbirgt sich aber nicht Teufelsanbetung, sondern abermals die Versinnbildlichung von Angst. Die "Ugly Club"-Session war "ein Versuch, den Selbstmord meiner Freundin Lydia zu verarbeiten", sagt H. R. Giger. Bei der Performance spielte er mit Versatzstücken aus dem Okkultismus, um seine Trauer und seinen Schmerz über das Ereignis darzustellen. Gigers Werk ist eine Hymne auf die Schattenseiten des Lebens. In seinen Bildern schließen düstere Hintergründe das Licht fast komplett aus. Wenn er überhaupt Farben verwendet, sind sie so stark reduziert, dass der Eindruck entsteht, alles sei grau und schwarz. Die Dunkelwelt, in der Gigers Horrorfiguren hausen, stellt einen krassen Gegensatz zu der Welt dar, aus der der Künstler stammt. Er wurde vor 60 Jahren im schweizerischen Chur geboren, umgeben von Bergen, Wiesen und einer großen Familie. "Im Kindergarten, wo man mich fälschlicherweise abgegeben hat", erzählt Giger, "haben mich Blut und Tod interessiert. " Als Fünfjähriger mit dem blutigen Haupt des Heilands konfrontiert zu werden, war wohl eine prägende Erfahrung für den Jungen. Jahre später erfand er eine "Blutuhr", einen kleinen Kopf in einem Glas, über den rote Farbe rann. Giger konnte sich für das Alpenidyll, in dem er aufwuchs, wenig begeistern. Dafür um so mehr für makabre Texte. Er las Schauerromane wie "Das Wachsfigurenkabinett" oder "Das Phantom der Oper". Als Volontär bei einem Architekten sollte Giger schöne Einfamilienhäuser und sakrale Gegenstände wie Taufbecken zeichnen, strichelte aber lieber "Atomfreaks" mit Tusche auf das Planpapier. Seine mutierten Menschen-Monster zerkratzte er mit der Rasierklinge, malte wieder über das lädierte Papier, radierte, kratzte, strichelte, bis zu zehn Mal hintereinander. Oder er trug mit einer Zahnbürste durch ein Sieb Tusche aufs Papier auf und ritzte anschließend mit einer Rasierklinge das Bild aus dem schwarzen Grund. Ölbilder, die ihm zu glatt und schön erschienen, bespritzte Giger mit Benzin. "Das gab tolle Krater in den Gesichtern", freut er sich. Seine Albträume, in denen er zu ersticken drohte, bekämpfte der Monster-Macher durch heftiges Arbeiten. Die Motive wurden immer wilder, die Formate immer monströser. Irgendwann produzierte er mit der Airbrush-Pistole Bilder, die so groß waren, dass sie kaum noch in ein Haus passten. "Airbrush war schlecht für die Augen und für den Magen", sagt H. R. Giger, "aber gegen die Albträume hat es geholfen - durch das Malen wurde es viel besser. " H. R. Giger hat sich zum Universalkünstler entwickelt. Er entwirft Modelle für Filme wie "Alien" oder "Species", er malt mit Acrylfarben auf riesige Leinwände, er sprüht mit der Airbrush-Pistole Bilder auf Holz, er baut Möbel aus Spritzbeton, modelliert Objekte aus Blech. Als er den Auftrag bekam, für Ridley Scotts "Alien" ein außerirdisches Monster zu entwerfen, fuhr er nach Hollywood und modellierte sieben Monate lang eigenhändig an dem Wesen herum. In dieser Zeit schuf Giger das vielleicht furchterregendste Monster der Filmgeschichte. Das "Alien" ist das Destillat von Gigers schlimmsten Phantasien. Ein Wesen, das ziemlich ekelerregende organische Eigenschaften besitzt und gleichzeitig eine technisch hoch entwickelte, intelligente Kreatur ist. Es versucht, in die menschliche Zivilisation einzudringen und sie zu vernichten, allerdings greift es nicht von außen an, sondern von innen. Es penetriert seine Opfer und pflanzt sich im Inneren des menschlichen Körpers fort. Das "Alien"-Monster spiegelt also den Kampf des Menschen mit seinen eigenen unterdrückten Ängsten wider, mit seiner Angst vor unguten Ahnungen, die in seinen Eingeweiden rumoren. Im Fortpflanzungsstadium ist das "Alien" ein blutiger Schmarotzer, als ausgewachsenes Biest eine Kampfmaschine, die ihre Opfer mit Säure und einem stählernen Gebiss vernichtet. Wenn die Kinozuschauer sich entsetzt abwenden, ist H. R. Giger mit seiner Arbeit zufrieden: "Ich freue mich, wenn sich jemand vor meinem Monster erschreckt. " Im Nachhinein war die Hollywood-Erfahrung für Giger weniger spaßig. Das Monster wurde für "Alien 2" und "Alien 3" einfach weiterverwendet, Gigers Name aber nicht einmal erwähnt. "Hollywood bringt viel Geld, aber auch viel Schande", sagt er bitter. Die Zeit nach dem "Alien"-Auftrag kommt ihm vor wie ein Abstieg: "Seit 'Alien' geht es nur noch bergab. " Wenn er das sagt, wirkt er nicht sarkastisch, sondern zutiefst pessimistisch. In der letzten Zeit arbeitet Giger immer noch viel, allerdings nur noch liegend. Giger zeichnet nachts, im Bett: "Wenn Besuch kommt, muss ich leider aufstehen. Leider. " Hans Ruedi Giger ist jetzt 60 Jahre alt, und der Ruhm, den er durch "Alien" erreicht hat, beschert ihm immer noch genug Aufträge. Im H. R. Giger-Museum in Gruyere ist ein großer Teil seiner Werke ausgestellt. Schweizer Museen haben viele seiner Bilder gekauft, in Erlangen war kürzlich eine große Giger-Ausstellung zu sehen. Der Mann könnte zufrieden sein. Ist es aber nicht. "Ein Fressen für den Psychiater" heißt eine Mappe mit Zeichnungen. In der Tat sind die meisten Arbeiten des Grusel-Großmeisters ein Ausdruck seiner Zerrissenheit: Auf der einen Seite der starke Schaffensdrang, auf der anderen Seite die Angst vor dem Leben. Müllentsorgung als Ende In seinem "Passagentempel" bringt H. R. Giger die verschiedenen Seiten des Lebens zusammen. Wer diesen tempelartigen Raum, der aus vier Bildwänden besteht, betreten will, muss durch eine Öffnung schlüpfen, die H. R. Gigers Körpermaßen entspricht. Eine Seite stellt den Tod dar, eine die Geburt. Den Tod symbolisiert Giger mit der Rückseite eines Müllwagens. Die hydraulische Kippvorrichtung, die organisches und anorganisches Material im Schlund des Lastwagens verschwinden lässt, fasziniert und schockiert Giger zugleich: Müllentsorgung als Endstation allen Lebens. Die Seite des Tempels, die die Geburt darstellt, ist nicht weniger erschreckend. Durch einen offenen Reißverschluss blinzeln hässliche Babys und Totenschädel ins Leben. Der Ausgang wird von ekligen Zwergen, monströsen Zangen und mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten bewacht. Aber: Am Ende des Tunnels ist Licht zu sehen. Zwar wenig, aber immerhin ... |
Menschenopfer für den Satan. taz0000020010818dw440085o Von GABRIELE LESSER. 547 Words 04 April 2000 taz - die tageszeitung German (c) 2000 taz, die tageszeitung |
Menschenopfer für den Satan Wegen eines rituellen Doppelmordes verurteilt ein Gericht im polnischen Kattowitz zwei Satansjünger zu langjährigen Freiheitsstrafen |
WARSCHAU taz Eine Satansmesse hatten sie feiern wollen, vier junge Leute, Freunde vom Sandkasten an und ohne größere Probleme, wie es schien. In einem Bunker im schlesischen Ruda Slaska war alles vorbereitet: das umgekehrt aufgehängte Kreuz, schwarze Kerzen und Kreide, um die Teufelsbeschwörungen an die Wand zu malen. Festlich gekleidet betraten sie die Kultstätte des Bösen. Als die 19-jährige Karina und der 17-jährige Kamil knieten, stachen Tomasz Suszyna und Robert Krakowian zu. Weder Karina noch Kamil wussten, dass sie Satan geopfert werden sollten. Vergeblich schrien sie gegen die rituellen Teufelsbeschwörungen der Freunde an. Nach je 19 Stichen waren beide tot. Dann versuchte Tomasz Suszyna Selbstmord zu begehen, hieb sich das Messer mehrmals in den Bauch, fiel aber nur in Ohnmacht. Stunden später retteten Ärzte im nahen Krankenhaus sein Leben. Robert Krakowian, der auch hatte Selbstmord begehen sollen, rannte in Panik aus dem Bunker. Am nächsten Tag wurde er von der Polizei gefasst. Ende letzter Woche, gut ein Jahr nach dem Ritualmord, sprach das Gericht in Kattowitz das Urteil: lebenslänglich für Tomasz Suszyna (20), da dieser keine Reue zeigte. 25 Jahre Haft für Robert Krakowian (21), der heute nur mit Entsetzen an die Nacht im Bunker zurückdenkt. Aus Angst, in einer Teufelsmesse geopfert zu werden, haben sich in den letzten Tagen über hundert junge Menchen aus ganz Polen bei Ryszard Nowak, dem Chef des polnischen "Komitees zur Verteidigung gegen Sekten", gemeldet. Schätzungen zufolge bekennen sich in Polen rund 20.000 junge Menschen zum Satanskult. Die Zahl der Sektenanhänger hat Anfang der 90er-Jahre stark zugenommen und ist bis heute auf rund eine Million gestiegen. Legal registriert sind in Polen 150 "religiöse Bewegungen", weitere 150, davon gehen Experten aus, leben ihren Kult möglichst losgelöst von jeder gesellschaftlichen Kontrolle. Zu ihnen zählt auch die "Kirche Satans", die auf den Gründer Anton Szandor LaVey zurückgeht und sich als "brutale Religion des Elitedenkens und Sozialadarwinismus" bezeichnet. Vor allem für Jugendliche gefährlich ist der individuelle Satanismus, dessen Anhänger auch die "Satanische Bibel" lesen und die "neun satanischen Gebote" LaVeys anerkennen, zusätzlich aber in schwarzen Messen den Teufel als "Gott des Bösen" anbeten und ihm Opfer darbringen. Meist sind dies kleine Tiere, es können aber auch Menschen sein. In Polen ist der Ritualmord von Schlesien bereits der vierte in Folge. 1993 hatte ein Satanist ein Mädchen auf dem Friedhof von Zabrze hingerichtet, 1997 trieb ein Sektenführer in Biala Podlaska zwei Schüler und bekennende Satanisten in den Selbstmord, im Jahr darauf ermordete ein Teufelsjünger in Legnica einen Obdachlosen "für meinen Herrn", wie er bekannte. Nicht nur der Staat, auch die katholische Kirche hat nach dem ersten Ritualmord Gegenmaßnahmen ergriffen. In Tschenstochau, dem wichtigsten Wallfahrtsort in Polen, hat das staatliche Komitee zur Verteidigung gegen Sekten seinen Sitz. In Warschau kümmert sich der Dominikanerorden um Sektenopfer und deren Angehörige. Vor 1989 war die Kirche der Hort des politischen Widerstandes. Heute ist sie eine Institution, die moralisches Wohlverhalten einfordert und die Gläubigen über regelmäßige Hausbesuche kontrolliert. Eine Million Abtrünnige haben die Kirche in Alarmbereitschaft versetzt. Dennoch bleibt die Kontrolle der Gläubigen ihr Allheilmittel. Gerade sie treibt die Jugendlichen in die Arme der Sektenführer. GABRIELE LESSER. (c) 2000 taz, die tageszeitung. |
Satanskult greift um sich. tanz000020010817dw44008ws 237 Words 04 April 2000 Tages Anzeiger German (c) 2000 Tages Anzeiger Homepage Address: http://www.tages-anzeiger.ch |
Der Satanskult findet auch in der Schweiz immer mehr Anhänger. Vor allem Jugendliche kokettieren gern mit dem Teufel und praktizieren okkulte Rituale. Die Grenzen zwischen vergleichsweise harmlosen Teufelsanbetungen und hartem Satanismus sind fliessend. Wirkliche Satanisten, die in einem Orden organisiert sind, gibt es bei uns schätzungsweise ein paar Hundert. Die Zahl der Gruftis und heimlichen Teufelsverehrer dürfte allerdings in die Tausende gehen. Tendenz steigend. Der erfolgreichste Orden in der Schweiz ist die Church of Satan, die 1966 von Anton Szandor La Vey gegründet worden ist. Sein Buch "Satanische Bibel" ist ein Bestseller. Schweizer Jugendliche finden vor allem über das Buch "Lukas - vier Jahre Hölle und zurück" Zugang zum okkulten Gedankengut. In vielen Oberstufenschulen grassieren okkulte Ideen und Rituale. Bei den meisten verliert sich die Faszination gegenüber den "schwarzen Kräften" mit der Zeit. |
Tödlich endete das okkulte Spiel hingegen für zwei 13-und 14-jährige Schülerinnen in Dietikon ZH: Nachdem ihnen bei einem Ritual das Todesdatum vorausgesagt worden war, stürzten sie sich 1990 vom 14. Stock eines Hochhauses. Zu den harten Satanisten müssen fünf junge Männer aus dem Raum Wädenswil ZH gerechnet werden, die zwischen 1996 und 1999 viele Friedhöfe und eine Kirche schändeten. Ausserdem zelebrierten sie schwarze Messen, schlitzten Kaninchen auf und assen ihre Herzen. Im September 1998 erstach ein 24-jähriger Satans-Anhänger in Balgach SG eine 55-jährige Frau. (sta.). (c) 2000 Tages Anzeiger Homepage Address: http://www.tages-anzeiger.ch. |
Frau nahm mit Brotmesser und Schere Kaiserschnitt vor. fdg0000020010821dw3700qg5 117 Words 07 March 2000 15:30 GMT Reuters - Nachrichten auf Deutsch German (c) 2000 Reuters Limited |
Kapstadt, 07. Mär (Reuters) - Eine 26-jährige Südafrikanerin steht am Dienstag wegen versuchten Mordes vor Gericht, weil sie mit einem Brotmesser und einer Schere einen Kaiserschnitt an einem schwangeren Mädchen vorgenommen hatte. Die Entbindung, die die 16-Jährige Mutter ohne Betäubungsmittel erduldete, wurde von einer Gruppe Kinder beobachtet und der Polizei gemeldet. Die Polizei brachte das Mädchen, das unter Schock stand und unter schwerem Blutverlust litt, sofort in ein Krankenhaus. Die Polizei untersucht verschiedene Motive für die Tat. Es kämen sowohl Satanismus als auch Eifersucht in Frage. Die 16jährige Mutter und das Baby befinden sich nach ärztlichen Angaben in einem zufrieden stellenden Zustand. cff/bek. |
(c) Reuters Limited 2000. |
Begegnung des Schicksals. diep000020010805dw1l00mv7 96 Words 21 January 2000 Die Presse German (c) Die Presse 2000 www.diepresse.at. |
Kids im Krieg, Amerika als Höllenstaat: Zeichentrick, unflätig, bizarr.@LP-09009/41501-499 Von Sex, Suche und Geld. Neues Kino aus Frankreich.@LP-505 Jarmuschs Killer-Epos.@LP-502 Total-Verlierer (Bild: Kevin Spacey) rebelliert. Weit überschätzte US-Zynismus-Comedy. @LP-501 Denzel W., gelähmt, jagt Serienkiller. Konstruiert, banal.@LP-503 Gruseltheater um Willis.@LP-500 Die Wunden Jesu brechen wieder auf: übler Endzeit-Satanismus um Patricia Arquette.@LP-498 Arnolds Endzeit-Show.@LP-496 "Random Hearts": angewandter Kitsch mit Harrison Ford.@LP-497. |
Keine Anhaltspunkte für Satanismus nach Selbstmorden. dstan00020010806dw1h00oh5 250 Words 17 January 2000 Der Standard German (c) 2000, Der Standard. http://www.derstandard.co.at/ |
Innsbruck/Ried - Drei Selbstmorde von Jugendlichen im Oberinntal, die zunächst in einen satanistischen Zusammenhang gestellt wurden, sorgen nach lokalen Medienberichten für Unruhe in der Region. In Serfaus hatte sich Ende Oktober ein 20-Jähriger erhängt, am Heiligen Abend war ein 17-jähriger Freund von ihm von einer Brücke gesprungen. Und in Pfunds nahm sich ein 16-Jähriger in der Silvesternacht das Leben. Die Tiroler Tageszeitung sah mit einer Headline auf der Titelseite ("Mysteriöse Selbstmorde im Oberland") und nachfolgend auch im Blattinneren die "Freitodserie von Satanismus begleitet". Verärgert reagieren sowohl die mit den Todesfällen betraute Gendarmerie in Ried als auch Dekan Heinrich Thurnes. |
Der zuständige Kripobeamte Mathias Auer sieht "keine konkreten Anhaltspunkte" für Satanismus, die örtliche Gendarmerie "keine Bestätigung für Gerüchte", die bei näherer Betrachtung meist denselben Ausgangspunkt hätten. Sie ortet allenfalls Parallelen bei den Todesfällen in Serfaus. Beide befreundeten Jugendlichen stammten aus dem Gastgewerbe und hätten wohl Belastungen durch rasch gewachsene Hotelstrukturen gespürt, beide hätten sie "Probleme am Arbeitsplatz" gehabt, in der Lehre im Gastgewerbe beziehungsweise in der elterlichen Nebenerwerbslandwirtschaft. Auch der dritte Jugendliche stamme aus einer Hoteliersfamilie. Zur satanistischen Fährte war es nach dem zweiten Begräbnis in Serfaus gekommen. Diakon Johannes Schwemmberger hatte am Dorfplatz eine Gruppe ortsfremder Jugendlicher gesehen, die schwarze T-Shirts mit umgekehrten Kreuzen trugen. Die Gendarmerie spricht nach mehreren Einvernahmen von der eher harmlosen "Grufti-Szene". Dekan Thurnes zum Standard: "Wir müssen uns eher ernsthafte Gedanken machen, warum junge Leute bei uns mit dem Leben nicht zurecht kommen." (bs). |
Satans Pforte in die Welt. neuzz00020010908dvcg0076d Von Horlacher, P. 696 Words 16 December 1999 Neue Zürcher Zeitung German Besuchen Sie die Website der führenden Schweizer Internationalen Tageszeitung unter http://www.nzz.ch |
Polanskis «The Ninth Gate» oder Rosemarys Nachgeburt «Rosemary's Baby» (1968) ist, vielfaches Wiedersehen von Roman Polanskis fünftem Film bekräftigt es, ein Meisterwerk. Besser gesagt: ein Meisterwerk geblieben. Denn vieles, was in der Filmgeschichte einst als wegweisend betrachtet wurde, hält dem Lackmustest der Dauer nicht stand; auch Filme altern, wie die Menschen, die sie machen, besser oder schlechter. Die - immerhin dreissig Jahre alte - Jugendfrische von «Rosemary's Baby» ist um so erstaunlicher, als den meisten vernünftigen Leuten das Thema des Films, Satanismus, noch weniger nahe steht als sonstiger esoterischer Mumpitz. Doch damals zeugte Polanski mit dem Baby des Bösen eine beängstigende Parabel über Vertrauen und Verrat, über Mutterschaft und Entmündigung, über Paranoia und Verfolgung, die noch heute weit über den Thrill des Psycho-Horrors hinaus Wirkung zeigt - und auf das Genre weiterhin Wirkung hat. |
Drei Dekaden und zehn Filme später (darunter sein letzter grosser Erfolg aus dem Jahre 1974, «Chinatown», und zahlreiche kommerzielle Misserfolge wie «Tess», «Pirates» oder «Bitter Moon») knüpft Polanski mit «The Ninth Gate» sozusagen an die Nabelschnur von «Rosemary's Baby» an: Erneut geht es um nicht weniger als den Teufel - wie wir erst allmählich merken -, erneut schält sich das biblische Böse heraus aus einem ganz im Realistischen - anfangs gar im Humorigen - gehaltenen Geschehen, und erneut siegt am Ende Satan. Oder vielleicht doch nicht? Denn bis wir, nach über zwei (etwas zu langen) Stunden mit Rosemarys aktualisiertem Pendant, dem zynischen Yuppie Dean Corso, schliesslich durch die sagenhafte neunte Pforte gehen - zur Hölle fahren? -, verstehen wir nur noch Bahnhof. Wo genau der Zug vom interpretierbaren Übersinnlichen abhebt in die Wolken totaler Konfusion - getragen auf Engelsflügeln, getreten von Bocksfüssen - und sein Publikum verdattert unter sich zurücklässt, wird auch im angestrengten Rückblick nicht ganz klar, ist allerdings auch nicht von grosser Bedeutung. Denn klar wird bis zu diesem Zeitpunkt - ein individuell flexibler: der eine betreibt noch tapfer Exegese, wo die andere vor dem Unerklärlichen längst kapituliert hat -, dass «The Ninth Gate» trotz vielen narrativen Irrwegen grosse Spannung und beträchtliches Vergnügen bereitet. Dass der langsame Fall eines heutigen Materialisten in eine mittelalterliche Hölle des Unkontrollierbaren zwar keineswegs an «Rosemary's Baby» heranreicht, die teuflische Story - nach dem Roman «Der Club Dumas» von Arturo Perez-Reverte - aber in der gleichen, hoch kompetenten Regie veredelt wurde. Im Gegensatz zu «Rosemary's Baby» ist Satans Pforte in die Welt zwar keine fragile Unschuld wie die engelhafte Mia Farrow, sondern ein skrupelloser Söldner des internationalen bibliophilen Kapitals: Ein ebenso heissäugiger wie kaltschnäuziger Johnny Depp ist hier als Bücher-Jäger und - Detektiv im Auftrag von fanatischen Sammlern unterwegs auf der Suche nach verschollenen literarischen Raritäten. Trotzdem entwickelt Polanski im Laufe seiner ruhigen, mit einer wunderbar atmosphärischen Photographie (von Darius Khondji) ausgestatteten Inszenierung erneut so etwas wie einen bildhaften Prozess vom Verlust menschlichen Urvertrauens. Zeitgemäss ist dieses gewandet ins übersteigerte Selbstvertrauen eines profitgierigen Ellbogen-Typen, in den naiven Glauben eines cleveren Bürschchens an die Macht des Geldes also. Dean Corso ist der Inbegriff jenes coolen, von keines Zweifels Blässe angekränkelten Männer-Typus, der - Polanski macht es ohne Klischees anschaulich - sich besonders leicht vom Teufel reiten lassen könnte. Als Dean Corso vom Dämonologie-Spezialisten Boris Balkan (Frank Langella) den Auftrag erhält, die Welt nach den beiden letzten Exemplaren eines legendären Hexerei-Handbuches mit dem Titel «Die neun Pforten ins Reich der Schatten» zu durchforsten, hält Satan Zaumzeug und Sattel bereits in der Hand. Beziehungsweise einen blonden Engel mit Helm und Motorrad am Zügel ... Es kündigt sich an, dass das Ende des Jahrhunderts, nicht zu reden vom Ende eines Jahrtausends, uns den ganzen filmischen Hokuspokus grassierender Millenniums-Ängste bescheren wird. Hinter uns haben wir bereits die Marketing-Hexerei «The Blair Witch Project», vor uns liegen Arnold Schwarzeneggers tränenreicher Zweikampf mit dem Teufel persönlich in «End of Days», ebenso Bruce Willis' Entdeckung seiner übersinnlichen Ader in «The Sixth Sense». Und in «Stigmata» schliesslich wird sich der Vatikan endlich selbst zu Worte melden. Im Kino werden wir deshalb nur eines fürchten müssen: dass Polanski weit und breit der einzige bleiben könnte, der intelligente Unterhaltung in einem Genre offeriert, das sich sonst mit Intelligenz eher schlecht paart. (Kino Capitol, Cinemax in Zürich) Pia Horlacher. Homepage Address: http://www.nzz.ch. |
Bibliophilie und Satanismus - Eine Detektivgeschichte. dstan00020010904dvcg0033m 510 Words 16 December 1999 Der Standard German (c) 1999, Der Standard. http://www.derstandard.co.at/ |
Ab Freitag: "The Ninth Gate" von Roman Polanski Dominik Kamalzadeh |
Wien - Der Teufel und seine Handlanger kommen zurzeit höllisch ins Schwitzen. Denn kurz vor dem Jahrtausendwechsel tobt im Kino eine nicht enden wollende Walpurgisnacht: Ob Hexensabbat, schwarze Messe oder anderer metaphysischer Schabernack - mit verstaubten Okkultismen werden kollektive Ängste bedient und dabei gleich rationell verwertet. Außer The Blair Witch Project fand bisher jedoch kein Film eine inspirierte Form, die meisten (zuletzt End of Days) leisten ihre Beschwörungsrituale routiniert und belanglos ab. Von Roman Polanski, dem alten Meister im Horrorfach (Rosemaries Baby, Ekel), durfte man sich da schon mehr erhoffen, selbst wenn er in den letzten Jahren (Bitter Moon, Der Tod und das Mädchen) nicht mehr als solides Mittelmaß vorzeigte: The Ninth Gate, frei nach einem Bestseller von Arturo Perez-Reverte, beginnt denn auch sympathisch unaufgeregt, wenngleich nicht weniger düster: Ein alter Mann schreibt eine Notiz. Die Kamera von Darius Khondji (Seven) löst sich von ihm, starrt lange auf einen Hocker, schwenkt langsam auf den Galgen darüber. Ein Abschiedsbrief, ein Selbstmord. Dann erlischt die Sicht im Dunkel einer Lücke der Bibliothek des Toten. Das fehlende Buch, das alle auf den Plan rückt, hat noch schnell den Besitzer gewechselt: Von The Ninth Gate, einer unter bibliophilen Satanisten heiß begehrten Rarität, gibt es bloß drei Exemplare, dem Besitzer soll sie den Weg in die Orkustiefen weisen. Einer von ihnen, Boris Balkan (ein Name wie ein böses Omen), will sichergehen, dass er die Erstausgabe ergattert hat und heuert dafür Dean Corso, einen Private Eye für Bücher, an (Johnny Depp, mit Nickelbrille und Bärtchen betont "intellektuell"). The Ninth Gate hat mit seinem Erzählmotiv der Suche, der Figur des Ermittlers, der sich mehr und mehr selbst in einem Netz der Schuld und Täuschungen verstrickt, seine Wurzeln unverkennbar in der Detektivgeschichte: eine Art Film Noir in okkulter Umhüllung, den Polanski um seinen Helden zimmert, dessen Handeln einem ominösen Wissen hinterhereilt. Kaum eine Einstellung, die nicht seinen Blick simuliert, kaum ein Detail seiner Reise wird ausgelassen. Das träge Erzähltempo, das man anfangs noch als Qualität dieses Films interpretiert, der auf purgatorische Spezialeffekte verzichtet, beginnt jedoch zunehmend zu ermüden. Statt auf Spannung durch Verknappung, setzt The Ninth Gate auf Redundanzen: Jede Visite bei einem der Buchbesitzer endet mit einem kleinen Fegefeuer. Zwischendurch ist Depp ein Philologe und nimmt die Illustrationen des bösen Werks, die von Luzifer selbst stammen sollen, unter die Lupe. Ein engelhaftes Wesen (Emmanuelle Seigner) ist Corso zwar stets einen Schritt voraus, wirft den Film jedoch um zwei zurück. Polanski meinte, er hoffe zu zeigen, dass er diese Teufelsanbeter nicht wirklich ernst nehme: Dieses Anliegen geht jedoch durch die Unentschiedenheit seiner Szenen verloren. The Ninth Gate ist weder seriöser filmischer Horror noch dessen Parodie: Gerade im Finale laviert der Film zwischen peinlicher sexueller Metaphorik (Koitus vor brennender Burg) und schrillen satanischen Kulten, etwa einer Selbstaufopferung, um die Sache dann, nach all den Längen, zügig, fast skizzenhaft zu Ende zu bringen. Ein schneller Tod nach langer Krankheit. Doch keine Bange, die infernalische Welle ebbt vorerst nicht ab: Demnächst The Sixth Sense, Stigmata et cetera. |
Wenn der Satan von sich hören lässt. taz0000020010911dvbj00fot Von Heike Haarhoff. 1522 Words 19 November 1999 taz - die tageszeitung German (c) 1999 taz, die tageszeitung |
Wenn der Satan von sich hören lässt Am Samstag wusste jeder im Dorf: Nicole liegt nicht mehr in ihrem Sarg. Ab Samstag wusste jeder im Dorf: Die Leiche wurde gefunden, nicht gefunden, einem Hund wurde der Kopf abgehackt, nicht abgehackt ... Aus Buttenheim Heike Haarhoff |
An Gottes Segen ist alles gelegen. Hauswand, Buttenheim 1999 * Wer hierher kommt, hat einen Grund. Es hat geschneit im Oberfränkischen, und die Reifen mühen sich, den steilen Berghang nicht wieder hinabzurutschen. Meter um Meter fräsen sie sich aufwärts, vorbei an Stoppelfeldern, durch ein kurvenreiches Wäldchen. Nach einer Viertelstunde Fahrt ein verwitterter Wegweiser: "Bergkapelle". Ein Häuschen, Grundfläche gut zehn Quadratmeter. Die Eingangstür ist unverschlossen. Im Innern vier Holzbänke, Kruzifixe, eine hölzerne Maria, die ihren geschnitzten Sohn im Arm hält und eine Luft, die nach langjähriger Abwesenheit müffelt. Es soll Besucher gegeben haben. Der Pfarrer von Eggolsheim erzählt von umgekippten Bänken vor ein paar Jahren und Kreuzbildern, die am Boden lagen. Der Bürgermeister aus dem Nachbardorf Buttenheim spricht von gestohlenen Leuchtern, Figuren und einem verschwundenen Holzaltar im vorigen Jahr. Der Leitende Oberstaatsanwalt aus Bamberg berichtet über Antiquitätendiebstähle im Raum Forchheim. Der Polizist Joseph Kohlmann erinnert sich an fehlende Kerzenleuchter, so etwa vor fünf Jahren im Herbst. "Mehr war da nicht." Oder doch? Es gab diesen Mann, der in den Weihwasserkessel pinkelte, aber das war 1998 und ereignete sich nicht in der Bergkapelle, sondern in der katholischen Kirche von Eggolsheim, und außerdem, sagt der Polizist Joseph Kohlmann, war das ein Kosovo-Albaner, und der leistet jetzt in seiner Heimat Wiederaufbauarbeit. Kein Grund also, diesem Geschwätz der Leute unten in den Dörfern über Satanskult, schwarze Messen und grässliche Rituale mit gestohlenen Leichen Glauben zu schenken. Kein Grund, das Ansehen der kleinen Orte zwischen Bamberg und Nürnberg stärker in Verruf zu bringen, als es die Medien ohnehin jetzt tun. Sicher ist nur eines: Die Bergkapelle von Eggolsheim hat etwas mit "dem Fall" zu tun - oder auch nicht. Wie alles, was dieser Tage im Oberfränkischen diskutiert wird, in einem oder keinem Zusammenhang mit "dem Fall" steht. Der Fall. Johann Kalb braucht zwei Zigaretten, bevor er in seinem Bürgermeisterzimmer in Buttenheim darüber sprechen mag: "Da denkst du, du lebst hier in einer heilen Welt, während anderswo einer seine ganze Nachbarschaft niederballert oder einer seine Lehrerin ersticht." Und dann kommt an diesem schönen Samstagmorgen vor einer Woche der Totengräber aus deiner beschaulichen 3.000-Seelen-Gemeinde vom Friedhof zu dir nach Hause gerannt und bricht fast vor dir zusammen, weil die Leiche weg ist, die gerade beerdigt werden sollte. Die Leiche der 14-jährigen Nicole aus Altendorf, Verwaltungsgemeinschaft Buttenheim. Verschwunden, heimlich aus dem Sarg herausgenommen, aus der Friedhofskapelle entführt, von Unbekannten. Die Tat hätte keiner bemerkt, hätte die Bestatterin nicht noch einmal den Sarg geöffnet, damit Nicoles Eltern sich von ihrer verunglückten Tochter verabschieden konnten. Nicole war Anfang der Woche am Bahnsteig in Buttenheim von einem Zug erfasst worden. Aber statt des Mädchens waren am Samstag nur noch zwei Puppen im Sarg. Spuren? Nein, nichts, kein Fenster eingeschlagen, keine Tür aufgebrochen, na gut, das Eisenschloss war auch mit einem Dietrich zu knacken. Aber wem die Totenruhe nicht heilig ist, den hält auch kein Schloss auf. Sogar der Sarg war wieder ordentlich mit allen sechs Schrauben verschlossen, so, wie ihn die Bestatterin am Donnerstag in der Kapelle eingeschlossen hatte. Nicoles Mutter ohnmächtig, 100 Trauergäste, die irgendwer nach Hause schicken müsste, die Kripo schon vor Ort ... Der Totengräber überschlägt sich, und dir wird klar, dass das Leichenraub und pervers ist. Die schöne Pressekampagne zur Eröffnung des Museums für den Jeanskönig Levi Strauss, 1819 in Buttenheim geboren, wirst du vorerst vergessen können. Die Medien werden über Buttenheim herfallen, und sie werden den Namen Buttenheim berühmt machen, auf eine Art. Die Kamerateams lauern überall. Sie stellen dem Totengräber und der Bestatterin nach, weil die als einzige neben der Gemeindeverwaltung Schlüssel für die Friedhofskapelle besaßen. Sie stürmen das Büro des Bürgermeisters und fragen, ob der das polizeiliche Führungszeugnis des Totengräbers kenne. Sie filmen die Freundinnen, die an der Unfallstelle am Bahnhof rosa Rosen niederlegen. Sie belügen Nicoles Mutter so lange, dass es zur Aufklärung des Verbrechens hilfreich sein könnte, wenn sie öffentlich erklärt: "Gebt mir den Leichnam meiner Tochter wieder", bis die Mutter sich im Interesse der Einschaltquote überwindet. In den ersten Tagen mochte das noch befriedigen, aber heute ist schon Freitag, und fast eine Woche nach ihrem Verschwinden gibt es von der toten Nicole immer noch keine Spur. Seit sechs Tagen fahnden Polizei und Staatsanwaltschaft; die zuständige Polizeidirektion Bamberg hat eine achtköpfige Arbeitsgruppe eingesetzt. Die Streifzüge zu Fuß, im Wagen und im Hubschrauber brachten nur eine Erkenntnis: Die Leiche scheint nicht auffindbar. Inzwischen haben die Beamten ihre Sucherei zu Fuß so gut wie eingestellt. "Wir haben nicht einmal Anhaltspunkte, wo wir anfangen sollten." Man hoffe auf Hinweise aus der Bevölkerung. Gegen 3.000 Mark Belohnung. Vielleicht war das der Startschuss. Vielleicht war das die Ermutigung, in Buttenheim, wo von 100 Einwohnern 88 der katholischen Kirche, dem örtlichen Fußballverein, der CSU sowie den vier Brauereien die Treue halten, endlich all das auszusprechen, was in Zeiten, da keine Leichen geraubt werden, vermutlich nicht einmal der Pfarrer bei der Beichte zu hören bekommt. Der Teenie aus dem Schulbus erinnert sich plötzlich an diesen komischen umgebauten Leichenwagen, der öfters in einer Nachbarstraße von Nicoles Wohnung gestanden habe. Ob das stimmt oder nicht, spielt keine Rolle. Weiter kommt er sowieso nicht, denn jetzt will sein Kumpel auch mal was erzählen, und zwar von dem Hund, dem jemand den Kopf abgeschlagen hat und dessen blutiger Schädel dann aufgespießt an einem Kruzifix am Ortsausgang endete. Je gruseliger, desto besser. "Die schreckliche Ungewissheit darüber, wer die Leiche warum gestohlen hat, und das Bedürfnis, diese Ungewissheit zu beenden, kann zu den wildesten Theorien führen." Klaus Schwab kann das gut nachvollziehen. Ihm sitzt der Schrecken noch in den Gliedern, hier auf der Couch in seinem Wohnzimmer, weit weg von der Ortsausfallstraße in Buttenheim, wo zwischen Donnerstag abend und Samstag morgen ein Profi in Sachen Einbrechen sich der toten Nicole bemächtigt haben muss. Klaus Schwab ist der Theologe, der Nicole beerdigen sollte. "Eine Hochzeit kann kippen", sagt er. "Aber eine Beerdigung, das ist 'ne todsichere Sache, eine Beerdigung findet immer statt." Doch nun ist dieses Tabu in Buttenheim gebrochen, und mit ihm auch das, worüber man eigentlich schweigt. Schon einmal, glaubt ein Mann an der Bushaltestelle zu wissen, sei ein Leichnam ausgebuddelt worden, und zwar im Nachbarort Hirschaid, wo Nicole ja zur Schule ging, und dem hätten sie dann den Kopf abgehackt. Oder geschah dies gar nicht in Hirschaid, sondern in Peine bei Hannover, wo vor einem Monat tatsächlich das Grab eines 13-jährigen Mordopfers geschändet worden ist? Oder war das mit dem Ausbuddeln alles nur ein Versuch, wie im Oktober am Grab eines Jugendlichen in Hessen? Ist die 14-jährige Nicole nicht längst aus einem Baggersee geborgen worden, worauf der Taxifahrer schwören möchte? Egal. Es hat so viele Buttenheims gegeben, andernorts. In Sondershausen in Thüringen erdrosselten 1993 drei "Kinder des Satans", ansonsten Gymnasiasten, ihren 15-jährigen Mitschüler. In Berlin zerrten Unbekannte 1995 einen Siebenjährigen, der bei einem Verkehrsunfall verunglückte, aus dem Sarg und bahrten ihn in einem Mausoleum auf. In Dortmund verwüsteten Satanisten das Grab von Zwillingen; in der Kirche St. Katharinen in Finsterwalde sprayten Unbekannte Satanszeichen auf Kanzel und Wände, ramponierten Bilder vom Abendmahl und stellten das Kreuz auf den Kopf. Seit das in Buttenheim die Runde gemacht hat, ist es vorbei mit der Ruhe. Wer länger als gewöhnlich über den Friedhof streift, wird mit einem misstrauischen "Grüß Gott, was suchen S' denn" bedacht. Der katholische Pfarrer verweist Menschen, die ihm mit dem Teufelsthema kommen, neuerdings unter Wuttiraden des Hauses. Vorbei die Zeit, da die Buttenheimer Pensionen die Schlüssel für ihre Gäste sorglos unter der Fußmatte deponierten. Nur die Arbeiter aus der Fabrik, die treffen sich wie gewohnt weiter nach Feierabend in der Kneipe. An Gesprächsstoff mangelt es nicht: ob Nicole wirklich einem Zugunglück zum Opfer fiel - was im Obduktionsbericht steht. Aber weiß man's? Fakt ist, dass vor einiger Zeit in der Gegend ein Pärchen Selbstmord begangen hat. Das lief immer schwarz gekleidet rum und hatte "aah nex zu tun". Prompt gab es diese Hinweise auf Kultismus und schwarze Messen. Und dann die Vorfälle in der Bergkapelle von Eggolsheim. Und was bitte bedeutet dieser "Satan forever"-Schriftzug an der Hintertür von Nicoles Schule in Hirschaid? Eine Schmiererei, wie es sie landauf, landab gibt, beteuert der Schulleiter. Ein Grund, "wirklich in alle Richtungen zu ermitteln", versichert die Polizei. Alles andere als ein schlagkräftiger Beweis für Okkultismus oder Satanismus, sagt der Sektenbeauftragte der Erzdiözese Bamberg. Was nichts daran ändere: Wer Leichen klaut, muss mit großer Wahrscheinlichkeit ein Täter "in höchst psychopathologischer Verfassung" sein. Die Polizei Bamberg hat einen Fahndungsaufruf verteilt. Der hängt nun draußen an der Amtstafel der Gemeindeverwaltung, eingerahmt von den Tierseuchenbeiträgen für das Jahr 2000 und den Terminen der katholischen Erwachsenenbildung. Der Bürgermeister sagt, dass die Normalität zurückkehren wird nach Buttenheim. "Die schreckliche Ungewissheit und das Bedürfnis, diese zu beenden, können zu den wildesten Theorien führen." "Eine Hochzeit kann kippen. Aber eine Beerdigung, das ist 'ne todsichere Sache, eine Beerdigung findet immer statt." (c) 1999 taz, die tageszeitung. |
"Tötet Mrs. K.! Tötet Mrs. Sch.!" sddz000020010910dvbd01gtr 876 Words 13 November 1999 Süddeutsche Zeitung German (c) 1999 Süddeutsche Zeitung |
Wie Münchner Jugendliche auf die Amokläufe Gleichaltriger reagieren - und welche Rolle für sie die Medien spielen |
Das ist ein ganz normaler Mittwochabend im Münchner November, es ist kalt und regnet, RTL wirbt mit dem Spruch "Wer in der Schule nicht aufpasst, stirbt" für einen Film um 20.15, und einige Teenager haben sich in den McDonald's an der Feilitzschstraße zurückgezogen, da ist es warm und hell und es gibt Pommes. Im Nebenraum, wo sonst lustige Kindergeburtstage stattfinden, macht sie eine Clique ein paar Gedanken darüber, warum ein 16-jähriger Amokläufer vier Menschen und sich selbst erschießt oder ein 15-Jähriger seine Lehrerin mit 22 Messerstichen umbringt. "Reinwürgen kann man es einem Lehrer am besten, wenn man gute Noten schreibt", sagt Anna-Katharina, was alle ziemlich lächerlich finden. Neulich, sagt sie, sei ein Lehrer von der Schule an eine Leitplanke gerast und tot gewesen, "da haben sich alle total gefreut, weil der war blöd und unterrichtete außerdem Französisch". Alle stimmen zu. Die Plauderrunde wird immer ausgelassener. Sollte man eventuell Computergewaltspiele verbieten? "Neeeeeein", tönt es empört, vor allem von Christine, die anmerkt, "die Sechsjährigen spielen doch auch schon Krieg, warum soll man da uns 15-Jährigen unsere Spiele wegnehmen?" Vielleicht deswegen, weil irgendwann einer auf echte Passanten feuert? Robert hat viele Mörderspiele, weshalb ihn seine Freunde fragen, ob sie nun vor ihm Angst haben müssen. Nee, sagt Robert gelassen, "da muss einer ja schon einen psychischen Knacks haben, um da in der Gegend rumzuballern". Übrigens, sagt Anna-Katharina, jetzt läuft im Kino "Tötet Mrs. Tingle" an. Der handelt davon, dass eine Lehrerin ziemlich streng ist, weshalb sich die geplagten Schüler rächen müssen. "Natürlich gehen wir da jetzt alle rein", kündigen alle einstimmig an und stellen sich schon die Peinigung eigener Studienräte vor: "Tötet Mrs. K.! Tötet Mrs. Sch.!" Tolle Stimmung gerade. Schon möglich, dass das Thema im Partyzimmer eines Schnelllokals etwas kindisch abgehandelt wird. Aber es war für die sechs Achtklässler aus Gymnasium und Realschule auch sonst kein Thema - nicht im Unterricht, nicht auf dem Pausenhof. Und nach ähnlichen Gesprächen stellt sich schnell heraus, dass es eigentlich für niemanden ein Thema war. Schon gar nicht für einen 19-Jährigen, der sich Ant nennt und in einem Schuhladen arbeitet: "Das ist mir wurscht!", sagt er und zieht lässig an der Zigarette, "so was ist doch Alltag. Das ist doch nicht mehr aufregend." Die Ausraster von Bad Reichenhall und Meißen sind offenbar nichts Besonderes, aus Amerika kennt man das ja schon alles. Vielleicht lassen sich ja doch ein paar Erkenntnisse gewinnen. Alexandra ist 16 und macht eine Lehre, sie erinnert sich, dass sie als Klassensprecherin versuchte, auch Außenseiter zu integrieren. "Vielleicht sollte man mehr an seine Mitmenschen denken und mehr miteinander reden", sagt sie, was aber wiederum nichts daran ändere, dass "das halt keiner ernst nimmt, wenn einer ankündigt, die Lehrerin umzubringen. Da denkt man halt, der macht sich nur wichtig". Den eigenen Gewaltkonsum will deswegen aber keiner einschränken. Ilker, 15, zur Zeit an einer Wirtschaftsschule, besitzt (wie sehr viele andere übrigens auch) das Computerspiel Resident Evil 2, in dem es darum geht, Zombies niederzumetzeln. "Bald krieg ich den dritten Teil", freut er sich. Ob er sich vorstellen kann, davon gewalttätig zu werden? Da schaut er plötzlich so entgeistert, als habe man ihn zum Idioten erklärt. Fassungslos sagt er: "Das ist doch nur ein Spiel". Immerhin haben die Realschüler Stefan und Sascha beobachtet, dass manche Zombiejäger "leichter ausrasten oder zu jemandem sagen, sie würden ihn gleich aufschlitzen". Normalerweise bleibt es aber dabei. Überhaupt, fügt Sascha, 15, hinzu: "Wenn man einen guten Freund hat oder Eltern, mit denen man reden kann, dann kommt man nicht soweit, dass man ausrastet". "Ziemlich krass" Letztlich scheint es, dass die Gemetzel jüngster Zeit auch deswegen so unbemerkt an den Jugendlichen vorbeirauschen, weil sie so abstrus und unbegreiflich sind, dass sie keiner mehr als Realität wahrnimmt. Ant vom Schuhladen befindet also über den Todesschützen von Bad Reichenhall: "Der hat zu viele Filme gesehen, der Vollidiot. Muss ziemlich am Ende sein, der Typ". In der Realschule von Nino, 15, haben sie am Donnerstag ein bisschen über die erstochene 44-Jährige geredet in der Religionsstunde. Die Lehrerin fand es "ziemlich krass" und ein Mitschüler "verrückt". Nach fünf Minuten wusste keiner mehr, was er jetzt noch alles sagen sollte, worauf sich die Klasse einen Dokumentarfilm anschaute - über Satanismus. An Lauras Realschule haben sie sich immerhin anderthalb Stunden Gedanken gemacht, "weil es doch ein bisschen viel war in letzter Zeit". Als Hausaufgabe muss nun jeder aufschreiben, was ihn selbst zu einem Amoklauf bringen würde. Für Laura eine schwierige Aufgabe: "Ich kann es mir einfach nicht vorstellen." Für sich selbst können die meisten allerdings entscheiden, wie viel Gewalt sie verbrauchen wollen und welche. Sascha etwa wird sich den Streifen "Tötet Mrs. Tingle" nicht antun, solch absurde Szenarien seien ihm "echt zu kindisch". Jeder hat sich auf seine Weise mit Gewalt durchdrängten Medien arrangiert - wenn einer mal ausrastet, war er eben ein Außenseiter. Überfordert sind anscheinend eher die Erwachsenen. Im McDonald's sitzt auch Christian, 14, dessen Tante neulich ferngesehen und "sich aufgeregt hat - In welcher Welt leben wir, hat sie gefragt". Er bläst Luft durch die Lippen und zuckt mit den Achseln: "Mei", habe er ihr erklärt, "ist halt so". (c) 1999 Süddeutsche Zeitung. |
"Tötet Mrs. K.! Tötet Mrs. Sch.!" sddz000020010910dvbd01d0n 876 Words 13 November 1999 Süddeutsche Zeitung German (c) 1999 Süddeutsche Zeitung |
Wie Münchner Jugendliche auf die Amokläufe Gleichaltriger reagieren - und welche Rolle für sie die Medien spielen |
Das ist ein ganz normaler Mittwochabend im Münchner November, es ist kalt und regnet, RTL wirbt mit dem Spruch "Wer in der Schule nicht aufpasst, stirbt" für einen Film um 20.15, und einige Teenager haben sich in den McDonald's an der Feilitzschstraße zurückgezogen, da ist es warm und hell und es gibt Pommes. Im Nebenraum, wo sonst lustige Kindergeburtstage stattfinden, macht sie eine Clique ein paar Gedanken darüber, warum ein 16-jähriger Amokläufer vier Menschen und sich selbst erschießt oder ein 15-Jähriger seine Lehrerin mit 22 Messerstichen umbringt. "Reinwürgen kann man es einem Lehrer am besten, wenn man gute Noten schreibt", sagt Anna-Katharina, was alle ziemlich lächerlich finden. Neulich, sagt sie, sei ein Lehrer von der Schule an eine Leitplanke gerast und tot gewesen, "da haben sich alle total gefreut, weil der war blöd und unterrichtete außerdem Französisch". Alle stimmen zu. Die Plauderrunde wird immer ausgelassener. Sollte man eventuell Computergewaltspiele verbieten? "Neeeeeein", tönt es empört, vor allem von Christine, die anmerkt, "die Sechsjährigen spielen doch auch schon Krieg, warum soll man da uns 15-Jährigen unsere Spiele wegnehmen?" Vielleicht deswegen, weil irgendwann einer auf echte Passanten feuert? Robert hat viele Mörderspiele, weshalb ihn seine Freunde fragen, ob sie nun vor ihm Angst haben müssen. Nee, sagt Robert gelassen, "da muss einer ja schon einen psychischen Knacks haben, um da in der Gegend rumzuballern". Übrigens, sagt Anna-Katharina, jetzt läuft im Kino "Tötet Mrs. Tingle" an. Der handelt davon, dass eine Lehrerin ziemlich streng ist, weshalb sich die geplagten Schüler rächen müssen. "Natürlich gehen wir da jetzt alle rein", kündigen alle einstimmig an und stellen sich schon die Peinigung eigener Studienräte vor: "Tötet Mrs. K.! Tötet Mrs. Sch.!" Tolle Stimmung gerade. Schon möglich, dass das Thema im Partyzimmer eines Schnelllokals etwas kindisch abgehandelt wird. Aber es war für die sechs Achtklässler aus Gymnasium und Realschule auch sonst kein Thema - nicht im Unterricht, nicht auf dem Pausenhof. Und nach ähnlichen Gesprächen stellt sich schnell heraus, dass es eigentlich für niemanden ein Thema war. Schon gar nicht für einen 19-Jährigen, der sich Ant nennt und in einem Schuhladen arbeitet: "Das ist mir wurscht!", sagt er und zieht lässig an der Zigarette, "so was ist doch Alltag. Das ist doch nicht mehr aufregend." Die Ausraster von Bad Reichenhall und Meißen sind offenbar nichts Besonderes, aus Amerika kennt man das ja schon alles. Vielleicht lassen sich ja doch ein paar Erkenntnisse gewinnen. Alexandra ist 16 und macht eine Lehre, sie erinnert sich, dass sie als Klassensprecherin versuchte, auch Außenseiter zu integrieren. "Vielleicht sollte man mehr an seine Mitmenschen denken und mehr miteinander reden", sagt sie, was aber wiederum nichts daran ändere, dass "das halt keiner ernst nimmt, wenn einer ankündigt, die Lehrerin umzubringen. Da denkt man halt, der macht sich nur wichtig". Den eigenen Gewaltkonsum will deswegen aber keiner einschränken. Ilker, 15, zur Zeit an einer Wirtschaftsschule, besitzt (wie sehr viele andere übrigens auch) das Computerspiel Resident Evil 2, in dem es darum geht, Zombies niederzumetzeln. "Bald krieg ich den dritten Teil", freut er sich. Ob er sich vorstellen kann, davon gewalttätig zu werden? Da schaut er plötzlich so entgeistert, als habe man ihn zum Idioten erklärt. Fassungslos sagt er: "Das ist doch nur ein Spiel". Immerhin haben die Realschüler Stefan und Sascha beobachtet, dass manche Zombiejäger "leichter ausrasten oder zu jemandem sagen, sie würden ihn gleich aufschlitzen". Normalerweise bleibt es aber dabei. Überhaupt, fügt Sascha, 15, hinzu: "Wenn man einen guten Freund hat oder Eltern, mit denen man reden kann, dann kommt man nicht soweit, dass man ausrastet". "Ziemlich krass" Letztlich scheint es, dass die Gemetzel jüngster Zeit auch deswegen so unbemerkt an den Jugendlichen vorbeirauschen, weil sie so abstrus und unbegreiflich sind, dass sie keiner mehr als Realität wahrnimmt. Ant vom Schuhladen befindet also über den Todesschützen von Bad Reichenhall: "Der hat zu viele Filme gesehen, der Vollidiot. Muss ziemlich am Ende sein, der Typ". In der Realschule von Nino, 15, haben sie am Donnerstag ein bisschen über die erstochene 44-Jährige geredet in der Religionsstunde. Die Lehrerin fand es "ziemlich krass" und ein Mitschüler "verrückt". Nach fünf Minuten wusste keiner mehr, was er jetzt noch alles sagen sollte, worauf sich die Klasse einen Dokumentarfilm anschaute - über Satanismus. An Lauras Realschule haben sie sich immerhin anderthalb Stunden Gedanken gemacht, "weil es doch ein bisschen viel war in letzter Zeit". Als Hausaufgabe muss nun jeder aufschreiben, was ihn selbst zu einem Amoklauf bringen würde. Für Laura eine schwierige Aufgabe: "Ich kann es mir einfach nicht vorstellen." Für sich selbst können die meisten allerdings entscheiden, wie viel Gewalt sie verbrauchen wollen und welche. Sascha etwa wird sich den Streifen "Tötet Mrs. Tingle" nicht antun, solch absurde Szenarien seien ihm "echt zu kindisch". Jeder hat sich auf seine Weise mit Gewalt durchdrängten Medien arrangiert - wenn einer mal ausrastet, war er eben ein Außenseiter. Überfordert sind anscheinend eher die Erwachsenen. Im McDonald's sitzt auch Christian, 14, dessen Tante neulich ferngesehen und "sich aufgeregt hat - In welcher Welt leben wir, hat sie gefragt". Er bläst Luft durch die Lippen und zuckt mit den Achseln: "Mei", habe er ihr erklärt, "ist halt so". (c) 1999 Süddeutsche Zeitung. |
Chips für den Teufel - "Procter&Gamble" wird im Internet als satanistisch verleumdet. berlrz0020010901dvb8006tt 239 Words 08 November 1999 Berliner Zeitung 20 German (c) 1999 Berliner Zeitung |
Von idea. Über das Internet ist erneut das Gerüchte verbreitet worden, dass das Lebens-und Reinigungsmittelunternehmen "Procter&Gamble" den Satanismus fördere. Millionen Christen, die diese Informationen per E-Mail erhielten, sind dadurch in Unruhe geraten. Die Betroffenen weisen die Behauptungen als böswillige Erfindung zurück. |
In den Botschaften wird behauptet, dass der Generaldirektor des Unternehmens, Durk E. Jager, am 1. März oder 19. Juli in einer amerikanischen Fernsehsendung, der "Sally Jessy Raphael Show", gesagt habe, dass ein großer Teil des Firmenerlöses in die Satanskirche fließe. Dann wird zum Boykott von Procter&Gamble-Produkten aufgerufen - vom Waschpulver Ariel bis zu Pringles-Chips. Sowohl die Moderatorin, Sally Jesse Raphael, wie auch der leitende Produzent der Fernsehshow, Maurice Tunick, dementieren diese Informationen: "Nichts an diesen Gerüchten ist wahr." Der Generaldirektor sei nie in der Show aufgetreten. Procter&Gambles Generaldirektor Jager erklärte, wer den Gerüchten glaube, werde zum "Opfer eines Dumme-Jungen-Streichs". Heike Rübeling von der Pressestelle des deutschen Unternehmenszweiges in Schwalbach (Taunus) sagte der evangelischen Nachrichtenagentur idea auf Anfrage, die Gerüchte seien "Teil einer leider schon jahrelangen Verleumdungskampagne, deren Urheber wir nicht kennen". Seit 1980 sind immer wieder Gerüchte über angebliche Verstrickungen von Procter&Gamble mit dem Satanismus gestreut worden. Sie gründen sich vor allem auf das um 1850 entstandene Firmensignet, das einen Mann im Mond mit 13 Sternen zeigt. (idea). (c) 1999 Berliner Zeitung. |
Friedhofschändungen und unappetitliche Rituale. neuzz00020010908dvb200afc Von Felber, T. 899 Words 02 November 1999 Neue Zürcher Zeitung German Besuchen Sie die Website der führenden Schweizer Internationalen Tageszeitung unter http://www.nzz.ch |
Aus dem Bezirksgericht Horgen Prozess gegen fünf jugendliche Anhänger eines Satanskults |
Am Bezirksgericht Horgen hat am Montag ein Prozess gegen fünf jugendliche Anhänger eines Satanskults stattgefunden. Auf das Konto der Gruppe gehen verschiedene Friedhofschändungen zwischen 1996 und 1998 sowie die Verwüstung der St.-Anna-Kapelle in Wädenswil am 31. Januar 1999. Zur Verehrung Satans wurden während schwarzer Messen Kaninchen geopfert und deren Herzen gegessen. Der Bezirksanwalt verlangt bedingte Gefängnisstrafen zwischen 4 und 18 Monaten. Das Urteil wird am 17. November eröffnet. tom. Am Sonntag, 31. Oktober 1998, nicht zufällig Halloween-Nacht, trafen sich fünf jugendliche Schweizer, Realschüler und Lehrlinge zwischen 16 und 21 Jahre, bei Kerzenlicht in der Waldhütte Reidholz in Richterswil, um eine schwarze Messe zu zelebrieren. Das Ritual hatte ihr Anführer, ein 21jähriger Maler, nach Informationen aus okkulten Büchern zusammengestellt. Die fünf formierten sich im Kreis, sprachen satanistische Gebete, riefen «Heil dir, Jünger Satans» und schworen dem christlichen Glauben ab. Jeder musste sich in den Finger schneiden, das Blut tropfte in einen Kelch, wurde gemischt und allen zum Trank gereicht, was die fünf in einem «ewigen Bund» vereinen sollte und schriftlich festgehalten wurde. Ein von einem Grab entwendetes Kreuz wurde mit Benzin übergossen und angezündet. Dann wurden Satan und «die Dämonen der Finsternis» angerufen. Fünf gestohlene Kaninchen mussten als Opfertiere herhalten und mit einem Schnitt durch die Kehle ihr Leben lassen. Damit die Lebenskraft der Opfer den Satanisten zuteil wurde, schlitzten die Männer den Nagern die Bäuche auf, rissen die Herzen heraus, und jeder verspeiste eines. In einem Kelch wurde das Blut der Kaninchen mit menschlichem Urin und Kot vermischt und anschliessend in einem Taufritual getrunken. Die Satanisten erhielten neue Namen wie «Beelzebub», «Mephisto», «Luzifer» oder «Amon». Die toten Kaninchen wurden gekreuzigt und an die Hüttenwand genagelt. Das Ziel: Vernichtung des Christentums Das, wovon die fünf Angeklagten am Montag vor dem Bezirksgericht Horgen erzählten, waren keine blossen Lausbubenstreiche. Beschädigungen von Figuren des Kreuzwegs beim Kloster Einsiedeln, mehrere Friedhofschändungen und die Verwüstung der St.-Anna-Kapelle in Wädenswil, welche die Angeklagten zwischen August 1996 und Januar 1999 in wechselnder Zusammensetzung begingen, hatten ein klares Ziel: «Die Verehrung Satans und die Vernichtung des Christentums», wie sie vor Gericht mehrmals bekräftigten. Ihr Glaube an den Teufel war bitterer Ernst. Zwar distanzierten sich am Montag alle von ihren Taten, aber ob sie auch wirklich ihrem Glauben abgeschworen haben, blieb während des Prozesses bei mehreren Beteiligten unklar. Einer bekannte sich vor Gericht ausdrücklich dazu, noch immer Satanist zu sein. Mittlerweile gehöre er aber zur gemässigteren und ganz legal praktizierenden «kalifornischen Richtung», in welcher offenbar Sex-Orgien eine Rolle spielen, was den Gerichtsvorsitzenden Reto Nadig zur Bemerkung veranlasste, der Angeklagte solle aufpassen, dass er wegen einer Vaterschaftsklage nicht erneut vor Gericht erscheinen müsse. Bedingte Gefängnisstrafen gefordert Wie Nadig zu Beginn des Prozesses festhielt, ist der blosse Glaube an Satan bei der herrschenden Glaubens-und Religionsfreiheit in der Schweiz nicht strafbar und war auch nicht Gegenstand der Anklage. Den jungen Männern wurde hingegen Brandstiftung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Störung der Glaubens-und Kultusfreiheit, Störung des Totenfriedens und Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz vorgeworfen. Für die schwarzen Messen wurden auf Friedhöfen mehrmals Kreuze entwendet. In der Wädenswiler Kapelle nahmen die Angeklagten einen Messkelch, eine Hostienschale, drei Messgewänder, Kreuze und Kerzen mit. Der Bezirksanwalt verlangte für vier der Täter bedingte Gefängnisstrafen zwischen 12 und 18 Monaten. Ein fünfter Angeklagter, der bereits nach Grabschändungen an Weihnachten 1996 die Gruppe verlassen hatte, soll mit 4 Monaten bestraft werden. Ein weiterer, der zum Tatzeitpunkt erst 16 Jahre alt war, muss sich in einem separaten Prozess vor dem Jugendgericht verantworten. Alle Angeklagten sind geständig. Die Verteidiger, welche die Vorfälle bagatellisierten und eher als «Pfadiübung» denn als ernsthaften Kult beschrieben, fordern milde Urteile wesentlich unter den Anträgen des Bezirksanwalts. Bestritten wird der Diebstahl von Kreuzen und rituellen Gegenständen. Es habe sich lediglich um unrechtmässige Aneignungen gehandelt, da eine Bereicherungsabsicht gefehlt habe. Beim Verstoss gegen das Tierschutzgesetz lägen ferner lediglich fahrlässige und nicht vorsätzliche Handlungen vor, da eine Betäubung der Tiere aus blosser Unkenntnis der Vorschriften unterblieben sei. Das Urteil wird am 17. November eröffnet. Mehr Lebensfreude und bessere Noten Alle Angeklagten verbindet ihre Liebe zu «Black Metal»-Musik. Einer von ihnen war vor Jahren durch eine Buch-Lektüre auf den Satanismus gestossen und hatte sich ständig «weitergebildet», wie er vor Gericht sagte. Weil erste Versuche, mit blosser Gedankenkraft Bierflaschen zu bewegen, erfolgreich verlaufen seien, habe er gewusst, dass die dunkle Macht real sei. Nacheinander stiessen weitere Gleichgesinnte zur Gruppe. Sie seien überzeugt gewesen, als Satanisten das Christentum bekämpfen zu müssen. Während ihrer Zeit in der Satanisten-Gruppe hätten sie sich alle besser gefühlt, mehr Lebensfreude gehabt und ihre schulischen Noten gesteigert, deshalb seien sie von ihrem Tun überzeugt gewesen und hätten weitergemacht. «Ich glaubte auch, dass wir nie erwischt würden, weil das Böse uns beschützen würde», sagte einer vor Gericht. Die massivsten Friedhofschändungen wurden stets über Weihnachten verübt (1998 schmissen sie im aargauischen Umiken nicht weniger als 59 Grabsteine und Kreuze um). Weil sie zum Teil mit ihren Familien Weihnachten feierten, glaubten sie, dafür von Satan bestraft zu werden. Als Vorbeugung hätten sie etwas Christliches zerstören müssen. «Es ging absolut unreal im Kopf ab. Unsere Sicht wurde immer enger, und wir haben uns ständig gesteigert», schilderte der Anführer ihren damaligen Gefühlszustand. Er sei froh gewesen, als er nach dem Vorfall in der St.-Anna-Kapelle von der Polizei verhaftet worden sei, sonst wäre noch Schlimmeres passiert. |
Satanisten-Jagd in Istanbul. baslrz0020010901dv9t00f01 431 Words 29 September 1999 Basler Zeitung German (c) 1999 Basler Zeitung Homepage Address: http://www.baz.ch |
Istanbul. Nach einem Mord an einer 21-jährigen Frau ist die Istanbuler Polizei auf Satanisten-Jagd. Rockbars werden durchsucht und Jugendliche mit schwarzem T-Shirt, langen Haaren, Ohrringen, Tätowierungen oder Spitzbart mitgenommen. Verdächtig ist auch, wer Musik von Gruppen wie "Megadeath", "Metallic" oder "Led Zeppelin" hört. |
Die drei des Satanismus und des Mordes verdächtigen Jugendlichen haben die Tat gestanden, schieben sich aber gegenseitig die Hauptschuld zu. Nach ihren Aussagen könnte sich der Mord so abgespielt haben: Das Opfer, Sehriban Coskunfirat, war am Abend mit zwei jungen Männern von 18 und 23 Jahren und einer 19-jährigen Frau zusammen. Weil die Polizei nicht wollte, dass sie in der Öffentlichkeit Alkohol trinken, gingen die vier in ein Waldstück. Am selben Tag hatte es ein Nachbeben gegeben; da fiel der 19-jährigen oder einem der Männer ein, dass es der 13. Tag des Monats sei. Dies sei ein Unglückstag und das Erdbeben ein Zeichen Satans, dass er ein Opfer wolle. Darauf fielen zwei oder drei der Jugendlichen über Sehriban her; sie würgten sie, stachen auf sie ein und vergewaltigten sie. Fünf Tage später wurde ihre halbnackte Leiche neben einem Friedhof gefunden. Die drei sollen auch gestanden haben, dass sie von nun an an jedem 13. ein Mädchen, einen Imam oder ein Kind umbringen werden, so weiss selbst noch die liberale "Milliyet" zu berichten. Aus welchen Quellen die Medien ihre Informationen haben, sagen sie nicht. Auch die Frage, ob ein Sexualmord unter psychisch anormalen Jugendlichen eine satanistische Verschwörung beweist, wird kaum gestellt. Tatsächlich gibt es ausser dem Mord in Istanbul keine weitere Tat, die sich dem Satanismus anhängen liesse. Der Selbstmord zweier Jugendlicher in Adana, ebenfalls am 13. 9., führte zwar auch dort zu einer ähnlichen Satanisten-Jagd, aber eine Beziehung zu einem Satanskult war nicht nachzuweisen. Ausgeschlachtet wurde der Mord auch von den islamistischen Zeitungen, war es doch eine gute Gelegenheit, um gegen die Säkularisierung des öffentlichen Lebens Front zu machen. Die mit Bildern versehene Geschichte bekam anklagende Begleittexte wie: "Wenn Ihr Euch mit Eurer Kleidung nicht gegen Satan wappnen könnt, wenn Ihr den Glauben an Allah und das Verständnis des Jenseits nicht vermittelt, wenn Ihr die religiösen Orden verbietet und Korankurse schliesst, so ist dies das Ergebnis." Da wollte auch das staatliche Amt für Religionsangelegenheiten nicht zurückstehen und liess eine Predigt verlesen, in der die Eltern aufgefordert werden, ihre Kinder vor Strömungen zu bewahren, die in Unglauben und Unsitte wurzelten. Angesichts der so geschürten Stimmung und der Bedrohung durch die Polizei trauen sich viele Jugendliche nur noch als "normal" getarnt auf die Strasse. Jan Keetman. (c) 1999 Basler Zeitung. |
Hunde statt Morde. dstan00020010904dv9400aup 691 Words 04 September 1999 Der Standard German (c) 1999, Der Standard. http://www.derstandard.co.at/ |
Briefe aus |
New York 1. Lieferung 3,Hut ab vor dem Kerl in Atlanta, der seine Frau und Kinder und neun Arbeitskollegen umbrachte, zwölf weitere verletzte und sich selbst tötete. Was hätte Amerika ohne ihn getan? Die neuen Filme der Saison sind schlecht. Und der Blitzkrieg der Medien nach dem jüngsten Tod in der Familie Kennedy ging schon vor Wochen zu Ende. Gerade rechtzeitig noch hat Mark Barton aus Atlanta Abhilfe geschaffen: als neuestes Bindeglied in der großen amerikanischen Tradition der Unterhaltung durch Blutbäder. Vor zwei Monaten wurde zum Beispiel ein Psychiater in Michigan von einem früheren Patienten erschossen, der dann noch eine Frau erschoss und mehrere Passanten verletzte. Im April eröffnete ein 71-Jähriger das Feuer in der Mormonen-Bibliothek von Salt Lake City und tötete zwei und verletzte vier Anwesende. Im März erschoss ein Mann aus Johnson City, Tennessee seinen Anwalt und einen von dessen Klienten. Und wir reden noch gar nicht von der Gewalt unter Teenagern, für die die Schießerei in Littleton, Colorado nur das herausragendste Beispiel war. Die Medien sind dann immer voll mit blutrünstigen Details der Morde und mit psychologischen Spekulationen über die Motive. Bei Barton soll es der Druck in unserer modernen, geldorientierten Gesellschaft gewesen sein. Er hat an der Börse viel verloren und das nicht ertragen. Aber ich frage mich, welche Musik er wohl gehört hat. Wenn Teenagers beschließen, ihre Mitschüler wegzublasen, geben die Experten und die Presse gerne der Musik die Schuld. Sie verleite zu Gewalt, Satanismus und Entfremdung von der Gesellschaft. Doch wenn Heavy-Metal-Punk-Rock-House einen dazu bringt, den Abzug zu drücken, warum nicht auch Frank Sinatra? Oder Country? Warum schauen sich die Psychiater nicht Bartons CD-Sammlung an? Ich verstehe auch nicht, wieso niemand dem Internet die Schuld gibt. Barton, ein Aktienhändler, hat den ganzen Tag an seinem Terminal gesessen und Zahlen angestarrt, die ihn angegblich mit der Weltwirtschaft verbunden haben. Was tut sowas dem Geist eines Menschen an? Kinder gehen immerhin in die Schule, wo sie ein paar Stunden lang etwas anderes anstarren, meist die Lehrer. Wieso wird das Internet nicht besser kontrolliert? Wo ist die Software, die die Websites blockiert, die Barton genutzt hat? Ganz egal, ob andere diese Sites vernünftig nutzen mögen: Wenn wir das blockieren, was Kinder sich ansehen, weil einige von ihnen dabei durchdrehen, dann sagen wir ja auch nicht, dass andere Kinder sie vernünftig nutzen. Andererseits, wenn wir die Musik, Kleidung und Websites abschaffen, die die Leute auf Mordtouren schicken, was bleibt uns dann für unser Vergnügen? Es scheint sich da eine Alternative anzubieten: Mir ist ein Trend aufgefallen, und ich habe bereits einen Ordner angelegt. Die Alternative heißt Hunde. Es hat damit begonnen, dass Firmen nicht nur erlauben, dass Angestellte ihre Hunde zur Arbeit mitnehmen, sondern sie dazu sogar ermuntern. Hunde sollen ja Spannung abbauen und überhaupt zur geistigen Gesundheit der Leute beitragen. PR-Firmen, Colleges und verschiedene New Yorker Medienunternehmen haben schon eine entsprechende Hunde-Erlaubnis ausgegeben. Der New York Times war es eine Nachricht wert, dass der Stadtrat für Parks und Grünanlagen seinen Hund in die Arbeit mitnimmt und auch der Informations-Chef der New Yorker Polizei. Dann ist mir Paws Inn aufgefallen, ein Hotel für Hunde in Manhattans 9. Avenue. Es hat keine Käfige, Hunde haben ihre eigenen Möbel, können fernsehen und Anrufe von ihren Besitzern entgegennehmen. Im Ernst. Und goldene Ohrringe für Hunde sind mir bei Pet Gem aufgefallen (unter zehn Dollar das Paar; Bestellungen unter 001-877-773-8436). Amerikaner scheinen sich immer mehr auf Hunde zu verlassen, wenn es darum geht, Spannung abzubauen und überhaupt die geistige Gesundheit zu fördern. Wenn wir noch viel gesünder werden, dann werden wir womöglich aufhören, uns gegenseitig niederzuschießen. Doch das würde uns andererseits den Franzosen ähnlicher machen, die Nerzmäntel haben und "feminine Hygieneprodukte" für ihre Hündinnen. Vielleicht sollten wir Amerikaner doch lieber bei Mord und Totschlag bleiben. Marcia Pally ist Filmkritikerin und Kolumnistin in den USA und Europa, unter anderem für die Berliner Zeitung und den Standard; sie unterrichtet an der New York University und an der Fordham University, hat zwei Bücher über Spracherwerb geschrieben und die Bewegung "Feminists for Free Expression" gegründet. Übersetzung: Michael Freund. |
Sektenexperte warnt vor Stigmatisierung von religiösen Gruppen. adn0000020010901dv8o000v5 351 Words 24 August 1999 03:18 GMT ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1999 ADN |
(ADN-Interview) Vor einer Stigmatisierung und Ausgrenzung von Sekten hat der stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises «Sekten», Ingo Weidenkaff, gewarnt. Die in Thüringen existierenden 13 bis 14 Glaubensgemeinschaften seien nicht gefährlich und Teil des öffentlichen religiösen Lebens im Land, sagte Weidenkaff in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ADN. Konflikte mit diesen Bewegungen habe es bislang kaum gegeben. |
Im Unterschied zu den Amtskirchen können Gläubige ihre Religion in diesen Gemeinschaften «viel tiefer ausleben». Sie seien nicht gezwungen worden, einzutreten, sondern hätten die Entscheidung ganz freiwillig getroffen. «Öffentliche Hysterie» sei völlig fehl am Platze, sagte Weidenkaff. Kontrolle oder Verbot einer Sekte seien dann angebracht, wenn demokratische Grundregeln missachtet, Menschen finanziell ausgebeutet und gezielt manipuliert würden. Das sei in Thüringen aber nicht beobachtet worden. Nach den Worten Weidenkaffs gibt es keinen «Sektenboom». Nur 0,9 Prozent der Menschen in ganz Deutschland gehörten religiösen Gemeinschaften an. Das seien etwa 700.000 bis 800.000 Mensche.. Mehr als 99 Prozent von ihnen seien «ganz normale Leute». Auch die Scientology-Organisation habe bundesweit kaum mehr als 5.000 Mitglieder. In Thüringen reduziere sich ihre Aktivität auf das Versenden anonymer Werbeprospekte. Wirtschaftliche Aktivitäten sind nach Angaben des Sektenexperten bislang nicht feststellbar. Auffallen$ in Thüringen ist Weidenkaff zufolge das Entstehen von neureligiösen Gruppen vor allem in der europäischen Kulturstadt Weimar. Die öffentliche Resonanz falle aber eher bescheiden aus. Größte Religionsgemeinschaft im Freistaat sei die Neuapostolische Kirche mit rund 5.000 Mitgliedern. Andere Gruppen wie die Zeugen Jehovas und die Krishna-Bewegung hätten Probleme bei der Gewinnung von Mitgliedern. Beim Satanismus könne von Organisiertheit keine Rede sein, sagte Weidenkaff. «Satanistischg» Ideen wie Friedhofsschändungen entständen oftmals aus einer Partylaune heraus. Meist gehe es den Jugendlichen um Rebellion gegen Kirche und Gesellschaft. Weidenkaff regte an, bereits Schulkinder mit der Existenz von religiösen Gemeinschaften vertraut zu machen. Gute Erfahrungen habe er persönlich gemacht, als er mit Schulklassen die Erfurter Mormonen-Gemeinschaft besucht habe. Damit könnten Vorurteile und Ängste abgebaut werden. Dem Arbeitskreis Skten in Thüringen gehören die Sektenbeauftragten der evangelischen und der katholischen Kirche, Vertreter des Thüringer Institutes für Lehrerfortbildung und anderer Bildungseinrichtungen an. (c) 1999 ADN. |
Die Pfoten-Herberge in der neunten Avenue - Telefonate für Hunde werden durchgestellt. berlrz0020010901dv8l00cuj 725 Words 21 August 1999 Berliner Zeitung 11 German (c) 1999 Berliner Zeitung |
- Wie die Tiere in Amerika soziale Spannungen abbauen sollen. Von Marcia Pally. |
Chapeau für den Mann aus Atlanta, der seine Frau, seine Kinder, neun Kollegen und sich selbst erschoss (und zwölf weitere Kollegen verletzte)! Was hätte Amerika ohne ihn nur gemacht? "Eyes Wide Shut", der letzte Film von Kubrick, ist schrecklich. Der neue Film mit Julia Roberts und Richard Gere, "Runaway Bride", ist schrecklich. Und der Medienrummel nach dem neuesten Kennedy-Todesfall flaute gerade ab. Da kam Mark Barton aus Atlanta gerade zur rechten Zeit und rettete die Lage. Amerika muss nicht auf Unterhaltung verzichten. Die Medien sind voll von den blutrünstigen Details der Morde und voller psychologischer Spekulation über Bartons Motive. Zum Beispiel: Es war der Druck unserer modernen, nur am Geld interessierten Gesellschaft. Barton hatte große Verluste beim Spekulieren mit Aktien gemacht und konnte das nicht ertragen. Die Musik ist Schuld Und was ist mit seiner Musik? frage ich mich. Wenn Schulkinder beschließen, ihre Klassenkameraden umzunieten, geben die Experten und die Presse die Schuld daran immer der Musik. Sie fördere die Gewalt, Satanismus und Entfremdung von der Gesellschaft. Wenn Heavy-Metal-Punk-Rock-House die Leute zur Knarre greifen lässt, warum nicht auch die Musik von Frank Sinatra? Oder Country & Western? Warum untersuchen die Psychiater nicht Bartons CD-Sammlung? Und wie steht es mit seiner Kleidung? Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Geschäftsleute immer dieselben dunklen Anzüge mit weißen Hemden tragen und am linken Handgelenk eine kleine magische Schachtel, die die Zeit wegtickt? Wenn also Ringe in der Nase und schwarzlederne Regenmäntel Schuljungen dazu bringen, zur Knarre zu greifen, warum nicht auch diese phallischen Symbole - ohne Zweifel Zeichen testosterongesteuerter Aggression -, mit denen Männer die Vorderseiten ihrer Hemden zieren? Ich verstehe auch nicht, warum man nicht das Internet verantwortlich macht. Man weiß, dass Barton, ein Aktienhändler, den ganzen Tag vor seinem Computer saß und auf verschlüsselte Zahlenreihen starrte, die angeblich mit der globalen Wirtschaft vernetzt sind. Welchen Einfluss hat das auf das Gehirn einer Person? Kinder gehen wenigstens ein paar Stunden am Tag zur Schule, wo sie auf etwas Anderes starren, normalerweise auf den Lehrer. Warum wird das Internet nicht besser kontrolliert? Wo ist die Software, die den Zugang zu der Sorte Seiten blockiert, wie Barton sie nutzte? Es ist ganz egal, dass andere Menschen diese Seiten verantwortungsvoll nutzen. Wenn wir, weil ein paar Kinder durchdrehen, Seiten sperren, die von Kindern genutzt werden, sagen wir auch nicht, dass andere davon verantwortungsvollen Gebrauch machen. Andererseits: Wenn wir die Musik, die Klamotten und die Websites abschaffen, die Menschen auf den Tötungstrip bringen, woher beziehen wir dann unsere Unterhaltung? Ganz unbemerkt tun sich Alternativen auf. Ich habe einen Trend ausgemacht und ein Dossier angelegt: Die Alternative sind Hunde. Erstens erlauben Firmen ihren Angestellten, ja ermuntern sie, ihre Hunde mit zur Arbeit zu bringen. Man sagt Hunden nach, dass sie Abwechslung von der Arbeitsroutine bringen, Spannungen abbauen, Kameradschaft stiften, die Entfremdung und Vereinzelung des modernen Lebens verringern, Sicherheit vermitteln und ganz allgemein die Menschen gesünder machen. Bei der Firma Kratz & Jensen Public Relations gibt es eine Hunderegelung, ebenso am Manhattanville College und bei einer Reihe von Firmen aus der New Yorker Verlags-und Unterhaltungsbranche. Die "New York Times" hielt das Thema für interessant genug, einen Bericht über den Grünflächenverwalter von New York zu drucken, der seinen Hund zur Arbeit mitnimmt, ebenso wie der Stellvertretende Verantwortliche für Information von der New Yorker Polizei. Dann fiel mir das Paws Inn ("Pfoten-Herberge") auf, ein Hotel für Hunde auf der Neunten Avenue in Manhattan. Dort gibt es keine Käfige. Die Hunde haben ihre eigenen Möbel, dürfen fernsehen und kriegen Telefonanrufe ihrer Besitzer durchgestellt. Und dann sah ich noch vergoldete Ohrringe für Hunde von Pet Gem ("Haustier-Schmuck"), das Paar für weniger als zehn Dollar (Bestellungen bitte unter 001877/7 73 84 36). Freundschaften aufbauen Es scheint klar, dass die Amerikaner immer öfter auf den Hund kommen, wenn es darum geht, Unterhaltung zu finden, Freundschaften aufzubauen, soziale Integration zu betreiben, Spannungen abzubauen und allgemein die geistige Gesundheit zu fördern. Wenn wir noch gesünder werden, könnte es passieren, dass wir aufhören, uns gegenseitig zu erschießen. Aber dann würden wir womöglich den Franzosen immer ähnlicher, die ihren Hunden Nerzmäntel und Menstruationshygieneartikel kaufen. Vielleicht sollten wir Amerikaner doch bei Mord und Totschlag bleiben. Übersetzt von Angela Heuser. (c) 1999 Berliner Zeitung. |
Erst einen trinken, dann Gräber verwüsten. stugtr0020010911dv8i00o6e 565 Words 18 August 1999 Stuttgarter Zeitung 19 German (c) 1999, Stuttgarter Zeitung Ansprechpartner: 0049-711-7205-782 |
Polizei zu Friedhofsschändung: Kein Zusammenhang mit schwarzer Messe-100 Satansanbeter Am Wochenen de sind, wie berichtet, auf dem Pragfriedhof 45 Grabmale verwüstet worden. Die Polizei vermutet die Täter in den Reihen der Satanisten - wobei "echte" Anhänger des Dämonenkults nicht zu Zerstörungen oder Grabschändung aufriefen. |
Von Katja Schmidt und Eberhard Renz Weiß gekalkte Gesichter, schwarze Umhänge, umgedrehte Kreuze als Schmuck, dämonische Musik - Satansjünger gibt es schon lange, auch in Stuttgart. "Mindestens seit 20 Jahren", berichtet Willi Pietsch vom Dezernat gegen Jugendkriminalität. In der Landeshauptstadt umfasse diese Szene allerdings weniger als hundert Personen. Pietsch und seine Kollegen halten Satanismus für eine Modeerscheinung. "Für die meisten bleibt es eine Episode", so Pietsch. Der Einstieg erfolge zum Teil über Stühlerücken, Pendeln oder esoterische Aktionen. Reizvoll sei auch die Musik. Teilweise habe sich die Szene aus dem sogenannten Gothic-Punk entwickelt. "Außerdem ist das Dämonische faszinierend", sagt Pietsch. Und Satanismus sei eine gute Möglichkeit, sein e Andersartigkeit zu dokumentieren. Das Einstiegsalter bei den "Grufties", wie die Satanisten auch genannt werden, liege derzeit bei elf bis 13 Jahren, die Ältesten seien zwischen 25 und 27 Jahre alt. Elfjährige Einsteiger seien allerdings die Ausnahme, sagt Pietsch. Viele Jugendliche würden nach einiger Zeit wieder aussteigen. Unter denen, die weitermachten, gebe es aber welche, die einen Nervenkitzel suchten, so auch auf Friedhöfen. "Es ist nämlich beileibe nicht so, dass sich nachts niemand auf B egräbnisstätten aufhält", sagt Pietsch. Kerzen würden dann dort angezündet und dämonische Musik gehört. Die Grabschändungen geschähen aber aus einem anderen Grund. "Zu den Zerstörungen kommt es meist nach starkem Alkoholkonsum", berichtet Pietsch. Wobei er betont, dass die Grabschänder keine typischen Satanisten seien. Absolut sicher sei, dass die Verwüstungen nicht mit schwarzen Messen einhergingen. "Da wird auf gar keinen Fall etwas zerstört." Satanismus ist in ganz Deutschland vorwiegend ein Juge ndphänomen. "Die wenigsten sind in Gruppen organisiert. Viele Kontakte laufen über das Internet", erklärt die Tübinger Religionswissenschaftlerin Jutta Bernard. Satanistische Kirchen wie die amerikanische Church of Satan gebe es hierzulande nicht. Umfragen hätten ergeben, dass viele Jugendliche, die sich selbst als Satanisten bezeichnen, nicht einmal wüssten, was eine schwarze Messe sei. "Nur sehr wenige sehen im Satanismus eine dauerhafte Lebensphilosophie und lesen die Publikationen satanistischer Pred iger. Zur Grabschändung rufen diese aber nicht auf", sagt Bernard. Vier Vorfälle haben sich 1999 in Stuttgart ereignet, in denen Pietsch und seine Mitarbeiter einen Zusammenhang zu Satansjüngern nicht ausschließen. Pietsch äußert sich deshalb so vorsichtig, weil es sich um Kleinigkeiten gehandelt habe. "Ein Holzkreuz, das im lockeren Erdreich steckt, kann auch so umfallen", sagt der Kriminalbeamte. Und ein Tier, das auf dem Friedhof gefunden werde, müsse nicht gleich auf einen Satanskult hindeuten. Pietsch verweist auf einen Vorfall im Jahr 1998. Damals erwischte die Polizei drei Satanisten, die auf dem Uff-Friedhof ihr Unwesen getrieben hatten. Dort war auch eine Scheibe eingeschlagen worden. "Bei den Vernehmungen haben die Tatverdächtigen dann zugegeben, auch dieses Fenster eingeworfen zu haben", so Pietsch. Spuren, dass es die Satanisten gewesen seien, habe es keine gegeben. Im aktuellen Fall am Pragfriedhof sind die Ermittler einen Schritt weiter. Die Tatzeit wird auf den Zeitraum zwischen Son ntag 11.30 Uhr und Montagmorgen eingegrenzt. Zeugen der Verwüstungen können sich bei der Kriminalpolizei unter Telefon 8990-6333 melden. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart für Hinweise, die zur Ermittlung oder Ergreifung der Täter führen, eine Belohnung von 3000 Mark ausgesetzt. (c) 1999, Stuttgarter Zeitung Ansprechpartner: 0049-711-7205-782. |
Zu illegalen Pflegekräften aus Osteuropa. pnp0000020010908dv8e00f5y 825 Words 14 August 1999 Passauer Neue Presse German (c) 1999 Passauer Neue Presse, Neue Presse Verlags-GmbH |
Dem Wettbewerb stellen Von Stefan Gabriel |
Wenn Politiker vom Abbau der Arbeitslosigkeit sprechen, dann beschwören sie seit Jahren regelmäßig die Chancen, die im Dienstleistungssektor liegen. In der Arbeitslosenstatistik hat sich das bisher noch nicht niedergeschlagen. Heißt das, dass die Nachfrage nach Dienstleistungen überschätzt wird? Wohl kaum, wie das Beispiel der Pflege von Kranken in ihren eigenen vier Wänden zeigt. Hier wird deutlich, warum es mit den Dienstleistungs-Arbeitsplätzen noch nicht so klappt, wie es die Politiker gerne hätten. Die Nachfrage ist da, doch bedient wird sie offenbar immer öfter von illegalen Arbeitskräften aus Osteuropa. Natürlich, Schwarzarbeit muss bekämpft werden. Dafür sind Arbeitsämter, Polizei, Staatsanwälte und Richter zuständig. Doch wer meint, das Problem auf die rechtlichen Aspekte reduzieren zu können, der hat seine Ursachen noch nicht erkannt. Deutschland hat noch keine ausreichenden Antworten auf den zunehmenden internationalen Wettbewerb gefunden. Das gilt eben nicht nur für die Industrie, sondern eben auch für Dienstleistungen. Die Konsequenz daraus: Arbeit in Deutschland muss billiger werden. Nur wenn Dienstleistungen zu einem erschwinglichen Preis angeboten werden können, wird auch die Nachfrage danach steigen. Hier ist zunächst einmal die Politik gefragt. Sie muss dafür sorgen, dass die Last aus Steuern und Sozialabgaben sinkt. Das bedeutet aber auch: Die Bürger müssen akzeptieren, dass der Staat künftig nicht mehr so viel leisten kann wie bisher. Unser altes System kann in Zeiten offener Grenzen nicht mehr funktionieren. Dafür können die Pflegekräfte aus Osteuropa als Beispiel dienen: Frauen aus Tschechien kümmern sich - angeblich aus Gründen der Nächstenliebe - rund um die Uhr um Pflegebedürftige in Ostbayern und bekommen dafür ein "Taschengeld" von gerade einmal 90 Mark am Tag. Von diesem bescheidenen Lohn sieht weder der Staat einen Pfennig an Steuern, noch erhalten die Sozialversicherungen ihren Anteil. Durch die Schwarzarbeit entgehen also auch der Pflegekasse Einnahmen, die aber gleichzeitigt für die Pflege bezahlen soll. Das ist das Problem: Einerseits wollen wir möglichst viele Leistungen vom Staat, andererseits sind wir immer weniger bereit, dafür auch - in Form von Steuern und Abgaben - zu zahlen. Diesem Widerspruch muss sich die gesamte Gesellschaft stellen. Glosse Die nächste Rolle Von Friedemann Diederichs In seinen berühmtesten Filmen hat Hollywood-Star Warren Beatty (62) einen Bankräuber gespielt ("Bonnie and Clyde"), sich als Frisör versucht ("Shampoo") oder auch schon mal einen Politiker verkörpert ("Bulworth"), den es im wahren Leben wohl nicht geben wird: Weil er laut Drehbuch den Wählern immer die ganze Wahrheit sagt. Warren Beatty könnte es der Filmfigur nachtun, wenn er denn nur genug Stimmen im realen Leben auf sich vereint: Denn der politisch seit Jahrzehnten aktive, den Demokraten nahestehende Star hat jetzt angekündigt, im Rennen um die Clinton-Nachfolge im Jahr 2000 ein Wörtchen mitreden zu wollen. Mit den demokratischen Alternativen Al Gore und Bill Bradley sei er unzufrieden, ließ er in einem Interview verlauten, und werde sich deshalb wohl selbst bewerben. Dies war keinesfalls als Witz gemeint, denn Beatty lieferte gleich Auszüge aus seinem politischen Programm mit: Der Aufstieg von Politikern sei viel zu sehr vom Geld abhängig, wettert er und lässt durchblicken, dass er einen Wahl-Erfolg mit nur einem kleinen Budget, dafür aber - mit Blick wohl auch auf den früheren Hollywood-Star und Ex-Präsidenten Ronald Reagan - mit seiner großen Popularität anstrebt. Außerdem sieht er sich als Anwalt der amerikanischen Unterschicht, die von Wirtschaftsaufschwung und Wohlstand am wenigsten profitiere. Dass er auch bei den weiblichen Wählern gut ankommen würde, erwähnt er nicht, weil es ohnehin jeder weiß: Schließlich waren von ihm von Madonna über Natalie Wood bis hin zu Joan Collins ("Denver-Clan") bisher so viele prominente Damen angetan, dass Beatty als einer der größten Herzensbrecher der Film-Metropole gilt. Doch seit 1991 ist sein Herz fest vergeben: An die Schauspielerin Annette Bening. Diese wäre übrigens auf die Rolle einer demokratischen First Lady bestens vorbereitet. Sie spielte im an den Kassen erfolgreichen Film "Hello Mr. President" eine Umweltschützerin, die sich in einen laut Drehbuch verwitweten US-Präsidenten verliebt - und diesen schließlich ehelicht. Beatty und seine Frau bringen also die besten Voraussetzungen mit: Denn was ist für Politiker wichtiger als gut schauspielen zu können. Einen Präsidenten, der immer die Wahrheit sagt, den gibt es schließlich nur im Film... TV-Kritik Belangloses Gerede Von Christina Garstens Pop Odyssee: Die Beach Boys und der Satan (3sat) Während die Beach Boys mit Hits wie "California Girls" in den 60ern Musikgeschichte schrieben, beging Charles Manson als wahnsinniger Sektenführer schauerliche Verbrechen. Wenige wissen, dass es zwischen der Band und dem Mörder eine Verbindung gab: Dennis Wilson, der Drummer, unterhielt geraume Zeit Kontakt mit Manson. Eine verblüffende Information, doch trägt sie keinen einstündigen Film. So widmeten sich die Autoren denn auch die meiste Zeit den ausschweifenden Drogenexperimenten jener Jahre in der Musikbranche. Das Ergebnis: Belangloses Gerede selbsternannter Experten, die sich mit allerlei Absurditäten disqualifizierten, zum Beispiel: "Vielleicht war Jesus Christus ja der Charles Manson vor 2000 Jahren". Das Phänomen des Satanismus, zu dessen Botschafter sich manche Rockgruppe machte, hätte eine seriösere Aufbereitung verdient gehabt. (c) 1999 Passauer Neue Presse, Neue Presse Verlags-GmbH. |
Gut zu wissen. taz0000020010911dv7600r8c 146 Words 06 July 1999 taz - die tageszeitung German (c) 1999 taz, die tageszeitung |
Gut zu wissen Über den Umgang mit Sekten berät die Arbeitsgemeinschaft Kinder-und Jugendschutz e.V. (AJS) jeweils mittwochs (15.30 - 19 Uhr) und freitags (13.30 - 17 Uhr). Die AJS hält auch zwei Faltblätter bereit: "Sekten-Beratungsstellen in Norddeutschland" und "Okkultismus, Magie, Satanismus" können beim Arbeitsbereich Weltanschauungen, Hellkamp 68, 20255 Hamburg, kostenlos bezogen werden; Tel.: 040/40 17 22 72. |
Vor Reiseveranstaltern wie Galaxy und Co., die im Sommer wieder mit vermeintlichen Reisegewinnen locken, warnt die Verbraucher-Zentrale Hamburg. Rat und Hilfe bieten die VerbraucherschützerInnen unter Tel.: 0190/77 54 41. Zum Wochenend-Workshop Erfahrungen erwachsener Töchter aus Suchtfamilien lädt die "Beratungsstelle Frauenperspektiven" (Holstenstraße 115, 22765 Hamburg) Frauen am 10. (10 - 18 Uhr) und 11. Juli (10 - 14 Uhr). Die Veranstaltung kostet 40 Mark, Infos und Anmeldung bei Sika Hagena und Bärbel Göttmann, Tel.: 432 96 00. (c) 1999 taz, die tageszeitung. |
Anfragen zu okkulten und satanischen Praktiken häufen sich. adn0000020010831dv6300p62 409 Words 03 June 1999 12:55 GMT ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1999 ADN |
(Ausführlich ADN 0265 pl) In Mecklenburg-Vorpommern haben offenbar okkulte und satanische Praktiken Fuß gefaßt. In der Sekteninformationsstelle des Landes häuften sich in den vergangenen eineinhalb Jahren Anfragen von Pädagogen und besorgten Eltern dazu, teilte Sektenexpertin Sigrid Hermes während einer Fachtagung zu Okkultimus und Satanismus am Donnerstag in Schwerin mit. Zwar gebe es keine Statistiken zur Anhängerschaft dieser Praktiken. Fakt sei aber, daß Okkultismus im Land relativ weit verbreitet sei. Die meisten Anfragen kämen aus dem Müritz-Kreis, Neubrandenburg, Ostvorpommern, Schwerin und Wismar. |
Frau Hermes verwies auf eine 1997 vorgenommene Befragung von fast 3.200 Jugendlichen durch die Universität Rostock. Danach waren über 75 Prozent der Mdchen und Jungen Praktiken wie Gläserrücken vertraut. Fast 41 Prozent haben dies laut Umfrage auch ausprobiert. 39 Prozent waren «Schwarze Messen» ein Begriff. Daran wollen 3,6 Prozent teilgenommen haben. Einer Forschungsarbeit zweier Studentinnen der Rostocker Uni zufolge erfreuen sich okkulte Praktiken vor allem unter Mädchen großer Beliebheit. Die '97er Studie der Universität weist als Motivation für das Ausüben okkulter und satanischer Praktiken Neugier, Unterhaltung und den Wunsch nach Erleben von Außergewöhnlichem aus. Wie Sektenexpertin Hermes in diesem Zusammenhang mitteilte, hat es 1997 im Land 127 Fälle von Friedhofsschändungen gegeben. Diese Störung der Totenruhe könnte einen satanischen Hintergrund besitzen, sagte sie. Diese Delikte seien besonders häufig im Müritz-Kreis, im Landkreis Demmin, in Mecklenburg-Strelitz, Neubrandenburg sowie in Greifswald und Ostvorpommern aufgetreten. Frau Hermes verwies zugleich auf die ihrer Ansicht nach «fließenden Grenzen» zwischen Satanimus und sogenannten neogermanischen Strömungen mit teilweise rechtsradikalem Hintergrund. Der Beauftragte für Weltanschauungsfragen des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen, Ingolf Christiansen, sprach sich für den Aufbau eines Helfersystems aus, um in Zirkeln von Satansanhängern geratene Jugendliche beraten zu können. Notwendig sei die Zusammenarbeit von Theologen, Seelsorgern, Lehrern und Strafverfolgungsbehörden. Satanismus sei ein gesellschaftliches Problem und könne daher nicht allein der Kirche überlassen werden, sagte Christiansen. Eine Institution allein sei wirkungslos. Der Experte warnte zugleich davor, Jugendliche mit okkulten und satanischen Interessen vorschnell als kriminell abzustempeln. Es sei schwer erkennbar, ob diese wirklich einem Weltbild nachgingen oder sich lediglich in einer Art Rollenspiel übten. Es könne allerdings auch zum Aufbau einer Gruppe mit einem hierarchischen Ritualsystem kommen. Nach Einschätzung von Sektenexpertin Hermes ist der nach der Wende befürchtete Sektenboom im Land ausgeblieben. Zwar könne man von zahlreichen Mitgliedern neuer religiöser Gruppen im Land ausgehen, sagte sie. Eine Struktur mit eigenen Niederlassungen und Büros gebe es aber nur in geringem Umfang. (c) 1999 ADN. |
Befürchteter Sektenboom in Mecklenburg-Vorpommern blieb aus. adn0000020010831dv6300p4j 189 Words 03 June 1999 11:42 GMT ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1999 ADN |
Der nach der Wende befürchtete Sektenboom ist in Mecklenburg-Vorpommern ausgeblieben. Zwar könne man von zahlreichen Mitgliedern neuer religiöser Gruppen im Land ausgehen, sagte Sigrid Hermes von der Sekteninformationsstelle Mecklenburg-Vorpommern während einer Informationstagung zu Okkultismismus und Satanismus am Donnerstag in Schwerin. Eine Struktur mit eigenen Niederlassungen und Büros gebe es aber nur in geringem Umfang. Nach 1989 hätten viele religiöse Gruppen versucht, neue Mitglieder in Ostdeutschland zu werben, sagte Frau Hermes. In Mecklenburg-Vorpommern sei besonders Scientology aktiv geworden. Daß der Mitgliederzulauf ausgeblieben sei, ließe sich vor allem auf die kaum vorhandenen Bindungen der Bürger in den neuen Ländern zu Glaubensfragen zurückführen. Außerdem gestalte sich die Etablierung einer religiösen Gruppe schwierig, da üblicherweise die Hälfte der Mitglieder über Freunde und Verwandte rekrutiert werde. |
Im nordostdeutschen Bundesland agiere derzeit der «Freundeskreis Bruno Grünwald» relativ erfolgreich, teilte die Sektenexpertin mit. Diese Glaubensgemeinschaft, die in Krankheitsfällen unter anderem Heilung auf geistigem Wege verspricht, weise nicht die typischen Sektenmerkmale auf. So sei keine Mitgliedschaft erforderlich. Allerdings gebe es eine starke Bindung innerhalb der Anhängerschaft, die zu einer «neuen Familie» werde. (folgt ausführlich) (c) 1999 ADN. |
Nachrichtenüberblick Donnerstag, 3. Juni 1999 -16.15 Uhr. adn0000020010831dv6300ow4 389 Words 03 June 1999 14:27 GMT ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1999 ADN |
--Finanzausschuß billigte Haushalt 1999 --Fiedler: Noch 4.000 Lehrstellen fehlen im Nordosten |
--Befürchteter Sektenboom in Mecklenburg-Vorpommern blieb aus --Informations- und Kommunikationsbranche präsentiert sich in Rostock --Land reagiert mit Koordinierungsstelle auf Dioxinskandal --Privat finanzierte Warnowquerung erhält kommunale Finanzspritze --Glitz: 2.000 Solaranlagen für Mecklenburg-Vorpommern --Jugendherbergswerk übergibt zwei neue Familienherbergen Finanzausschuß billigte Haushalt 1999 Schwerin - Der Finanzausschuß des Schweriner Landtags hat am Donnerstag den Haushalt 1999 mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen von SPD und PDS gebilligt. Das teilten die Finanzexperten von SPD und CDU, Borchert und Riemann, im Anschluß an die Sitzung mit. Nach Angaben von Riemann bleibt es bei einem Gesamtvolumen von rund 14,0 Milliarden DM, das somit um etwa 150 Millionen DM geringer ausfällt als im Vorjahr. Die Neuverschuldung liegt mit 924 Millionen DM erstmals unter der Milliardengrenze. Damit kann der Haushalt auf der Landtagssitzung am 23. Juni formell beschlossen werden. Fiedler: Noch 4.000 Lehrstellen fehlen im Nordosten Schwerin - In Mecklenburg-Vorpommern fehlen nach Angaben des Präsidenten des Landesarbeitsamts Nord, Fiedler, derzeit noch 4.000 Lehrstellen. Trotz dieses Defizits sei die Situation besser als vor einem Jahr, sagte Fiedler in einem Interview des Neubrandenburger «Nordkurier». So gebe es insbesondere in den Regionen Schwerin und Neubrandenburg mit zusammen «gut 300 Plätzen» im Vergleich zum Vorjahr ein deutliches Plus an Lehrstellen. Befürchteter Sektenboom in Mecklenburg-Vorpommern blieb aus Schwerin - Der nach der Wende befürchtete Sektenboom ist in Mecklenburg-Vorpommern ausgeblieben. Zwar könne man von zahlreichen Mitgliedern neuer religiöser Gruppen im Land ausgehen, sagte Frau Hermes von der Sekteninformationsstelle Mecklenburg-Vorpommern während einer Informationstagung zu Okkultismismus und Satanismus heute in Schwerin. Eine Struktur mit eigenen Niederlassungen und Büros gebe es aber nur in geringem Umfang. Nach 1989 hätten viele religiöse Gruppen versucht, neue Mitglieder in Ostdeutschland zu werben, sagte Frau Hermes. Informations-und Kommunikationsbranche präsentiert sich in Rostock Schwerin/Rostock - Die Informations-und Kommunikationsbranche in Mecklenburg-Vorpommern wird sich auf einer Kongreßmesse vom 17. bis 19. Juni in Rostock den Verbrauchern präsentieren. Die 2. Informations-und Kommunikationstage werden in diesem Jahr als Landestechnologiekonferenz durchgeführt, wie Wirtschaftsminister Eggert heute in Schwerin mitteilte. Auf der Messe werden 50 Aussteller erwartet, von denen 45 aus Mecklenburg-Vorpommern kommen. Zu den Ausstellern gehören aber auch Großunternehmen wie Bosch, Siemens, die Telekom sowie die Deutsche Bank. f o l g t 2 (c) 1999 ADN. |
Terminübersicht für Donnerstag, 3. Juni 1999. adn0000020010831dv6200sdp 64 Words 02 June 1999 11:17 GMT ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1999 ADN |
Schwerin -- 1000 Fachtagung Okkultismus/Satanismus (Schloß) -- 1000 PK LM Eggert zum Kommunikationstagen (Wirtschaftsministerium) -- 1100 EÖ Klimaschutz-Ausstellung (Sieben-Seen-Center) -- 1200 PG Arbeitsgemeinschaft Euro (Südufer, Pfaffenteich) -- 1430 Präsentation der Umfrage zur Zahlungsmoral der Vereinigung der Unternehmensverbände (Eckdrift 93) -- Urologenkongress über neue Wege in der Harnstein- und Schmerztherapie (Sieben-Seen-Center) Rostock -- Tagung Verband Deutscher Zoodirektoren (c) 1999 ADN. |
Ein kleines Weltkriegssample. taz0000020010911dv5q00vj6 Von Kolja Mensing. 1453 Words 26 May 1999 taz - die tageszeitung German (c) 1999 taz, die tageszeitung |
Pfingsten. Gotik-Treffen in Leipzig. Die Szene der Grufties wird von Rechtsradikalen unterwandert, doch das will dort niemand so recht wahrhaben. Ein Konzertbesuch Von Kolja Mensing Aus den Boxen verzerrte Elektrobeats. Etwa fünfzig Fans toben in der alten Industriehalle "Werk II" zu dem krachenden Soundgewitter, und wenn die Musiker auf der Bühne ihre Maschinen lauter drehen, recken die Fans die geballten Fäuste in die Luft. Gesungen wird hier nicht, aber ab und zu wird ein Sample aus irgendeinem unbekannten Film eingeschoben. "Ich bin der Herr der Finsternis ...", sagt eine Stimme, und die Fans freuen sich darüber. |
Kurz vor Ende des Auftritts dann noch ein Sample, das allerdings ist bekannt: "Polen hat heute nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen." Das ist kein Film, das ist Adolf Hitler, der den Angriff auf Polen verkündet: "Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen." Die Fans freuen sich auch darüber. Dann wird weitergetobt. Die Band heißt "Feindflug", kommt aus Chemnitz und spielt auf dem 8. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. 80 Bands waren eingeladen, von ganz laut bis ganz leise, und zwischen 15.000 bis 20.000 Grufties wurden für das Pfingstwochenende in der Stadt erwartet. Großfamilientreffen der "schwarzen Szene". Und wie bei jedem Familientreffen geht es bei der Anreise bunt zu. Das heißt hier schwarzweiß. Vor dem Hauptbahnhof flattern zwischen den gelben Leipziger Straßenbahnen den ganzen Tag kleine Vampire und weißgeschminkte Fledermäuse. Das sieht lustig aus, Adolf Hitler würde man hier nicht vermuten: Man begrüßt Freunde, tauscht Handynummern und bestaunt Outfits. Dann steigt man zusammen in eine Straßenbahn, zwinkert den ganz schön farbenfroh gekleideten Leipzigern aus einer süßlichen Puderwolke heraus freundlich zu und freut sich, daß man sich die Stadt ausleihen darf. Für ein Wochenende ist man in der Mehrzahl. Wahrscheinlich wäre der kleine Weltkriegssample während der "Industrial"-Nacht in der alten Industriehalle auch gar nicht weiter aufgefallen, wenn die Medien nicht gerade das Thema "rechtsradikale Grufties" entdeckt hätten - nachdem im Anschluß an das Massaker in Littleton der Verdacht laut geworden war, die Attentäter seien rechtsradikal und gehörten zur US-amerikanischen Gothic-Szene. Medienhysterie hin oder her: Jetzt konnte man überall nachlesen, was in kleineren sozialwissenschaftlichen Publikationen, in Antifa-Broschüren und im Internet schon seit längerem verhandelt wird - daß etwa die italienische Band "Kirlian Camera", die auch für Leipzig angekündigt war, sich bei einem Konzert in Berlin vor einem Jahr mit dem Hitlergruß von der Bühne verabschiedet hatte oder daß das Dresdner Fanzines Sigill eng mit der rechtsradikalen Szene verbunden ist. DJ Kersten will nur unter seinem Künstlernamen genannt werden. Zusammen mit anderen Gothics hat er vor einem Jahr in Bremen die Initiative "Grufties gegen Rechts" gegründet, auch wenn er betont: "Rechte Grufties sind innerhalb der Szene immer noch eine Minderheit." Wehret den Anfängen: Den Machern vom Wave-Gotik-Treffen hatte man in einem Brief vorab die Bedenken zu bestimmten Acts mitgeteilt. "Feindflug zum Beispiel kommen aus dem Umfeld der Zeitschrift Sigill, und sie lassen sich von einem Versand vertreiben, der auch eindeutig rechtsradikale Bücher vertreibt", erklärt DJ Kersten. Der Verlag heißt VAWS, "Verlag und Agentur Werner Symanek", und bekam genauso wie Sigill von der Festivalleitung keine Erlaubnis für einen Stand. Die angekündigten Bands aber spielen alle. "Wenn eine Band sich von der rechten Szene distanziert, war das für uns kein Grund mehr, sie nicht auftreten zu lassen", sagt Nancy Schumann, Pressesprecherin der Wave-Gotik-Veranstaltungs-GmbH und faxt auf Anfrage entsprechende Statements der Musiker. Die Erklärung von "Feindflug" ist vorsichtshalber noch einmal am Eingang von Werk II an eine Tür gepinnt: "Jede Form der Verherrlichung/Verharmlosung des Zweiten Weltkriegs widerspricht der Intention dieses Projektes." Gerald Synnatschke verlegt "Feindflug" auf seinem kleinen Chemnitzer Label "Black Rain". Er gibt zu, daß man einen Adolf-Hitler-Sample leicht mißverstehen könne. "Die Sache wird natürlich mit Absicht offengelassen", erklärt er, nachdem "Feindflug" gespielt hat, findet aber, das wichtigste Stichwort in diesem Zusammenhang sei "Denkanstoß": "Die Leute sollen durch die Musik von Feindflug zum Nachdenken angeregt werden. Es geht bestimmt nicht darum, rechte Ideologie zu verbreiten", sagt er. Irgendwie glaubt man ihm das auch. Den tobenden Fans vor der Bühne hatte man den "Denkanstoß" allerdings nicht direkt angesehen. In der Halle I auf dem alten Leipziger Messegelände. Hier gibt es Gruftie-Accessoires zu kaufen: schwarze Umhänge und glänzende Lackbodies, Silberschmuck, CDs und Tarotkarten. Ein junger Mann mit langen blonden Haaren und grauer Leinenweste - er fällt auf zwischen den ganzen Grufties - ist genervt, als er auf die Bücher angesprochen wird, die auf dem Tisch vor ihm liegen: "Ja, okay, ich verkaufe hier auch Bücher aus dem Grabert-Verlag. Der ist offen rechts, aber das ist mir wurst. Ich bin gegen jede Art von Zensur", legt er los, obwohl er eigentlich überhaupt keine Lust hat, mit der "linksintellektuellen Presse" zu reden. Seinen Namen will auch er nicht verraten, wie fast jeder, mit dem man in Leipzig über rechte Tendenzen reden will: "Du kannst mich Andi aus Sachsen nennen. Andi mit i." Er wird noch häufiger nach den Büchern auf seinem Tisch gefragt: Während die Reporter vor einigen Jahren am liebsten irgendwelchen Satanismus-Gerüchten hinterherjagten, sucht man jetzt in Leipzig nach Runen und völkischer Ideologie. Kanne ist ein echter Gruftie. Die Journalisten stören ihn nicht. Er ist aus Münster angereist, ist 21 Jahre alt, lernt Landschaftsgärtner und hat einen doppelten Irokesenschnitt. Natürlich in Schwarz. Kanne ist nach Leipzig gefahren, um Spaß zu haben, und Kanne findet, daß die Szene selbst schuld sei, daß sie in Verruf gekommen ist: "Man hat sich halt nie so richtig gewehrt gegen Rechte." Ein Gruftie zu sein habe eben zunächst einmal nichts mit einer politischen Ausrichtung zu tun, erklärt Kanne - er selbst, verkündet er stolz, sei allerdings links und würde auch mal einen Pflasterstein in die Hand nehmen, "wenn's drauf ankommt". Kanne hätte nichts dagegen, wenn die Szene etwas mehr politisches Bewußtsein entwickeln würde. Die meisten Grufties in Leipzig sehen das anders. Man möchte lieber "unpolitisch" bleiben, was immer das auch heißt. Trotzdem hatte die Zillo, die auflagenstärkste Zeitschrift der Szene, in Absprache mit den Veranstaltern für das Wave-Gotik-Treffen eine Podiumsdiskussion angekündigt. Einer der Punkte: "Die braune Flut". Der einstige Neue-Deutsche-Welle-Star Joachim Witt sollte zusammen mit einem Vertreter des "Rammstein"-Managements die sogenannte "neue deutsche Härte" vertreten und die Rolle der bösen Onkel übernehmen: Joachim Witt und der Band Rammstein werden wegen ihres martialischen Auftretens und der Leni-Riefenstahl-Zitate in ihren Videos Nähe zu faschistischer Ästhethik nachgesagt. Zusammen mit den "Grufties gegen Rechts" und dem Duisburger Sozialwissenschaftler Alfred Schobert, der sich schon seit Jahren mit der Unterwanderung der Gruftieszene durch Rechtsextremisten beschäftigt, sollten sie in Leipzig über die rechten Tendenzen bei Bands und Fans diskutieren. Daraus wurde nichts. Zillo hatte zusätzlich noch den Musiker Josef Klumb eingeladen. Sozialwissenschaftler Schobert und die "Grufties gegen Rechts" wollten sich mit ihm nicht an einen Tisch setzten: Klumb sei ganz offensichtlich ein Nazi, allerdings hätte er dankbarerweise seit seinem Rauswurf als Sänger der Formation "Weißglut" kaum noch Öffentlichkeit. Warum ihn also jetzt wieder auf einem Podium präsentieren? Die "braune Flut" war in Leipzig offiziell kein Thema mehr. Und inoffiziell auch nicht: Die Leipziger Antifa hatte zwar Proteste gegen die Auftritte von "Feindflug" angekündigt, aber dann wurden noch nicht einmal Flugblätter verteilt. Auch beim Auftritt von "Kirlian Camera" auf der idyllischen Parkbühne blieb es ruhig, und die Band verabschiedete sich auch nicht mit dem Hitlergruß, sondern einfach nur mit einem freundlichen Winken: Für einen Moment hatte man das Gefühl, die ganze Diskussion über den Rechtsdrall der Grufties hätte mit der Festivalwirklichkeit in Leipzig nichts zu tun, und den Hitler-Sample vom Abend vorher hatte man schon fast wieder vergessen. Wenn nicht "Andi mit i" auch bei "Kirlian Camera" aufgetaucht wäre. Er ist jetzt weitaus zutraulicher als noch hinter seinem Bücherstand und scheint nichts dabei zu finden, den Reporter auf ein paar Skindheads hinzuweisen, die sich unter die Grufties gemischt haben: "Hier hast du ja gleich ein paar mehr von den Leuten, nach denen du gesucht hast", sagt er und grinst. Dann beginnt er zu dozieren. "Andi mit i" ist ganz offensichtlich stolz auf seine Insider-Kenntnisse: "Hier gibt es auch jede Menge Leute, die österreichische Uniformjacken tragen, was ja bekanntlich an die SS erinnern soll." Und je länger man sich umschaut, desto mehr Leute entdeckt man, die überhaupt nicht wie Grufties aussehen, sondern in "Lonsdale"-T-Shirts und DocMartins herumlaufen. Die schwarzgewandeten Fans mit ihren tollen Frisuren scheint das nicht weiter zu stören, und wenn man sich genauer nach der Band oder den militant gestylten Gastfans erkundigt, wird man mißtrauisch beäugt oder böse angezischt. Die Auseinandersetzung darüber, wer außer ihnen ihre Musik hört und zu ihren Konzerten kommt, überlassen die Grufties lieber Sozialwissenschaftlern und den "Andis mit i". (c) 1999 taz, die tageszeitung. |
Sekten - In Linz startet neue Info-Kampagne. diep000020010904dv4r007c4 144 Words 27 April 1999 Die Presse German (c) Die Presse 1999 www.diepresse.at. |
Mit dem Mechanismus von Sekten sollen Jugendliche in Oberösterreich vertraut gemacht werden. LINZ (sf). Ist Sinn noch in? Sinn oder Wahnsinn? Was zählt, wenn nichts mehr zählt? Über solche und ähnliche Fragen soll bei der Sinn-Enquete, die am kommenden Donnerstag im Linzer Ursulinenhof stattfindet, diskutiert werden. Der Diskussionsabend ist Teil einer breit angelegten Informationskampagne des Jugend-und Familienreferates der OÖ-Landesregierung zur Aufklärung über Sekten. Rund zwei Prozent der Österreicher sind Mitglied einer solchen Vereinigung, fünf Prozent haben Kontakt mit einer Sekte. "Die Sektenproblematik ist kein spezifisches Jugendproblem, auch wenn in diesem Alter eine besondere Empfänglichkeit dafür besteht", sagt Jugendlandesrat Walter Aichinger (VP). Neben der Enquete wird ein Sektenexperte am Telefon der Jugend-Hotline Auskünfte zum Thema Sekten, Satanismus und Okkultismus erteilen. Am 5. Mai lädt Landeshauptmann Josef Pühringer (VP) zu einem Runden Tisch mit Pädagogen. |
Sektenexperten diskutieren Satanismus und Okkultismus. adn0000020010831dv4q0118w 173 Words 26 April 1999 14:56 GMT ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1999 ADN |
Das Bildungsministerium und die Landeszentrale für politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern laden am 3. Juni zu einer Tagung über Okkultismus und Satanismus ein. Auf der Tagung werden Sektenexperten aus Hochschulen und Kirchen über Rituale und Praktiken sogenannter okkulter oder satanischer Gruppen informieren. Auch die Verbreitung anderer religiöser Gruppen insbesondere unter Kindern und Jugendlichen soll auf der Tagung zur Sprache kommen. Hintergrund der Veranstaltung im Schweriner Schloß seien zunehmende Anfragen zu okkulten oder satanischen Gruppen, sagte die Leiterin der Sekteninformationsstelle im Kultusministerium, Sigrid Hermes, auf ADN-Anfrage. Insbesondere bei Schülern der fünften bis siebten Klasse fänden sogenannte okkulte Riten wie Pendeln, Tischerücken oder Kartenlegen stärkere Verbreitung. Auch gebe es vermehrt Hinweise auf Gruppen mit satanischen Ritualen. Dort seien häufig Drogenkonsum oder rechtsradikales Gedankengut verbreitet. |
Da in den Gruppen zumeist strengste Geheimhaltung gelte, sei es notwendig, Informationen zu diesem Thema herauszugeben, sagte Frau Hermes. Über die Aktivitäten solcher Gruppen in Mecklenburg-Vorpommern sei ihr bislang nur wenig Konkretes bekannt. Die etablierten Vereinigungen säßen hauptsächlich in den USA. (c) 1999 ADN. |
Satanismus in den USA - "Krebs am Leib der Nation". diep000020010904dv4n006sv 484 Words 23 April 1999 Die Presse German (c) Die Presse 1999 www.diepresse.at. |
Jugendliche lassen sich häufig instrumentalisieren, blutige Verbrechen zu begehen. **NAVon unserem Mitarbeiter **NAUWE SIEMON-NETTO |
NEW YORK. Teufelsanbeter feiern am 30. April die "Walpurgisnacht", und zwar nicht nur wegen des Hexenritts, sondern auch weil Hitler sich an diesem Tag 1945 erschossen hat. Oft gedenken sie Hitlers aber auch schon zehn Tage früher: zu seinem Geburtstag am 20. April. Dies könnte bei dem Massaker in einer Schule in Colorado der Fall gewesen sein. Denn in den USA verlaufen Teufels-und Hexenfeste oft mörderisch. "In vielen Landkreisen ist die Polizei in Alarmbereitschaft, weil dies eine von vier Nächten im Jahr ist, in denen Satanisten Menschenopfer bringen", sagt Caroline Chaffers, eine katholische Theologin, bei der Kriminalämter Rat einholen, wenn Indizien für einen Ritualmord vorliegen. Die Highschool-Mörder von Littleton im konkreten Fall waren Anhänger des "Gothic"-Kults, einer Subkultur, die sich in den siebziger Jahren aus einer extremen Richtung der Punk-Musik entwickelt hat. Mit "gothic" werden im Englischen Schauergeschichten, düstere Begebenheiten bezeichnet. Die Gothic-Begeisterung der meisten beschränkt sich in der Neigung zu dieser Musik, zu schwarzer Kleidung, dunkler Schminke und Accessoires wie schweren Metallkreuzen; manche hängen jedoch extremeren Formen an: Schwarze Messen werden gefeiert, rassistische Ideen verherrlicht. Erkennungszeichen dieser Richtung ist der schwarze Trenchcoat, den sich auch die Gothic-Anhänger an der Columbine Highschool zum Symbol erkoren haben. Der Satanismus breitet sich aus. Im Internet entfalten sich unter "satanism" Tausende von Webseiten: Hexenkult, Neuheidentum, "New Age", Sadomasochismus, Verherrlichung von Mord, Selbstmord und Abtreibung, Neo-Nazis. Auf anderen Satanismus-"links" wird Kokain in Versen besungen. "Rauschift ist ein mächtiges Werkzeug für Teufelsanbeter", bestätigt in Minneapolis der Pfarrer Bruce Frederickson, Experte für den Satanismus, den er einen Krebs am Leibe der Nation nennt. Niemand kann genau sagen, wie viele Satanisten es gibt. 100.000 sind eine denkbare Größe. Dabei unterscheidet man zwischen fünf Gruppen: 1. Geheimbünde traditioneller oder "dynastische" Satanisten. Ihre Mitglieder gehören überwiegend der Oberschicht an und stammen aus Familien, die schon seit dem Mittelalter Teufelsanbeter sind. Sie glauben an Gott und an den Teufel, ziehen es aber vor, dem letzteren zu dienen. "Ihm bringen sie Menschenopfer", sagt Chaffers. 2. Nicht-traditionelle Satanisten der ersten Generation. Auch sie wirken im Verborgenen, bringen aber in ihren schwar-zen Messen höchstens Tieropfer. 3. "Offizielle Satanisten". Rund 20.000 Mitglieder der staatlich anerkannten, 1966 gegründeten "Kirche Satans", die das "wahre Wesen des Menschen" darin sieht, daß er ein "fleischlich-sinnliches Tier ist ..., angetrieben von der dunklen Macht des Satans." 4. Individuelle Satanisten. Psychopathen, die immer wieder durch Massenmorde in die Schlagzeilen geraten und vor Gericht erklären: "Der Teufel hat mir dies befohlen." 5. Jugendliche Amateure. US-Sektenforscher meinen, daß der Zusammenbruch der Familie ein Reservoir potentieller Kandidaten für den Satanismus geschaffen hat. Die Jugendlichen stoßen vor allem über "Heavy Metal"-Musik zu satanischen Gemeinden. Sie lassen sich von ihnen dazu instrumentalisieren, im Namen des "dunklen Fürsten" blutige Verbrechen zu begehen. |
Ein Jugendkult um Totenschädel, Särge, Leichen. tanz000020010911dv4m00axh Von HUGO STAMM. 293 Words 22 April 1999 Tages Anzeiger German (c) 1999 Tages Anzeiger Homepage Address: http://www.tages-anzeiger.ch |
Der Gothic-Kult ist Anfang der 80er-Jahre aus der New-Wave-und Punkszene hervorgegangen. Die meist jugendlichen Vertreter des modernen Kults bezeichnen sich als Goth, der Volksmund nennt sie meist Gruftis. Anhänger der Szene beziehen ihr düsteres und schauriges Lebensgefühl aus der Epoche der Gothik, die in der englischen Literatur, bildenden Kunst und im Kirchenbau Anfang des 18. Jahrhunderts eine Faszination für die dunklen Seiten des Lebens entdeckt hat. Gothic ist eine heterogene Szene mit einem Hang zu keltischen und heidnischen Ritualen. Die Gruftis zelebrieren an ihren Partys gerne das Morbide, benutzen Requisiten wie Totenschädel, Särge mit mumifizierten "Leichen" und Grabsteine. Kunstvoll drapierte Haare, ein fahl geschminktes Gesicht, Schmuckstücke aus der Abteilung Friedhof und eine schwarze Kluft von Kopf bis Fuss zeichnen die Anhänger aus. Die Gothic-Szene ist eine typische Protestbewegung, die schockieren und die bürgerlichen Werte auf den Kopf stellen will. |
Hang zum Okkultismus Die Szene hat eine eigene Musikrichtung geprägt, den Gothic-Metal, ein melancholischer Metal-Rock. In den Texten werden der Tod und das Dämonische oft besungen. Trotz der bedrohlichen Requisiten und des diabolischen Outfits ist der Gothic-Kult zumindest in Mitteleuropa eine friedliche Szene, die nicht zu den Satanismus-Gruppen zählt. Allerdings tummeln sich im Umfeld auch Personen, die das Morbide nicht nur als Kultgehabe verstehen, sondern die einen klaren Hang zum Okkultismus entwickelt haben. Eingefleischte Gruftis organisieren sich in Zirkeln und kultivieren ihre Weltanschauung zu einer Ersatzreligion. Die Szene hat es geschafft, sich der Kommerzialisierung weitgehend zu entziehen. Es gibt in Deutschland zwar Gothic-Zeitschriften, das zentrale Kommunikationsmedium ist jedoch das Internet. Wie stark die Szene im deutschsprachigen Raum ist, zeigt sich jeweils an Pfingsten, wenn sich in Leipzig mehrere Tausend Gruftis treffen. (c) 1999 Tages Anzeiger. |
Die Schaltkreise der Hölle Kraftwerk, Rammstein, Leni Riefenstahl. sddz000020010910dv4f00u9o 1600 Words 15 April 1999 Süddeutsche Zeitung German (c) 1999 Süddeutsche Zeitung |
Wie der Mainstream die Ästhetik des Faschismus schluckt Mitte der siebziger Jahre wurde der amerikanische Musikjournalist Lester Bangs gefragt: "Wohin geht's mit der Rockmusik?" - und der Gefragte antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Sie wird übernommen von den Deutschen und deren Maschinen". Natürlich sprach Bangs hier von jenen Bands, deren Musik von vielen als Kraut-und Teutonenrock noch verhöhnt wurde. Aber er meinte auch die chemische Industrie. |
Denn nach Ansicht des Amerikaners begann der Siegeszug der Deutschen schon mit der Herstellung künstlicher Amphetamine, die als Aufputschmittel für Bomberpiloten deren psychische Apparate beschleunigen sollte. Die Droge, meist Speed genannt, wurde für Popmusiker und Literaten, für Bob Dylan, Lou Reed, Jack Kerouac und andere zum Wahrnehmungsdoping, das deren Songs und Bücher tunte. "Das Reich ist nie gestorben", schreibt Bangs, "es wurde in amerikanischen Archetypen wiedergeboren." 1975 traf Bangs auf Florian Hütter und Ralf Schneider von Kraftwerk, die durch Amerika tourten. "Nach dem Krieg", erzählte Hütter, "war die deutsche Unterhaltung zerstört. Die Deutschen wurden ihrer Kultur beraubt, ein amerikanischer Kopf wurde ihnen aufgesetzt. Ich glaube, wir sind die erste Nachkriegsgeneration, die das abschüttelt." Hütter und Schneider betonten ihre Macht als Maschinen-Komplex und Laboratorium, das Publikum zu manipulieren und es physisch zu ergreifen. Die beiden Masterminds, das war klar, mußten auf Bangs ziemlich gefährlich wirken. Der war am Ende immerhin erleichtert, als die zwei erschöpft abzogen. "Irgendwie war es beruhigend zu wissen, daß diese Männer tatsächlich schlafen mußten." Diese Begegnung war wohl eine der spannendsten und spannungsvollsten - zwischen einem Vertreter der amerikanischen Popintelligenz und deutschen Pop-Intellektuellen. Bangs, mit Bierbauch, Schnauzer und langen Haaren und die beiden Kraftwerker wie Ingenieure aus einer deutschen Fabrik. Ein wechselseitiges Befremden, Symptom einer Unvereinbarkeit, die für den kosmopolitischen Gestus der Popkultur untypisch ist. Schließlich entstand Pop nach dem Zweiten Weltkrieg als rebellisches Kind der westlichen, kapitalistischen Zivilisation, um schnell für fast alle Jugendlichen dieser Zivilisation zum Sprachrohr, Gefühlsverstärker und Identitätskonstrukteur zu werden. Pop war eine Sprache, die jeder verstehen konnte. Nicht englisch sprechende Bands konnten sich assimilieren oder mußten untergehen. Dachte man. Bis Kraftwerk 1975 mit "Autobahn" in den Top Ten der US-Charts landeten. Kraftwerk hatten sich als Aliens in den Mainstream der angloamerikanischen Popkultur eingeschleust und suchten ihren Erfolg gerade in der Verweigerung der Assimilation. Sie bezeichneten sich als Kinder von Fritz Lang und Wernher von Braun, um deutlich zu machen, daß ihre Wurzeln nicht in der Tradition von Elvis oder den Rolling Stones zu suchen war. Sie unterstrichen die Elemente ihres Selbstentwurfes und ihres Deutschseins, der sie als Fremde identifizierte. Kraftwerk durften sich im Ausland als Sonderlinge fühlen, die sich mit ihrem Auftreten und mit ihrer Erscheinung als Deutsche selbst stigmatisierten. Ähnlich wie später Hip-Hop-Musiker ihre "Blackness" als Dissidenzmerkmal sowohl ästhetisch als auch politisch einsetzten, so benutzten Kraftwerk ihre "Germanness". Den beiden Deutschen war dabei natürlich bewußt, daß sie ein typisches Popimage schufen: überdeutlich, überzeichnet, überraschend, überwältigend. Es war in der Sprache von Pop und dessen Vermarktungsstrategien formuliert. Und wie alle Dissidenzentwürfe im Pop forderte die Außenseiterrolle eine Doppelkodierung, die die Songs und Images sowohl für den Mainstream wie für die anderen Aliens verständlich machte. Kraftwerk verpackten ihre Fremdheit nach den Regeln des Pop: als obskur interessante Novität, die rätselhaft und übersignifikant zugleich war. Hinzu kamen die verführerischen Klänge und Melodien, die Kraftwerk vollends zu einer appetitlichen Infusion des ganz Anderen werden ließ, das eine pluralistische Kulturindustrie gerne schluckt. Zur selben Zeit wie Kraftwerk beschäftigten sich die New York Dolls und wenig später die Sex Pistols mit der Ikonographie von Deutschtum und Faschismus. Knapp ein Jahrzehnt nach den Stundentenunruhen und der antifaschistischen Auflehnung gegen die Väter wurden nun die Hippies zu Feinden erklärt, wurde deren naiver Humanismus bekämpft. Mit allen Mitteln - wenn es sein mußte, auch mit dem Hakenkreuz. Es war eine aggressiv zynische Selbst-Denunziation. Und natürlich war es kokett. Koketterie und Selbstdenunziation waren wechselseitig verschränkt. Der Nazi-Binde wurde von den Punks eine neue Bedeutung zugewiesen: nicht als Zeichen der Identifikation mit politischen Zielen wie im Dritten Reich, nicht als Feindbild, dem man 1968 als Student eine gute, linke Moral entgegensetzte, sondern als Ausdruck der eigenen Zerstörtheit, der jede Moral weiter hinter sich gelassen hatte. Kraftwerk entzog sich dem Kontext der Moral durch eine futuristische Affirmation des Maschinenhaften. Roboter sind seelenlos und moralisch inkompetent. Ihr Deutschsein und das offensive Spiel verkündete damit auch dessen nahendes Ende: als Übergang in die Schaltkreise - ein Programm neben vielen. Die schuldbewußte Identitätslosigkeit des Teutonentums nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit koketter Affirmation überrannt. Das oberflächliche Spiel mit Assoziationen wurde von Kraftwerk in einem bis dahin tabuisierten Raum vollzogen: Während in amerikanischen Fernsehserien und Kriegsfilmen der strenge, hagere Deutsche mit kurzen Haaren immer noch als Feind wahrgenommen wurde, versuchten Kraftwerk über eine oberflächliche Identifikation mit dem Feind in eine Zukunft des Deutschseins zu springen, die diese Vergangenheit nicht vergessen machte, sondern eine Bedrohung an die Wand malte, die damals die gesamte westliche Zivilisation ergriffen hatte: die Angst vor der Herrschaft der Technik und die Ausrottung der Menschen durch den Computer. Kraftwerk waren damit Geschichtsaufarbeitung und Science-Fiction in einem. Anders funktiert Rammstein: die zweite Band nach Kraftwerk, die in den USA mit ihrem Deutsch-Pop Millionen Platten verkauft. Die Musiker der Band kommen aus der DDR, und sind damit doppelt Fremde in der anglo-amerikanischen Popkultur. Der Name ist eine Anspielung auf den Ort des schrecklichen Unfalls während einer Flugschau in den achtziger Jahren - und damit eine Provokation. Ebenso die Themen, die Rammstein aufgreifen: Inzest, Kinderschändung, Satanismus. Da all diese Themen entsprechend gewalttätig vorgetragen werden, wird die Provokation erhöht und zu einer Form von Aggressivität stilisiert, die als Popimage gut funktioniert. Doch gerade das Stumpfe und Primitive der Musik von Rammstein reizte nicht nur das deutsche Publikum. Der amerikanische Filmemacher David Lynch hat Rammstein für dem Soundtrack von "Lost Highway" ausgewählt. Und während ihrer erfolgreichen Amerikatour 1998 konnten Rammstein feststellen, daß genau das Befremdliche ihrer Musik von den Amerikaner als solches goutiert wurde. Bei vielen Konzerten sang das Publikum den Songtext mit, ohne zu wissen, was dieser bedeutet: die Wörter wurden als integraler Bestandteil des Songs mitaufgesogen, Sprache wurde reduziert auf Laute, Betonungen, die performativen Komponenten des Sprechens. Rammstein - das ist alles aus einem Guß und verzichtet gerne auf Widersprüchlichkeiten und Koketterien, die Popmusik so filigran wirken lassen. Diese Einfachheit muß jedoch angesichts der Identitäts-und Nationalitätsdebatten in Deutschland und nach dem rechtsextremen Terror der letzten Jahre als fragwürdig erscheinen. Der politische Kontext, in dem Rammstein ihr provozierendes Bild von Deutschland ausstellen, hat nicht mehr den Kniefall von Willy Brandt in Warschau zur Folie, sondern den Fremdenhaß und die brennenden Asylantenheime. Doch Pop ist die Kulturform, in der Reaktionäres oder gar Unmoralisches Riesenfreude machen kann, und auch Rammstein ist dies gelungen. Zwar wirkt die Provokation der Leni-Riefenstahl-Samples auf ihrem Video zu der Depeche-Mode-Covervesion "Stripped" so naheliegend wie bemüht. Und doch werden in dieser uncharmant-direkten Synthese Musik wie Bilder wechselseitig entmündigt. Aus den Nacktszenen der Riefenstahl wurde ein athletischer Striptease-Jingle mit vielen arischen Nakedeis - und die Musiker von Rammstein machten sich ein wenig zu Hampelmännern der Plattenindustrie, die den Tabubruch aufs Neue und gewinnträchtig gewagt hatten. Verglichen mit den Attacken der New York Dolls und der Sex Pistols, die vor Hakenkreuzbannern spielten oder aber Hakenkreuzbinden um den Arm trugen, wirkt dieser Einfall uninspiriert und plump. Man kann sich das Gesicht des Produktmanagers vorstellen, der mit ernster Miene erklärt, daß dies ganz schön Ärger geben werde, und sich freut, wenn die Medien auf diese Provokation anspringen. Die Geschichte der Popmusik ist eine Aneinanderreihung von Provokationen. Mehr noch: die künstlerische Qualität von Popmusik erschließt sich nicht zuletzt über die Intelligenz und Raffinesse der Provokation und seiner Wirkungen innerhalb der Massenkultur. Nach "Tanz den Adolf Hitler" von DAF und den SS-Runen bei Kiss, nach dem Hitler-Bart bei den Sparks, nach Punk, New Wave, Laibach, EBM und Industrial liefert Rammsteins Video nun die warenförmigste Provokation, deren schartige Eindimensionalität schnell aufstoßen kann. Die Selbstverständlichkeit, mit der Musikkanäle wie Viva oder MTV den Clip geschluckt haben, deutet darauf hin, daß die Provokation nur mehr minimal war. Die ausgestellte Ästhetik der Riefenstahl reiht sich mühelos ein in den bunten Strom der Clips. Wegen des Videos dürfte wohl kein Jugendlicher zum Nationalsozialismus konvertiert sein. Gerade die Banalität des Geschlucktwerdens ist sowohl Kompliment wie Verhängnis für die Riefenstahlsche Kunst. Ein Kompliment für die zeitlos unterhaltsame Schönheit - und ein Verhängnis, weil sie endlich dort gelandet ist, wo sie vermutlich nie landen wollte: in der Indifferenz einer demokratischen Massenkultur, in der solche Bilder möglich sind. Aus der einen großen Photo-und Filmkünstlerin der Nazidiktatur ist eine unter vielen geworden: eine Durchschnittsware der Popkultur ohne ideologische Durchschlagskraft und ohne politische Unterstützung. Wie schnell aus Mythen der Geschichte die Luft herausgelassen werden kann, demonstriert die Popkultur mit ihren schamlosen Zitieren und Ausbeuten von alles und jedem. Die Heldin des Tausendjährigen Reiches hat ihren Meister in der schonungslosen Wut des Modischen gefunden, in der alles der Gegenwart zum Fraß vorgeworfen wird. Gerade der vordergründig archaisch anmutende Ewigkeitskitsch der Nazikunst erfährt damit eine triviale Entwertung. Optimistisch formuliert, stellt die stolze Popkultur ein vernichtendes Urteil über diesen Teil der deutschen Vergangenheit aus: was muß das für eine Zeit und eine Welt gewesen sein, in der diesem hohlen Pathos Millionen auf den Leim gegangen sind? In der Hoffnung, daß man uns in fünfzig Jahren nicht vergleichbar unangenehme Fragen stellen wird, liegt die eigentliche Warnung vor dem Konsum von Rammstein-Werken. Hat Rammstein diese Unsicherheit mit dem Video ausgelöst, wird man ihnen vielleicht danken müssen. ULF POSCHARDT Poschardt, Ulf SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH. (c) 1999 Süddeutsche Zeitung. |
Teufelspakt. stugtr0020010911dv41013yi 383 Words 01 April 1999 Stuttgarter Zeitung 22 German (c) 1999, Stuttgarter Zeitung Ansprechpartner: 0049-711-7205-782 |
Unterricht und Politik Daß bei einem Pakt mit dem Teufel meist der letztere gut abschneidet, ist seit Goethes Faust kein Geheimnis. Im polnischen Olsztyn (Allenstein) hat nun aber auch bereits der Versuch, Teufelspakte im Schulunterricht zu behandeln, zu peinlichen Konsequenzen geführt. Dort ließ eine Lehrerin eine vierte Klasse Musterverträge mit dem Teufel aufsetzen, um die Schüler zu eigenen Wertvorstellungen u nd zum vorsichtigen Formulieren anzuregen. Das gelang, wie Beispiele zeigen, in denen Schüler dem Teufel so komplizierte Rechtskonstruktionen vorschlugen, daß dieser einen höllischen Winkeladvokaten gebraucht hätte, um daraus noch einen Vorteil zu ziehen. Manche Schüler lehnten es kategorisch ab, dem Teufel überhaupt irgend etwas abzutreten, und sei es noch so unbedeutend. Prüfung bestanden, Note eins? |
Von wegen. Der Pfarrer und die drei Religionslehrer der Schule sahen in der Aufsatzübung eine Anleitung zum "Satanismus", sammelten 30 Unterschriften gegen die betreffende Lehrerin und reichten sie beim Träger der Schule, der Stadtverwaltung, ein. Der stellvertretende Allensteiner Bürgermeister eröffnete ein Disziplinarverfahren zur Klärung der Vorwürfe gegen die Lehrerin. Der Pfarrer und die Religionslehrer konnten nur die Mutter eines einzigen von der Lehrerin unterrichteten Kindes zur Unterschrift bewegen. Alle anderen Unterschriften stammten von Eltern, deren Schüler überhaupt nicht an der teuflisc hen Lektion teilgenommen hatten. Wahrscheinlich waren sie allein schon vom Wort "Satan" aufgeschreckt worden, denn eine Woche zuvor hatte die Presse die blutigen Details einer tödlich verlaufenen Satansmesse in Oberschlesien veröffentlicht. Daß es in ihrer Schule nicht um Sektenumtriebe, sondern um Literatur und Werte gegangen war, wurde ihnen am nächsten Tag klar. Viele zogen ihre Unterschriften wieder zurück, und die Eltern der wirklich betroffenen Klasse stellten sich geschlossen hinter die beliebte Le hrerin. Probleme bekommt die Lehrerin doch. Und zwar nicht etwa mit den Eltern oder der Kirchenhierarchie, sondern mit den Behörden. Dort nämlich sitzen Politiker, die den Einfluß der Kirche fürchten und denen das Rückgrat fehlt, das viele Bürger inzwischen entwickelt haben. Die Furcht, der Zorn des örtlichen Bischofs könne ihre Wiederwahl gefährden, ist dabei wahrscheinlich unbegründet. In den letzten Jahren hat es Politikern in Polen meist mehr geschadet als genutzt, wenn sie offen von der Kirche unte rstützt wurden. Seltsamerweise haben das gerade die kirchennahen Politiker noch nicht gemerkt. Wie sagt doch der Volksmund: "Am dunkelsten ist es direkt unter der Laterne."Von Klaus Bachmann. (c) 1999, Stuttgarter Zeitung Ansprechpartner: 0049-711-7205-782. |
Schwarze Katzen getötet. stugtr0020010911dv1d01cf2 249 Words 13 January 1999 Stuttgarter Zeitung 7 German (c) 1999, Stuttgarter Zeitung Ansprechpartner: 0049-711-7205-782 |
Vier verstümmelte Tiere und einen Eimer Blut gefunden PFULLINGEN, Kreis Reutlingen (mip). Der Tierschutzbund geht davon aus, daß vier auf einem Parkplatz bei Pfullingen gefundene, tote Katzen Opfer von Satanisten sind. "Der Zustand der Tiere deutet auf das Handeln von soge nannten Satanisten hin, zu deren Riten es gehört, Opfertiere auf grausame Weise abzuschlachten", heißt es in einer Erklärung des Landesverbandes des Deutschen Tierschutzbundes. Der Verband setzte für Hinweise, die zur Ergreifung des oder der Täter führen, eine Belohnung von 3000 Mark aus. Entsprechende Informationen sollten an den Landestierschutzverband (0721-704573) oder an die Reutlinger Polizeidirektion gegeben werden. |
Die verstümmelten Katzen waren am Montagmorgen von einer Spaziergängerin entdeck t worden. Neben ihnen fand sich noch ein Eimer mit Blut. Ein Sprecher der Reutlinger Polizeidirektion erklärte auf Anfrage dazu, daß es bisher keine weiteren Hinweise auf Satanismus oder Okkultismus gebe. Auch sei der Fundort nicht der Tatort. Daß die Katzen irgendwelchen Kulthandlungen zum Opfer gefallen sind, sei nur eine Möglichkeit von mehreren. Genauso gut könnte das Abschlachten der Tiere das Werk eines Verrückten oder eines Sadisten sein. Der Polizei in Reutlingen ist kein ähnlicher Fall bekannt, aus dem sich Rückschlüsse auf diese Tat schließen ließen. Dem Tierschutzbund fällt seit einiger Zeit auf, daß gerade in ländlichen Räumen Baden-Württembergs auffällig viele Katzen verschwinden. Deswegen nahm er den Pfullinger Fall zum Anlaß einer Warnung an alle Katzenhalter: "Lassen Sie ihre Katzen mit Beginn der Dämmerung nicht mehr ins Freie." (c) 1999, Stuttgarter Zeitung Ansprechpartner: 0049-711-7205-782. |
Elektronischer Sittenwächter schützt Kinder beim Surfen im Internet. adn0000020010921duc101fjh 452 Words 01 December 1998 11:10 GMT ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1998 ADN |
Eltern können bereits seit längerem mit spezieller Software verhindern, daß ihre Kinder beim Surfen im Internet auf jugendgefährdende Inhalte wie Pornographie und Gewalt stoßen. Zu den besten elektronischen Sittenwächtern gehört «Cyber Patrol», das jetzt als erstes der ansonsten englischsprachigen Programme auch in Deutsch vorliegt. Die neue Version 4.0 ermöglicht es, den Zugriff auf bestimmte Internet-Inhalte zu sperren. Ebenso kann man den Zugang zu bis zu 16 Windows-Anwendungen auf dem eigenen PC wie Online-Dienste, Spiele und Finanzmanager völlig blockieren. |
Grundlage von «Cyber Patrol» ist eine Liste mit inzwischen über 100.000 Adressen im Internet, die wegen ungeeigneter Inhalte gesperrt werden sollen (CyberNOT-Liste), und von Web-Adressen, die für Kinder besonders geeignet sind (CyberYES-Liste). Diese Verzeichnisse werden nach Angaben des TLC Tewi Verlags als Vertreiber des deutschen Programms von pädagogischen Fachkräften ständig aktualisiert. Während einer Internetverbindung können sie per Knopfdruck auf den eigenen Computer heruntergeladen und so auf den neuesten Stand gebracht werden. Außerdem lassen sie sich durch eigene Einträge ergänzen. Die CyberNOT-Liste ist in zwölf Kategorien eingeteilt. Mit ihnen kann man Inhalte von «vollständig nackte Körper» und «sexuelle Taten» über «Gewalt/Obszönität» und «Satanismus/Sekten» bis zu «Drogen» und «Militarismus/Extremismus» blockieren. Um Eltern die freie Entscheidung darüber zu ermöglichen, womit ihre Kinder sich in ihrer Entwicklung auseinandersetzen sollen, sind die einzelnen Kategorien ein-und ausschaltbar. Wer mehrere Kinder hat, kann zudem bis zu zehn verschiedene Benutzerprofile mit unterschiedlichen Einschränkungen festlegen und so älteren Jugendlichen einen freizügigeren Zugang erlauben. Zu den Stärken des Programms gehört zudem, daß sich einstellen läßt, welcher Benutzer an welchem Wochentag von welcher bis zu welcher Uhrzeit wieviel Stunden surfen sowie Spiele und andere Anwendungen nutzen darf. Das Programm bietet damit eine gute Grundsicherheit für das unbeaufsichtigte Surfen von Jugendlichen im Internet. Ein absolut sicherer Schutz ist jedoch naturgemäß nicht möglich. Mit seinen Filtern kann es nur Text prüfen und ist damit auf bestimmte Schlüsselwörter angewiesen. Dazu kommt, daß es sich aufgrund seiner Herkunft vor allem am amerikanischen Wortschatz orientiert. Nach Angaben des TLC Tewi Verlags werden auch deutsche Begriffe berücksichtigt, doch das Ausmaß war bei einem ersten Test nicht genau erkennbar. Mit seinen sehr detaillierten Einstellmöglichkeiten läßt sich die Wirksamkeit des Schutzes erheblich erhöhen, allerdings ist dafür schon einige Erfahrung beim Surfen notwendig. Der TLC Verlag in München ist eine Tochter des US-amerikanischen Unternehmens The Learning Company (TLC), die in den USA mit einem Marktanteil von 39 Prozent der führende Verleger von Lernsoftware ist. «Cyber Patrol» (49,95 DM) läuft auf einem IBM-kompatiblen PC bereits ab 468er Prozessor mit 66 MHz sowie Windows 3.1, 95 und 98. Es ist im Buch-und Fachhandel sowie in Kaufhäusern erhältlich. (c) 1998 ADN. |
Der Schminkteufel. focus00020010923duaj000ip 883 Words 19 October 1998 Focus German Not available for redistribution (c) 1998 FOCUS |
Der amerikanische Schock-Rocker Marilyn Manson über das Jenseits von Gut und Böse Ihr Handwerk ist die Provokation, deshalb galten für Marilyn Manson und seine Band keine Tabus mehr: Die Rockmusiker kokettierten mit dem Satanismus, zelebrierten in den USA eine auf den gewollten Skandal hin inszenierte Bühnenshow. Antichrist Superstar, Tour-programm und Titel ihres Albums, übertraf an Geschmacklosigkeit und Ekeleffekten - aber auch an bestürzender Intensität - die Darbietungen alter Grusel-Rocker wie Alice Cooper. |
Kalkulierter Effekt des Schockkonzepts: eine Riesen-Publicity. Ich wollte den Rockstar wieder in die Musik zurückbringen. Der war hier nämlich ausgestorben, begründet Manson sein Treiben. Statt das Spektakel zu überbieten, was ohnehin schwer gewesen wäre, verblüfft der Musiker nun durch verhaltene Rückkehr zur Normalität: Gestylt als Dandy und nur durch teuflisches Make-up wiedererkennbar, flirtet er auf seinem neuen Album Mechanical Animal mit dem melodischen Bombast der Glam-Rock-Periode und begibt sich auf musikalische Seelenwanderung in sein Inneres. FOCUS traf ihn in New York: FOCUS: Mr. Manson, nach Ihrem Album Antichrist Superstar haben US-Kirchenorganisationen Sie vehement angegriffen, manchen galten Sie gar als der Leibhaftige persönlich. An was glaubt der private Mr. Manson? Manson: Ich glaube nicht, daß Gott und Satan voneinander getrennt sind. Es sind die zwei Seiten einer jeden Person. Ich glaube, daß Spiritualität in Kunst und Musik existiert, aber wenn du wirklich Gott suchen willst, dann findest du ihn am besten dort, wo du etwas geschaffen hast. FOCUS: Sie drängen jetzt auch verstärkt auf den europäischen Markt. Was erwartet uns da? Manson: Meine neue Platte Mechanical Animal hat nichts mehr mit Religion zu tun, sondern mit der menschlichen Seele. Ich sehe die Welt mittlerweile mit anderen Augen, wesentlich emotionaler. Früher habe ich mich betäubt, um nur keine Gefühle aufkommen zu lassen. Bei Antichrist Superstar haben wir uns ja sehr hart und dissonant präsentiert. Nun versuche ich, mich gefühlvoller und eher melodisch zu zeigen. Provokante Ideen werden aber beibehalten. FOCUS: Warum wollen Sie unbedingt schocken? Manson: Ich finde es ziemlich dumm, daß die Leute es so schockierend finden, was ich tue. Ich möchte doch nur zum Denken anregen. Ich versuche, Dinge zu schaffen, die kraftvoll sind und die die Leute dazu bringen, ihren Geschmack in Frage zu stellen. Amerika hat da aber wenig Sinn für Ironie bewiesen. FOCUS: Erzählen Sie uns von den Reaktionen. Manson: Ich habe mit Antichrist Superstar versucht klarzumachen, daß die amerikanische Idee vom Christentum eine Farce ist und nur dazu da, Leute auszubeuten. Das hat Kontroversen ausgelöst. Die Platte wurde von Leuten geliebt, die die Idee respektierten, und sie wurde gehaßt von anderen, die sie fürchteten. Ich bekam Morddrohungen. Es gab Gerüchte, daß wir auf der Bühne Tiere töten würden und andere dumme Sachen. Es wurde sehr schwierig für uns, aber auf der anderen Seite dachte ich mir: Wenn jemand so dagegen ist, dann muß es ja wohl wichtig sein, was ich zu sagen habe. Deshalb habe ich mich entschlossen weiterzumachen. Das Ganze hat meine Persönlichkeit sehr stark verändert, und ich ging durch eine Transformation. Die neue Platte Mechanical Animal ist das Resultat meiner Veränderung. FOCUS: Besonders kritisiert wurden Sie in den USA, nachdem sich zwei jugendliche Mörder als Marilyn-Manson-Fans geoutet hatten. Wie stehen Sie zu dieser Verantwortung? Manson: Nun, das passiert mit jedem, der gegen den Strom schwimmt. Die Leute wollen dir eben was Übles anhängen, um dich herabzuwürdigen. Ich kann nur allen raten, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. FOCUS: Sie können nicht abstreiten, daß viele jugendliche Fans ihre Intension mißverstehen und Sie tatsächlich als Negativsymbol verehren. Manson: Das alles passiert doch nur in einer Kultur, die Kunst nicht interpretieren kann, die keine Intelligenz hat. Wenn die Menschen eine Welt haben wollen, in der es Fernsehen gibt und in der es auch noch Marilyn Manson gibt, dann müssen sie eben auch intelligent genug dafür sein. Du kannst nicht Freiheit haben wollen, ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Außerdem: Ich rate den Kids doch nur, an sich selbst zu glauben, trotz all der Sachen, die sie zu Hause, in der Schule oder in der Kirche hören. Das ist doch eine positive Botschaft. FOCUS: Die Negativ-Publicity um die Kunstfigur Marilyn Manson wurde mittlerweile übertroffen von der Aufregung um die Präsidentenaffäre. Ihr Kommentar zum Oval-Office-Skandal? Manson: Das alles ist typisch amerikanisch und überrascht mich überhaupt nicht. Die Leute sind seit jeher von Tragödien und Skandalen fasziniert. Ikonen werden geschaffen, im negativen wie positiven Sinne. Das ist es auch, was der Name Marilyn Manson - zusammengesetzt aus Charles Manson und Marilyn Monroe - repräsentiert. Die Menschen sind so von dem Leben dieser Personen fasziniert - ebenso von dem, was ich mache. Oder eben von Bill Clinton. FOCUS: Was würden Sie tun, wenn Sie Clinton treffen würden? Manson: Ich würde ihm wahrscheinlich einen Blow-Job anbieten. Eine Kultur, die KUNST nicht interpretieren kann, hat keine Intelligenz - MARILYN MANSON ROCKMUSIKER EIN TEUFELSKERL? Marilyn Manson - Daten: - Vor 99 Jahren - so die Eigenauskunft - wurde Marilyn Manson in Ohio geboren, ist in Florida aufgewachsen. Branchen-Insider schätzen Brian Warner, so sein richtiger Name, eher auf 29. - Satanische Verse. Veröffentlichungen: Portrait Of An American Family ('92), Smells Like Children ('94), Antichrist Superstar ('96), Mechanical Animal ('98). Im März erschien in den USA seine Autobiografie: The Long Hard Road Out Of Hell - Konzerte - München: 5.12., Hamburg: 13.12., Köln: 16.12. Not available for redistribution (c) 1998 FOCUS. |
Zeitung - Bundesregierung hat keine Erkenntnisse über Kinderpornos. adn0000020010921du7k00on5 134 Words 20 July 1998 ADN - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst German (c) 1998 ADN |
Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse über kinderpornographische Videos, die zunehmend rituelle Gewalthandlungen zum Inhalt haben. Außerdem verfüge sie über keinerlei Erkenntnisse über grenzüberschreitende Kontakte zwischen Kinderhändler-und Pädophilenringen sowie okkultistisch-ideologischen Kreisen, berichtet das «Hamburger Abendblatt» (Dienstagausgabe) unter Berufung auf die Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion. |
«Damit stellt sich die CDU/CSU-FDP-Regierung ein Armutszeugnis aus», erklärte dazu die Berliner Bundestagsabgeordnete Renate Rennebach (SPD). Allein im Abschlußbericht der Enquetekommission «Sogenannte Sekten und Psycho-Gruppen» seien 305 Opfer aus 61 Orten aufgeführt, die unter den Folgen der rituellen Gewalt litten. Eine Befragung der Landeskriminalämter (LKA) und des Bundeskriminalamtes jedoch habe ergeben, daß nur vier LKA-Hinweise auf Ermittlungen im Zusammenhang von Satanismus und rituellem Mißbrauch hätten. (c) 1998 ADN. |
Alles in allem pretty british Peter Duncans moderne Satanisten machen blasphemische Sprüche, ... taz0000020010927du7200g15 Von Jenni Zylka. 457 Words 02 July 1998 taz - die tageszeitung German (c) 1998 taz, die tageszeitung |
Alles in allem pretty british Peter Duncans moderne Satanisten machen blasphemische Sprüche, tragen Khaki und trinken etwas zuviel - "Zum Teufel mit der Seele". |
Männer und Frauen in dezent khakifarbenen Anzügen und großen hellen Hüten machen blasphemische Sprüche und trinken viel, untermalt von obskurer Swingmusik: Dieser australische Film ist pretty british. Drehbuchautor und Regisseur Peter Duncan strickt eine faustische Geschichte um vier Menschen und was sie umtreibt. Da haben wir Godfrey Usher (brillant: Oscar-Gewinner Goeffrey Rush aus "Shine"), eine Sickergrube für alkoholische Getränke, Schatzkanzler und einer der ersten Männer im Land mit einem Faible für alberne SM-Spiele und Satanismus. Seine fidele Frau Grace Michael (Heather Mitchell) steht den ungewöhnlichen Hobbys ihres Gatten um nichts nach, hat allerdings noch andere Sorgen: Sie wird in Kürze 39f., ihre "fazialen Linien" wachsen sich langsam zu Behringgräben aus. Darum bietet sie dem jungen, zerstrittenen Wissenschaftlerpärchen Dr. Richard Shorkinghorn (David Wenham) und dessen Exassistentin und Exfreundin Kate Haslett (Frances O'Connor) bei einem gemeinsamen Wochenende auf dem Lande die finanzielle Förderung an, die die beiden für die Weiterführung ihres sogenannten "Unsterblichkeitsprojekts" brauchen. Sie wollen, nun wieder vereint, die Medizin finden, die die Zellalterung verhindert. Weil ihre Gönner aber moderne Satanisten sind und den jungen ForscherInnen im Gegenzug zum wissenschaftlichen Erfolg die Seele abkaufen, geht es dem Doktor und seiner Assistentin wie Doktor Faust: Die Geister, die sie riefen, die werden sie nicht los. Im Gegenteil, der verrückte Godfrey, der aus Angst vor politischen Interviews immer Spickzettel über den Zusammenhang zwischen Dollarkursen und Wirtschaftsentwicklung mit sich trägt, und seine morbid-erotische Gattin mischen sich fortan in das Leben des sinistren Pärchens, bis es zu einem Eklat kommt, in dessen Ablauf Godfrey angesichts eines Jesuskreuzes bemerken wird: "Das soll mir Angst machen? Ein langhaariger jüdischer Sozialist und Bauernhippie an Holz gepinnt?" So entwickelt sich ein Reigen um Satanskult und sexuelle Verklemmtheit, eine Geschichte, bei der sich Brad und Janet aus der Rocky Horror Picture Show unversehens in dem Monty-Python-Sketch wiederfinden, in dem "Mr. Death" zum Essen kommt, und auch die Gäste mitnimmt, die gar nichts von der Lachsschaumspeise gegessen haben. Die streckenweise langatmige Story gerät dramaturgisch manchmal etwas aus den Fugen, als ob sich der Regisseur, der hier seinen zweiten Spielfilm und seine erste Komödie inszenierte, mit der Doppelbelastung durch Drehbuch und Regie einfach zuviel vorgenommen hätte. Aber recht gut unterhalten fühlt man sich trotzdem, spätestens wenn die Wissenschaftlerin Kate sich, untermalt von permanent gackernden Hühnern, an ihre Mäzenin heran-"gackert", kichert man leise eine Runde mit. Jenni Zylka "Zum Teufel mit der Seele". Regie: Peter Duncan. Mit Geoffrey Rush, Frances O'Connor, David Wenham, Heather Mitchell, Australien 1997, 83 Min. (c) 1998 taz, die tageszeitung. |
Kindergarten der Exorzisten. spgl000020010923du68003fa 858 Words 08 June 1998 Der Spiegel 48, German (c) 1998 Der Spiegel |
Eine Kommission des Bundestages sollte die Gefahren von Sekten untersuchen. Doch unter den Experten ging es oft zu wie in einer Psychogruppe. Das Werk hat zwei Bände mit über 300 Seiten und kostete rund zwei Millionen Mark. Zwölf Bundestagsabgeordnete und ebenso viele Experten saßen zwei Jahre an ihrem Bericht über "Sogenannte Sekten und Psychogruppen". |
Nächste Woche präsentiert die Enquetekommission dem Parlament das Ergebnis ihrer Anstrengungen - und manche Mitglieder der Gruppe stöhnen erleichtert auf: "Meine Nerven hätten das keinen Tag länger ausgehalten." Die parlamentarische Untersuchung des umstrittenen Psychomarktes wurde zum Glaubenskrieg. "Manche waren so hysterisch", meint ein Teilnehmer, "als gehörten sie selbst einer Sekte an." Der Abschlußbericht einer der aufwendigsten Enquetekommissionen des Bundestages ist ein wirres Konglomerat aus Banalitäten, Widersprüchen und bedenklichen Empfehlungen. "Was die einzelnen Gruppen angeht, haben wir eigentlich keine großen Erkenntnisse über das hinaus, was schon vorher bekannt war", gibt Angelika Köster-Loßack zu, die Grünen-Obfrau der Kommission. Wie im "Kindergarten", so berichten Kommissionsmitglieder, stritten sich die Sektenkundigen häufig. Zwei eifrige Verfolger der Scientologen hatten die Kommission durch heftige Propaganda überhaupt erst zum Leben erweckt: die SPD-Abgeordnete Renate Rennebach, Mitglied der evangelischen Synode, und die Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta. Die weniger fanatischen Mitglieder der Kommission versuchten, der Tyrannei der beiden Damen durch einen wohlfeilen Kompromiß zu entkommen: Ein Sekten-Ranking der schlimmsten Volksverführer sei nicht Aufgabe des Gremiums, wurde zu Beginn beschlossen. So findet sich in dem umfangreichen Schriftwerk der Kommission keine Studie über die berüchtigte Scientology-Sekte. Damit droht, daß ausgerechnet die derzeit umstrittenste Seelenfänger-Organisation vom allgemeinen Trend zur Entwarnung profitiert. Denn am Ende entstand ein weich gezeichnetes Bild der Sekten und Psychogruppen, das fast wie eine Absolution der Bonner Glaubenskongregation klang - die Gruppen stellten gegenwärtig "insgesamt keine Gefahr dar für Staat und Gesellschaft oder für gesellschaftlich relevante Bereiche, z. B. Wirtschaft". Eine Untersuchung im Auftrag der Kommission kommt zu dem Ergebnis: "Gewalttätige Vereinnahmungen haben wir in keinem Fall festgestellt. Manipulative Vereinnahmungsversuche gingen nicht über das Maß hinaus, wie es in vergleichbaren Konfliktsituationen des sozialen Alltags üblich ist." Entscheidend sei weniger die aggressiv werbende Sekte als vielmehr die psychische Situation des Betroffenen. Selbst für Jugendliche, so das Resümee der Kommission, sei die Gefahr psychischer oder physischer Schäden keinesfalls größer als in anderen Milieus. Die offizielle Entwarnung steht in merkwürdigem Gegensatz zum glühenden Eifer, mit dem die Kommissionsinitiatorinnen mutmaßliche Scientology-Sympathisanten verfolgten. Traten die Damen Rennebach und Caberta im Duett auf, fühlte sich ein Zuhörer schon mal an ein "Exorzismus-Seminar" erinnert. Caberta etwa weigerte sich, über Interna in Anwesenheit von Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer zu reden. Die Grüne hatte in einer TV-Sendung den österreichischen Maler Gottfried Helnwein vor Scientology-Vorwürfen in Schutz genommen. Caberta mutmaßte nun, Vollmer könne Vertrauliches durchsickern lassen. Auch der von den Grünen berufene Experte Hubert Seiwert mußte sich den Vorwurf der Scientologen-Nähe gefallen lassen. Ralf-Bernd Abel, Cabertas Gewährsmann, wurde als Sympathisant der Deutschen Unitarier Religionsgemeinschaft * Mit Jürg Stettler, Pressesprecher der Schweizer Scientologen, im März 1996. verdächtigt, die laut Gerichtsbeschluß "Nazi-Sekte" genannt werden durfte. Den bayerischen Unternehmer Walter Kauffmann, der seit über 15 Jahren Seminare nach Kloster-Art für Manager etwa von BMW, Nestlé oder Hewlett-Packard veranstaltet, rückte die SPD-Obfrau Rennebach in Interviews ebenso in Sektennähe. Zwei neutrale Gutachter hatten ihm dagegen Unbedenklichkeit attestiert. Lebenshilfe-Seminare wie die von Kauffmann und die wachsende Zahl der Psychogruppen sind für die Kirchen eine gefährlichere Konkurrenz als die Scientologen. Deren Anhänger halten die christlichen Glaubenshüter ohnehin für verloren. Die Abtrünnigen locker organisierter Psycho-und Esoterikzirkel, hoffen die Kirchen, sind eher wieder umzustimmen. Besonders die evangelische Kirche ist von der Abwanderung in die Psychowelt bedroht. Nach einer bisher unveröffentlichten Kommissionsstudie sind 35 Prozent der Überläufer Protestanten, nur 10,5 Prozent Katholiken. Obwohl die kirchlichen Sektenexperten selber nicht recht an die Gefährlichkeit ihrer Forschungsobjekte zu glauben scheinen, fürchten sie doch die Konkurrenz. Mit dem Entwurf eines "Lebensbewältigungshilfegesetzes" wollte die Kommission den angeblich unmündigen Konsumenten des Psychomarktes den rechten Weg weisen - zurück in den Schoß der Amtskirchen. Damit scheiterten die Sektenbekämpfer jedoch schon am Einspruch des Bundesjustizministeriums. Der Gesetzentwurf hätte auch seriöse Anbieter benachteiligt. Der Kommissionsbericht nennt nun 20 wuchtige Handlungsempfehlungen, die freilich meist überflüssig sind, zum Beispiel: * Der Straftatbestand des Wuchers soll künftig auch bei psychischen Zwangslagen greifen - unnötig, denn schon jetzt werden neben wirtschaftlichen auch "sonstige" Zwangslagen erfaßt. * Die Polizei soll Sonderdezernate für Okkultismus und Satanismus einrichten - obgleich eine Befragung der Landeskriminalämter keine Notwendigkeit ergab und die Kommission selbst zu dem Schluß kommt, es handele sich um "seltene Randerscheinungen". Der Katalog der Enqueteinquisitoren geht selbst Mitgliedern entschieden zu weit. "Mit so umfangreichen Forderungen wird der falsche Eindruck erweckt, daß das Problem eine Sondergesetzgebung rechtfertigt", kritisiert die Grüne Köster-Loßack. Ihre Partei lehnt in einem Sondervotum Teile des Abschlußberichts ab. Eine außerparlamentarische Gegen-Enquete um den Heidelberger Kirchenhistoriker Gerhard Besier will gar im Herbst einen Verriß des Abschlußberichts präsentieren. Zuviel der Ehre für die Ungläubigen. Selbst der christdemokratische Obmann Ronald Pofalla gesteht ein: "Ein breites gesellschaftliches Problem gibt es nicht." Möglicherweise, so meinen einige in der Kommission inzwischen - nach strapaziösen Studienreisen, etwa in die USA -, war aller Eifer umsonst. Vielleicht, vermutet ein Mitglied, "sind Glaubensthemen für eine Enquete nicht das richtige Thema". (c) 1998 Der Spiegel. |
Schlagwort - Schweinekram. sddz000020010927du64006hc 847 Words 04 June 1998 Süddeutsche Zeitung 23 German (c) 1998 Süddeutsche Zeitung |
Eine Prüfstelle der Bundesländer fahndet nach jugendgefährdenden Seiten im Internet Im Internet gibt es nichts, was es nicht gibt. Voyeurweb zum Beispiel ist ein Forum für Spanner: Voyeure können sich private Fotos anderer Voyeure anschauen, die Frauen heimlich unter die Röcke knipsen. Wer die Adresse http://www.voyeurweb.com/ eingibt, bekommt derzeit allerdings keine Bilder zu sehen, sondern einen juristischen Hinweis: 'Unser Webserver meldet, daß Sie sich in Deutschland befinden. Die Beauftragten der obersten Landesbehörde für Jugendschutz in Mediendiensten haben uns gebeten, unser Angebot für den allgemeinen Zugriff aus Deutschland zu sperren, da unsere Website frei zugängliche Verlinkungen (Banner) zu Seiten mit pornographischem Inhalt enthält.' |
Petra Müller, Leiterin der neuen Aufsichtsstelle jugendschutz.net in Wiesbaden, hatte das anstößige Material im Netz entdeckt und die amerikanischen Betreiber aufgefordert, die Seite in Deutschland Jugendlichen nicht mehr zugänglich zu machen. Die Leute waren kooperativ und sperrten freiwillig. Es ist das erste Mal, daß ein jugendgefährdendes Angebot im Internet für ein ganzes Land komplett abgeschaltet wird. Das Voyeurweb ist aber ein eher harmloses Beispiel für die Arbeit von Petra Müller. 'Wir behaupten nicht, daß Bilder von weißen Höschen und blanken Busen schädlich sind', sagt sie; beanstandet wurden in diesem Fall verschiedene Links zu Anbietern harter Pornos. Als Länderbeauftragte für Jugendschutz in Mediendiensten bekommt Petra Müller täglich weit härtere Sachen zu sehen - zum Beispiel eine 'Großaufnahme einer Vagina, durchbohrt von 150 Nadeln'. Es gibt Hunderte von deutschen Internet-Anbietern und Homepages, die solch harte Pornographie ins Netz stellen, frei zugänglich, ohne Altersprüfung. Wer ist für die Verbreitung von pornographischen, gewaltverherrlichenden und verfassungsfeindlichen Inhalten im Internet zur Verantwortung zu ziehen? Diese Frage wird nach dem Prozeß gegen den früheren Deutschland-Chef von CompuServe, Felix Somm, besonders heftig diskutiert; Somm ist wegen Verbreitung von Pornographie zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und der Zahlung von 100 000 Mark verurteilt worden. Nach Ansicht des Amtsrichters Wilhelm Hubbert hat er den Zugriff auf harte Pornos ermöglicht, was strafbar ist. Daß Somm von den Kinder-, Gewalt-und Tierpornos in den Newsgroups seines Dienstes nichts gewußt habe, so der Richter, sei unglaubhaft. Täglich 200 Angebote 'So notwendig es ist, diese Straftaten mit allen Mitteln zu verfolgen, so wenig trägt die Verurteilung von Herrn Somm dazu bei, Kinderpornographie im globalen Netz zu verhindern', sagt Petra Müller. Sie appelliert zwar dauernd an die Sorgfaltspflicht von Internet-Providern, kann sich aber gut vorstellen, daß Somm nicht in der Lage war, die Inhalte zu kennen. Die Auswahl der Bilder ändert sich täglich; die gezielte Suche unter einschlägigen Rubriken führt nicht weit, denn auch hinter harmlosen Stichworten verstecken sich oft illegale Inhalte. Und das Angebot an Pornographie sei 'geradezu erdrückend vielfältig', sagt Müller. Mehr als 200 verdächtige Angebote findet der Rechner von jugendschutz.net jede Nacht. Seit Februar 1998 setzt die länderübergreifende Prüfstelle eine Software ein, die selbständig nach anstößigen Bildern und Texten sucht. Dieser sogenannte Crawler durchforstet nach bestimmten Jargonbegriffen das Netz und speichert die Seiten ab. Differenzierte Schlagwort-Listen existieren für die Bereiche Pornographie, Gewalt und Satanismus. Zusammen mit einer weiteren Fachkraft muß Petra Müller den Schmuddelkram dann auswerten und dokumentieren. Nicht bestätigt hat sich dabei die Annahme, daß jugendgefährdende Angebote überwiegend aus dem Ausland kommen. Viele deutsche Seiten verbreiten solche Inhalte, von kommerziellen Kontaktbörsen bis zu privaten Sado-Maso-Homepages. Die Jugendschützer ermitteln die Adressen und fordern die Anbieter auf, illegale Inhalte aus dem Netz zu nehmen; etwa 100 hat Petra Müller seit Beginn ihrer Arbeit vor fünf Monaten bereits dazu bewegt, Seiten freiwillig zu ändern, zu verschlüsseln oder gar zu löschen. Im Falle eines Verstoßes gegen die Jugendschutzbestimmungen sind Bußgelder bis zu 600 000 Mark möglich. Alle angemahnten Anbieter waren bisher bereit, ihre Seiten zu ändern, ohne daß jugendschutz.net ein Bußgeldverfahren veranlassen mußte. Erstaunlicherweise reagieren die meisten positiv, wenn die Prüfstelle sich meldet. 'Die Einsicht bei den kommerziellen Anbietern ist größer als angenommen', sagt Petra Müller. Als problematisch erweist sich allerdings immer wieder die komplizierte rechtliche Lage. Viele Betreiber von Homepages wissen wenig über die Gesetze - oder geben dies zumindest vor. Die Verbreitung offensichtlich schwer jugendgefährdender Angebote via Teledienst ist eine Straftat, via Mediendienst jedoch nur eine Ordnungswidrigkeit; als Teledienst gelten elektronische Informationsdienste, die 'für eine individuelle Nutzung bestimmt sind' (zum Beispiel Telephon), während Mediendienste 'an die Allgemeinheit gerichtete Abrufdienste' sind (zum Beispiel Internet). Für Teledienste gilt Bundesrecht, für Mediendienste Länderrecht. Nach dem Urteil gegen Felix Somm sprechen die Anbieter T-Online, AOL, CompuServe und Germany.Net gar von einer neuen 'Situation der Rechtsunsicherheit'. Die Entscheidung, einen Online-Dienst oder Internet-Zugang in Deutschland zu betreiben, stehe grundsätzlich in Frage. Mit der nationalen Gesetzgebung stößt der Jugendschutz im globalen Internet ohnehin sehr schnell an Grenzen. jugendschutz.net ist zwar eine effektive Einrichtung, die in fünf Monaten schon viel erreicht hat - aber Konsequenzen hat eine Mahnung nur für deutsche Anbieter. Die Vernetzung der europäischen Jugendschutzstellen, die mit einem Aktionsplan der Europäischen Kommission vorangetrieben wird, könne bald weiterhelfen, hofft Petra Müller. Bislang ist sie noch in einer seltsamen Situation:'Den Sado-Maso-Club in der deutschen Großstadt kann ich dazu bewegen, jugendgefährdende Inhalte zu verändern, den Anbieter sodomitischer Photos aus Holland hingegen nicht.' TITUS ARNU. (c) 1998 Süddeutsche Zeitung. |
Der perfide Zion. sddz000020010927du5b00aaa 1162 Words 11 May 1998 Süddeutsche Zeitung 14 German (c) 1998 Süddeutsche Zeitung |
Brandaktuell: eine alte Mär von der jüdischen Weltverschwörung Intrige, Komplott, Verschwörung - wie schön wäre alles, und wie spannend dazu, wenn sich (Welt-)Geschichte auf diese simplen Strukturen festlegen ließe. Geschichte als Suspense, Geschichtsschreibung als Fabrikation weltweiter Kolportageromane oder Serials a la Fantomas und Co., als Kampf zwischen dem Guten (im Licht der Öffentlichkeit) und dem Bösen (im Dunkel). |
Zu den immer wiederkehrenden 'Geistern' in diesem Niemandsland zwischen Geschichte, Mythos und Kolportage gehören die sogenannten 'Protokolle der Weisen von Zion' - eine der folgenreichsten Fälschungen der Weltgeschichte. Hitler spricht bereits in 'Mein Kampf' eingehend über sie, um der paranoiden Mär von einer 'jüdischen Weltverschwörung' zum Nutzen seiner antijüdischen nationalsozialistischen Verschwörung die nötigen Konturen zu geben. Davor waren die 'Protokolle' die 'Bibel der Rathenaumörder' gewesen: der Außenminister der Weimarer Republik war für sie eines der führenden Mitglieder der geheimen jüdischen Weltregierung, einer der 'dreihundert Weisen von Zion'. Auch derzeit, an die hundert Jahre nach der ersten Publikation im zaristischen Rußland, geistern sie wieder in aufklärungsresistenten, dafür um so entschlosseneren Kämpfen herum: bei den 'Christian Patriots' in Amerika ebenso wie bei islamischen Fundamentalisten und nationalrussischen Chauvinisten, in rechtslastigen Zirkeln des 'New Age'. Durchaus erklärlich also, daß dieses Dokument nun wieder veröffentlicht wird, daß zwei Bücher darüber (wieder) erschienen sind. Sehr zu begrüßen ist, daß ein Standardwerk von Norman Cohn zu diesem 'Mythos der jüdischen Weltverschwörung', 1969 erstmals auf deutsch vorgelegt, jetzt wieder erschienen ist, mit einer auf dem neuesten Forschungsstand kommentierten Auswahlbibliographie von Michael Hagemeister, der auch Cohns Hypothesen korrigiert, wo die Forschung inzwischen weitergekommen ist. Cohns Buch rekonstruiert detailliert die vermutliche Entstehungs-und die tatsächliche Wirkungsgeschichte der 'Protokolle'. Es verzichtet wohltuenderweise darauf, ein historisches Sujet, das schon für sich arkan und sensationsträchtig genug ist, weiter zu dramatisieren. Das läßt sich von Hadassa Ben-Ittos gleichzeitig erschienenem Reißer über die ' Anatomie einer Fälschung' nicht behaupten. Das Buch bietet historisch kaum Neues. Dafür ist es in einem penetrant geschwätzigen Stil geschrieben, der durch Klatsch und Spektakel wettzumachen sucht, was an eigenen Forschungsergebnissen fehlt. Die Autorin versucht nicht zu schreiben, 'wie es eigentlich gewesen' (Leopold von Ranke), sondern, als ob sie höchstpersönlich dabeigewesen wäre. Die Aura der 'Protokolle', die nach Entmystifizierung verlangt, wird potenziert. Jüdische Weltregierung? Worum geht es also in dieser Geschichte: In 24 'Protokollen' konspirativer Sitzungen einer designierten jüdischen Weltregierung, tatsächlich 24 Reden, plaudert ein 'Weiser von Zion' ziemlich unvorsichtig das Programm zur vollständigen Übernahme der Weltregierung aus. Viel haben sie schon, doch wollen sie alles haben, diese 'Weisen'. Alle Bereiche des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen, juristischen, kirchlichen, künstlerischen, akademischen Lebens werden von ihnen und ihren Helfershelfern unterwandert. Das 'internationale Börsen-und Finanzjudentum' ist, wie nicht anders zu erwarten, ihr bevorzugter Hebel, dann die Presse, alles Intellektuelle', was 'zersetzend' wirken kann. In der Politik schürt man, um das für die endgültige Machtübernahme günstige Chaos zu erzeugen, zwischen den Nationen die Kriege, in den einzelnen Ländern die sozialpolitischen Kämpfe, zunächst im Interesse des bürgerlich-demokratischen Liberalismus gegen die abgelebten Feudalaristokratien, dann, bei fortgesetzten Klassenkämpfen, im Interesse der sozialrevolutionären Bewegungen: keine Revolution seit 1789, die nicht auf die Intrigen der 'Weisen' zurückginge. Dabei handelt es sich allerdings um ausschließlich strategische und taktische Optionen. Nach der endgültigen Machtübernahme soll der von 'Zion' beherrschte autoritäre Weltstaat mit einem einzigen - perfiderweise für seine Aufgabe charakterlich wie politisch hervorragend qualifizierten - 'König' an der Spitze eingerichtet werden. Die Zukunftsvision ist das vielleicht Irritierendste an den 'Protokollen': Mit der Drohung der 'Peitsche' einer geheimen inneren Staatspolizei geht das Versprechen des 'Zuckerbrots' einer wohlorganisierten 'neuen Welt' ohne Arbeitslosigkeit einher. Welche Heimtücke, daß es dem Menschen in 'Zion' gar nicht so schlecht gehen wird. Apokalyptische und dämonologische Impulse, die im Nationalsozialismus als 'politischer Religion' insgesamt präsent sind, wo die Jahrtausendschlacht an der Siegfriedlinie zwischen arischer Lichtwelt und semitischem Satanismus geschlagen wird, verbinden sich mit utopischen Phantasien. Die 'Protokolle' strotzen von Widersprüchen. Die gegensätzlichsten Rollen werden von den 'Weisen' besetzt: der 'Börsenjude' wie der Bolschewist, der Demokrat wie der Diktator, der Atheist wie der Theokrat. Man konnte sich mit allem bedienen. Und dementsprechend haben sich auch die gegensätzlichen politischen und sozialen Interessengruppen der 'Protokolle' bedient: Zaristen wie Stalinisten, Klerikale wie Gottlose, Antikommunisten wie antisemitische Kommunisten. Satire als Programm Die sozialistische und kommunistische Internationale ging selbstverständlich auf die 'jüdische Weltverschwörung' zurück, während in Moskau jüdische Kommunisten liquidiert wurden. Noch der Erzkapitalist und Hitler-Förderer Henry Ford benützt die 'Protokolle' für den Kampf gegen den 'internationalen Juden'. Und wenn die Protokolle überhaupt ein taugliches Modell für eine Machtübernahme abgeben, so haben sie es ausgerechnet für die nationalsozialistische Machtergreifung getan. Eines der Verdienste von Cohns Buch ist, daß es in einer subtilen Analyse die Wurzeln der 'Protokolle' im restaurativen und klerikalen Frankreich der Nachrevolutionszeit rekonstruiert. Vor der jüdischen war die freimaurerische Weltverschwörung, jenes 'Opus Diaboli', das dann angemessen nur noch von einem 'Opus Dei' bekämpft werden konnte. Die besondere entstehungsgeschichtliche Pointe: Die 'Protokolle' gehen neben einigen klerikalen französischen Pamphleten und einer Passage aus dem nationalistischen antisemitischen Roman 'Biarritz' des Deutschen Hermann Goedsche (Pseudonym Sir John Retcliffe) auf ein satirisches französisches Werk zurück: Maurice Jolys 'Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu' von 1864. Joly hatte diese Dialoge inszeniert, um den autokratischen dritten Napoleon zu attackieren - der dann in den 'Protokollen' für den diktatorischen jüdischen Weltherrscher Modell stehen muß. Dabei wird aus der Satire eine Programmschrift. Wahrscheinlich bald nach 1900 in Basel hatte 1897 der erste zionistische Weltkongreß das willkommene Stichwort geliefert, hat sich wohl ein zaristischer Geheimdienstler daran gemacht, aus Jolys Werk eine russische Version zu fabrizieren. In der Fassung des ebenso obskuren wie einflußreichen russischen Mystikers Sergej Nilus haben die 'Protokolle' Berühmtheit erlangt. Nach Rußland wurden sie vor allem in Deutschland publik gemacht. Und hier haben sie in größerem Maßstab als bei den voraufgegangenen russischen Progromen ihre mörderische Karriere angetreten. Es hat nicht gefruchtet, daß die Londoner Times, die anfangs selber zu den Propagandisten der 'Protokolle' gezählt hatte, 1921 in einer großen Artikelserie die Fälschung enttarnte und ihre Abhängigkeit von Jolys Satire dartat. Ebensowenig hat es gefruchtet, daß 1934/35 in einem großen Prozeß in Bern, der bei Ben-Itto als willkommene Basis der Dramatisierung im Mittelpunkt steht, die Verbreitung der Fälschung verboten wurde. Diese Art von Aufklärung hat bekennende Antisemiten noch nie interessiert. Hitler signalisiert deutlich, daß ihm die Echtheitsfragen gleichgültig sind. So wird auch heute Cohns Entmythifizierung 'Protokoll'-Gläubige nicht umstimmen können. Nichtsdestoweniger ist es wichtig zu sehen, daß ein unverhohlen 'eliminatorischer', allerdings internationaler Antisemitismus in den 'Protokollen' seine paranoide Rationalisierungsgrundlage fand. Der Verfolgungswahn ist seit je gut dafür, daß die selbsternannten 'Opfer' zu Tätern werden können. LUDGER LÜTKEHAUS JEFFREY L. SAMMONS (Hrsg.): Die Protokolle der Weisen von Zion. Text und Kommentar. Wallstein Verlag, Göttingen 1998. 128 Seiten, 28 Mark. NORMAN COHN: 'Die Protokolle der Weisen von Zion'. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Aus dem Engl. von Karl Röhmer. Elster Verlag, Baden-Baden und Zürich 1998, 347 S., 48 Mark. HADASSA BEN-ITTO: 'Die Protokolle der Weisen von Zion'. Anatomie einer Fälschung. Aus dem Englischen von Helmut Ettinger u. Juliane Lochner. Aufbau Verlag, Berlin 1998. 406 S., 49,90 Mark. (c) 1998 Süddeutsche Zeitung. |
Eine satanische Fülle - Ob Reiki, schwarze Messen oder Hohlwelt-Theorie. taz0000020010927du4b00l5m Von Eberhard Spohd. 522 Words 11 April 1998 taz - die tageszeitung German (c) 1998 taz, die tageszeitung |
Eine satanische Fülle Ob Reiki, schwarze Messen oder Hohlwelt-Theorie - Kein esoterisches Thema ist so abseitig, daß es im Internet keinen Platz fände Von Eberhard Spohd. "Tu, was Du willst, sei das Ganze des Gesetzes!"Der Leitsatz des Astrum Argentum, des inneren Ordens der Anhänger des düsteren Magiers Aleister Crowley, scheint auch der Wahlspruch einer weltumspannenden Vereinigung zu sein, dem allumfassenden Netzwerk, das alle verbindet, die sich mit Engeln und Runen, Reiki und Zen-Bud-dhismus, Hexen und Satanismus beschäftigen. Aber noch rankt sich um dieses Gebilde keine Verschwörungstheorie, noch werden die Informationen jedem offen zur Verfügung gestellt. |
Denn von keinem Geheimbund, der seine Kreise zieht, ist hier die Rede. Es ist das Internet und sein kleiner Bruder, das WorldWideWeb, in dem die angeblich so technikfeindlichen EsoterikerInnen längst ihren Platz gefunden haben. Es gibt kein esoterisches Thema, das nicht auf einer der Millionen Seiten abgehandelt wird. Alle großen Organisationen haben inzwischen ihre Homepage und bieten Nachrichten und Informationen an. Sie wollen sich Ihr I Ging werfen lassen? Kein Problem, einfach bei Compuserve reinschauen. Oder ein Runen-Orakel legen lassen? Beim Server Facade.com können Sie zwischen fünf verschiedenen Varianten wählen, entsprechend Ihrer Lebenssituation und Fragestellung. Oder soll es doch lieber ein gewöhnliches Horoskop sein? Dann werden Sie unter http://www.astroland.ch bestens bedient. Aber Vorsicht: Dieser Service ist kostenpflichtig. Die elektronische Vorhersage der Zukunft ist allerdings nur eine Möglichkeit, das Internet zu nutzen. Auch wer spezielle Texte sucht, kann hier fündig werden. Wer sie nicht im Bücherschrank hat, kann sich sowohl das Tibetanische als auch das Ägyptische Totenbuch herunterladen. InteressentInnen der Hohlwelt-Theorie werden ebenso bedient wie die JüngerInnen hermetischer Künste: Wichtige alchemistische Schriften sind (zumeist in Englisch) zusammen mit den faksimilierten Abbildungen abrufbar. Einzig das sagenumwobene Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Al'hazred ist nirgendwo zu finden - kein Wunder, gibt es doch auf der Welt angeblich nur drei Exemplare, die allerdings noch niemand gesehen hat. Dafür gibt es für alle Fans des US-amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft und solche, die es werden wollen, eine Newsgroup - also ein Diskussionsforum - unter der Adresse alt.necronomicon. Wer fundiertere Materialien und Informationen haben will, tut gut daran, nach offiziellen Verbänden und Vereinigungen zu suchen. So findet sich der Deutsche Astrologen-Verband unter der Adresse http://members.aol.com/niehenke/index.html im Netz. Auf dieser ständig erneuerten Site informiert der Dachverband über Messen, Tagungen und Kongresse. Wer möchte, kann auch an dem umfassenden Fernkurs für Astrologische Menschenkunde teilnehmen. Unter http://www.reiki.org findet sich eine internationale Organisation, die sich der Verbreitung dieser Heilmethode verschrieben hat. Und auch das Bach-Center in Mount Vernon hat eine eigene Homepage bei Compuserve, die sich, natürlich, mit Bachblütentherapie beschäftigt. Für Freunde des Esoterischen, Spirituellen und Okkulten ist das Internet eine wahre Fundgrube. Vorsicht ist jedoch wie immer bei diesem Medium geboten: Da prinzipiell jeder die Möglichkeit hat, eigene Informationen und Meinungen im Netzt kundzutun, stecken natürlich auch viele Halbwahrheiten, Falschmeldungen und Ungenauigkeiten zwischen den Dateien. Das sollte aber kein Grund sein, sich von diesem Füllhorn abschrecken zu lassen. (c) 1998 taz, die tageszeitung. |
Jugendsatanismus - "Ich hasse Christus". diep000020011004du3s000ru 988 Words 28 March 1998 Die Presse German (c) Die Presse 1998 www.diepresse.at. |
Der Satanismus. Fällt dieses modische Zauberwort, verstummen auch unruhige Klassen oft. Wenn ich sage: Informationen zur Thematik werden von vielen Jugendlichen begierig aufgenommen, bedeutet das selbstredend nicht, daß alle derart Interessierten bereits ein nächtliches Ritual mit Totenköpfen hinter sich haben. Aber es sagt aus, daß das Interesse erstaunlich groß ist. Satanismus ist in Mode. Für die meisten Jugendlichen sind es einzelne Richtungen der "Metal Music", die das Interesse für satanistische Aktivitäten wecken: Konkret handelt es sich hier um Death-, Black-und Viking-Metal. Der österreichische Historiker Eduard Gugenberger dazu: "Die bekanntesten der über 100 diesbezüglichen Bands sind Iron Maiden, Motley Crue, Kiss, Angel Wirch, Hellhammer, Blue Oyster Cult und Lords of the New Church. Marktführer der letzten Jahre sind in Deutschland Bands aus den sogenannten neuen Bundesländern wie Slayer und Venom. |
Österreichische Pioniergruppe war in den achtziger Jahren die Wiener Gruppe Monoton um Konrad Becker." Viele der Death-Metal-Bands sind allerdings keine handfesten Jünger des Leibhaftigen, sondern durch ihre Plattenfirmen in diese Richtung getrimmt. Die Nachfrage ist groß. Die Hörerschaft satanistisch geprägter Musik lag bereits 1992 in Deutschland bei 18 Prozent. Die Tendenz ist steigend. Auch die Modeindustrie hat die neue Welle längst entdeckt: T-Shirts und andere Kleidungsstücke mit satanistischen Symbolen oder Aufschriften wie "I hate Christianity" finden zunehmend ihre Käufer. Zum Krieg gegen das Christentum wird auch auf einzelnen der Death-Metal-CDs aufgerufen. Womit für nichts anderes als für Gewalt geworben wird. Und die macht sich in der jugendsatanistischen Szene und am Rand des Metal-Bereiches bemerkbar. In Norwegen häufen sich gewalttätige Zwischenfälle zwischen Band-Gefolgschaften, die sich oft als "Horden" bezeichnen. Die Gruppen werfen einander vor, nicht crowleyanisch genug zu sein oder die Botschaften des "Tiers 666" zu verfälschen. Todesdrohungen werden verschickt, schwarzmagische Rituale zelebriert, um der verhaßten Feindgruppe die Dämonen an den Hals zu hexen. Immer häufiger gesellen sich rechtsextreme und neonazistische Symbole zu jenen des Satanismus. Das Vordringen neonazistischer Gruppen in den Death-Metal-Bereich führte zu heftigen internen Auseinandersetzungen. Höhepunkt dieses Prozesses war 1994 in Norwegen, wo ein "innerer satanischer Kreis" entstand, dessen Mitglieder sich als "nordische Krieger" und "Nachkommen der Wikinger" bezeichneten. Es bildete sich ein terroristischer Kampfverband satanistischer Neonazis, die auch in Mordfälle verwickelt waren. So erdolchte zum Beispiel Varg Vikernes von der Gruppe "Weißer Arischer Widerstand" einen Musiker einer konkurrierenden Death-Metal-Formation und wurde anschließend bei dem Versuch verhaftet, die Kirche von Trondheim mit 20 Kilogramm Dynamit in die Luft zu sprengen. Arierverherrlichung, Antisemitismus und Gewalt als politische Methode werden Teil dieses bizarren Teufelskults. Längst ist auch Österreich von derartigen Randbereichen des jugendsatanistischen Umfelds nicht verschont. Der Innsbrucker Politologe Franko Petri deckte in Graz die Metal-Satansjüngerzeitschrift "The Art of Necronomicon" auf. Darin hieß es unter anderem: "Dies ist ein weiterer Beitrag des Circle of Hate, um den Haß gegen diese christlich-soziale Welt zu schüren. Mögen wir oder unsere Nachkommen einmal die Kraft haben, um wie unsere Väter in die Schlacht zu ziehen. Um unser Ziel zu erreichen, bedarf es viel Durchhaltevermögens, welches nur die B.M.-Elite (Black Meta, Anm.) aufweisen kann! So sei es, bei Wotan!" Dergestalt wappneten sich die Grazer Satansjünger zum Kampf gegen die "jüdisch-christliche Seuche". Laut PetrisinddieNeonazisinderDeath-Metal-Szene auf dem Vormarsch. Allerdings sind sie bis heute dennoch ein Randphänomen dieser Musikgattung geblieben. Meiner Erfahrung nach gibt es in Österreich nur wenige Regionen, die in den vergangenen zehn Jahren nicht mit dem Jugendsatanismus zu tun hatten. Meist erfolgt aber eine recht problematische Reaktion der Gemeindeobersten: Der Fall wird, wenn möglich, vertuscht, die jugendsatanistische Zerstörungswut auf Alkoholisierung oder "ein paar Verrückte" abgeschoben. Offensichtlich haben viele Gemeinden Angst, daß derartige Vorfälle bekannt werden. Man befürchtet, etwa in Tourismusregionen, eine abschreckende Wirkung. Oder man schämt sich einfach vor der Nachbargemeinde, nicht wissend, daß auch diese eben ihren "satanistischen Vorfall" vertuscht. Die Jugendlichen aber, wenn sie entdeckt sind, werden hart hergenommen. Neben der polizeilichen Behandlung verlieren sie oft ihre Lehrstelle und ihren Arbeitsplatz. Gesellschaftlich werden sie an den Rand gedrängt, gemieden. Aufgearbeitet wird der Vorfall nicht; weder in der Gemeinde noch mit den Jugendlichen. Das bewirkt das Entstehen eines radikalen sozialen Außenseiter-Protestpotentials, das für Extremismen aller Art anfällig ist. Sinnvoller wäre es, eine Kontaktbasis mit den betroffenen Jugendlichen aufzubauen, die satanistische Praxis und Erfahrung mit ihnen aufzuarbeiten und ihnen noch eine Chance zu geben. In der Jugend haben fast alle einmal Dinge versucht, die im späteren Leben keine Rolle mehr spielen. Mit 22 Jahren klingt, laut Studien, das Interesse am Jugendsatanismus ab, der Höhepunkt der Begeisterung liegt bei 16 bis 19 Jahren. Das Alter jugendlich begeisterter Satanisten rutscht aber zur Zeit weiter nach unten: Auch 14jährige sind bereits aktiv. Zusätzlich zu einer persönlichen Aufarbeitung mit den Jugendlichen sollte es zu Diskussionen in der Gemeinde kommen, für die sinnvollerweise auch Fachleute eingeladen werden können. Es geht um ein breitgefächertes Verständnis für zeitgeschichtliche Entwicklungen, die auf die moderne Jugend einerseits einwirken, andererseits von ihr gestaltet werden. Der Jugendsatanismus stellt nicht zuletzt die Frage nach der Jugendpolitik einer Gemeinde: Wird Hilfe angeboten, die moderne, komplexe Lebenswelt, die ein hohes Maß an autonomer Entscheidungskraft erfordert, zu bewältigen? Gibt es Programme, in deren Rahmen Jugendliche angstfrei über ihre spiritistischen und satanistischen Experimente sprechen können und die allgemeine Aufklärung und Information ohne moralisierenden Zeigefinger bieten? Haben Jugendliche wirklich die Möglichkeit, am Gemeindeleben teilzunehmen, es mitzugestalten? Oder werden alle Neuerungen im bürokratischen Schutt der Vergangenheit erstickt? Eine auf Mündigkeit ausgerichtete Jugendpolitik, die in einigen Gemeinden sicherlich beispielhaft, in etlichen jedoch im Dornröschenschlaf versunken ist, stellt natürlich keine Patentlösung gegen den Jugendsatanismus dar, ein Allheilmittel gibt es nicht. Aber sie ist ein Angebot an Jugendliche, auch den Protest und den Willen, Neues durchzusetzen, innerhalb der Gemeinde zu verwirklichen. Der Jugendsatanismus ist nicht der Beweis für die (zu jeder Zeit) so verdorbene und schlechte "Jugend von heute", sondern in vielen Aspekten ist er ein Spiegel unserer Gesellschaft. Er ist Anklage und Mahnung und trotz der immer vorhandenen individuellen Verantwortung der "Täter" ein eindringlicher, gellender Schrei der Verzweiflung. |
Satanismus. diep000020010922du3r00h3r 66 Words 27 March 1998 Die Presse German (c) Die Presse 1998 www.diepresse.at. |
Ein paar beschmierte Gräber, daneben zerbrochene Weinflaschen. Von den Tätern fehlt jede Spur. In der Schule hat man Gerüchte vernommen, aber Genaues weiß man nicht. Phänomen Satanismus: Immer mehr Jugendliche geraten auch in Österreich in den Bann einer zerstörerischen Gedankenwelt. 28 Milliarden Dollar werden heuer mit digital abgewickelten Geschäften weltweit umgesetzt. Und neue Sicherheitsstandards beschleunigen den Boom. "Electronic Commerce": Ist die Brieftasche der Zukunft virtuell? |
"Riesiges Spektakel" mit "Rufschädigung". dstan00020010923du3o00bnm 276 Words 24 March 1998 Der Standard German (c) 1998, Der Standard. http://www.derstandard.co.at/ |
Satanskult: Kärntner Schule fühlt sich verleumdet "Das gibt es an unserer Schule nicht." Peter Haderlapp, Direktor des Gymnasiums in Völkermarkt, wird seit Wochen nicht müde, das zu wiederholen. Er ist mittlerweile ziemlich gereizt. Seit eine Psychologin den Selbstmordversuch einer Schülerin vor einigen Wochen mit einem satanistischen Ritualmord in Verbindung gebracht hat, kann er sich vor Gerüchten und besorgten Anrufern kaum erwehren. Die ORF-Sendungen "Vera" und "Thema" hätten jüngst das Übrige getan, kritisiert der Schulgemeinschaftsausschuß und spricht von "Rufschädigung". |
Obwohl die Polizei Mutmaßungen über die Existenz eines Satanskults in Kärnten als "aufgebauscht" und "riesig inszeniertes Medienspektakel" bezeichnete, vermutete die Psychologin weiter ein "international organisiertes Netzwerk". Der Direktor war plötzlich mit einer Vielzahl an sorgenvollen Eltern konfrontiert. "Es gibt hier einfach keinen Satanskult", wiederholt er. Auch in Völkermarkt gebe es noch keine konkreten Hinweise auf satanistische Umtriebe, erklären die Ermittler. Randerscheinung Satanismus sei bei Jugendlichen eher ein Randphänomen, heißt es dazu auch aus dem Wiener Institut für Jugendforschung. Studien zufolge sympathisiere lediglich ein Prozent der Jugendlichen im deutschsprachigen Raum mit satanistischen Elementen. "In erster Linie fasziniert Jugendliche Heavy Metal Musik, die in den 80er Jahren negatives Lebensgefühl mit okkulten Symbolen darstellte", meint Ilse Kögler, Leiterin des Instituts für Jugendforschung. Allerdings hätten Studien ergeben, daß 80 Prozent der Jugendlichen nicht in der Lage sind, den Text der Nummern auch wiederzugeben. Und keiner der befragten Jugendlichen habe sich damit identifiziert, erklärt Kögler. "In den meisten Fällen ist das jugendliche Rebellion." Die 13jährige Schülerin, die eine Überdosis Tabletten geschluckt hatte, besuchte übrigens ein paar Tage später wieder den Unterricht. "Liebessachen" seien die Ursache gewesen, so der Direktor. Mittlerweile sei aber wieder "alles in bester Ordnung". (vm). |
Infokampagne über Sekten und Satanskult für Schüler und Lehrer. dstan00020010923du2l00h3j 266 Words 21 February 1998 Der Standard German (c) 1998, Der Standard. http://www.derstandard.co.at/ |
Elisabeth Steiner Klagenfurt - Während die Gendarmerie und der Völkermarkter Bezirkshauptmann August Muri die Vermutungen über die Existenz eines Satanskults in Kärnten lediglich "für ein riesiges inszeniertes Medienspektakel" halten, warnt die Völkermarkter Psychologin und Familientherapeutin Waltraud Kubelka-Chimani: "Die Umtriebe satanistischer Zirkel, die verstärkt Kinder und Jugendliche anwerben, nehmen in erschrekendem Ausmaß zu. Es muß dringend mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit geben." Sie ist überzeugt, daß dahinter "ein international organisiertes Netzwerk" steckt. |
Anreiz: Nervenkitzel Die Jugendlichen würde zunächst der Nervenkitzel reizen, der mit den Mutproben im Zuge der Einweihung in die Teufelssekte verbunden ist. "Sie finden es cool, in Särgen zu schlafen, Gräber zu schänden und Tiere während der schaurigen Rituale abzuschlachten. Sie fühlen sich ernstgenommen, sind plötzlich Teil eines mächtigen, auserwählten Kreises". Die Therapeutin bezieht ihr Wissen aus vielen Gesprächen mit betroffenen Jugendlichen und deren Eltern. So sprach Frau Kubelka-Chimani auch mit jenen beiden Teenagern, die angeblich am Selbstmordversuch einer 13jährigen Schülerin beteiligt gewesen sein sollen (Der Standard berichtete). Von gewissenlosen Kultführern würden Kinder und Jugendliche schließlich mit Drogen, Alkohol und Psychoterror gefügig gemacht und mit Todesdrohungen zum Schweigen gebracht. "Aussteigen getraue sich dann keiner mehr," so Kubelka. Wichtig sei vor allem, daß Eltern und Lehrer entsprechende Signale rechtzeitig erkennen und den Jugendlichen "Rückendeckung geben, wenn sie bereit sind auszusagen", so der Sektenspezialist Pater Anton Wanner. Denn nur dann könne man der gewissenlosen Sektenführer habhaft werden. Landesjugendreferent Michael Ausserwinkler (SP) will jetzt gemeinsam mit den Eltern betroffener Kinder eine Aufklärungskampagne an den Schulen starten. Das Thema Sekten und Satanismus soll auch in der Lehrerfortbildung behandelt werden. |
Die Macht vom Teufel. dstan00020010923du2i00gpb 177 Words 18 February 1998 Der Standard German (c) 1998, Der Standard. http://www.derstandard.co.at/ |
Der Brite Aleister Crowley (1875-1947) gilt als Begründer des modernen Satanismus. Er will 1904 in Kairo durch den Abgesandten einer altägyptischen Gottheit eine Offenbarung Satans empfangen haben. Danach sei ein Zeitalter angebrochen, in dem nicht mehr der christliche Gott herrsche. Vielmehr habe der Mensch vom Teufel die Macht bekommen, selbst als Gott zu herrschen. Vor allem Jugendliche fühlen sich zu diesem Satanskult hingezogen. Die Grundgedanken dieses schwarzen Glaubens hat S. Levy, der Gründer der "First Church of Satan" in einer "Satansbibel" formuliert: "Satan verkörpert Genuß und Befriedigung anstelle von Enthaltsamkeit.... Satan verkörpert Rache anstelle von Liebe.... Satan verkörpert alle Sünden, die zur Befriedigung führen.... Gesegnet seien die Starken, denn sie sollen die Erde besitzen." |
Schwarze Messen In geheimen Messen huldigen die Anhänger mit pervertierten religiösen Riten und okkulten Praktiken ihrem Meister. Bei Kerzenschein und auf einem "Altar" mit umgedrehtem Kreuz werden geweihte Hostien geschändet, Tiere (meist Katzen) gequält, geschlachtet und ihr Blut getrunken. Zuletzt hat sich neben diesem "Geheim-Satanismus" eine neue Form der Teufelshuldigung entwickelt. Jugendliche schänden Gräber und Leichen. (red). |
Leben in Schwarz. taz0000020010927du1n00tdj Von Jana Simon. 1628 Words 23 January 1998 taz - die tageszeitung German (c) 1998 taz, die tageszeitung |
Jeder von ihnen ist ein Kunstwerk. Liebevoll nach oben betonierte schwarze Haare, weiß gepuderte Gesichter, ein Make-up, daß Iwana Trump vor Neid kollabieren würde. Spinnennetze über den Augen, dunkle Lippen, zartblauer Lidschatten, Silberringe, die den ganzen Finger verhüllen. Die Kleider sind schwarz, von barocken Rüschengewändern bis zu Vampir-Umhängen. Langsam bewegen sich die Gestalten im Nebel der Tanzfläche um ein umgekehrtes Kreuz. Es ist "Dark Monday" im Berliner Duncker-Club, und es sieht so aus, als hätte die "Adams-Family" einen Ausflug in den Prenzlauer Berg unternommen. Im Hof des Clubs trinken schwarze Grüppchen Gin Tonic und befestigen ihre Frisuren alle Stunde mit Drei-Wetter-Taft. Der größte Feind des "Grufties" oder "Gothic", wie sie lieber genannt werden, ist zweifellos der Regen. |
Eine Stunde, manchmal auch länger, braucht Svarta van der Katt täglich, um sich und seinen Freund Mario von Leja straßenreif zu stylen. Mit einem Kreppeisen wellt er die Haare, dann toupiert er sie an, kämmt das Toupierte wieder aus, zerrt sie nach oben und überzieht sie mit einer dicken Schicht Lack. Marios Haare zeigen danach in zwei unterschiedliche Richtungen himmelwärts. Svarta kann darauf verzichten, vom vielen Färben und Toupieren sind seine Haare "irgendwann abgebrochen". Seitdem trägt er Glatze und ein Haarteil. Mario und Svarta leben in einer Kreuzberger Hinterhaus-Wohnung. Die beiden haben Besuch von ihren zwei Freunden Cassandra de Point du Lac und Wolf von Wolfenstein, die eigentlich Sabine und Jürgen heißen. Der größte Feind der Grufties ist der Regen Was die vier verbindet, ist die Lust am Verkleiden, am Auffallen, am Morbiden. Wolf ist mit 34 der älteste, kommt aus einer westdeutschen Kleinstadt und war zuerst Punk: "Der ganze Siff und Terror, der da abgegangen ist, hat mich dann aber genervt. Da habe ich angefangen, mich schwarz anzuziehen." Seine Eltern weigerten sich fortan, mit ihm gemeinsam vor die Haustür zu treten. Svarta meint, das käme daher, daß das Outfit der "Gothics" das Extremste überhaupt sei. "Die Technoleute sind bunter und fröhlicher und deswegen auch akzeptierter." Er selbst kommt aus Stuttgart und hat mit 14 entschieden, "Gruftie" zu werden. Erst wohnte Svarta bei einer Berliner Tante, kam dann ins Jugendheim und danach ins betreute Wohnen. Jetzt lebt er mit Mario in dieser Kreuzberger Zwei-Zimmer-Wohnung. Seine Mutter ist an Krebs gestorben. Sein Vater arbeitet als Filialleiter bei "irgendsoeiner Firma" und verdient 15.000 Mark im Monat. Er hat seinem Sohn ein Handy geschenkt, um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Wenigstens ist es schwarz. Der 24jährige mit den traurigen Augen raucht ununterbrochen und schaufelt unzählige Löffel löslichen Kaffee in seine Tasse. Sein Freund Mario ist schweigsam. Mit 13 hat er seinen Hang zu Hexen und ähnlichen Wesen festgestellt. Das Böse und Schwarze faszinierte seine kindliche Seele. Marios Mutter feierte, soweit er sich erinnern kann, immer nur Parties und hat ihn in seiner Begeisterung für alles Abgründige unterstützt. Er ist trotzdem mit 16 von zu Hause weg. Sein Alter und seinen Geburtsort will er nicht preisgeben. Der Dialekt deutet Richtung Süden, Sachsen vielleicht. Cassandra ist die jüngste und wohnt noch bei den Eltern im Plattenbau. Ihr Stiefvater ist Polizist und hat sie, als sie das erste Mal schwarz auftauchte, beiseite genommen: Sie solle sich von Sekten fernhalten. "Gruftie" oder "Gothic" zu sein ist für die vier ein Lebensgefühl, ihre Kreativität auszuleben, sich von den spießigen Eltern abzusetzen und mit den Reaktionen der Menschen auf der Straße zu spielen. Sie graben keine Leichen aus und kreuzigen keine Meerschweinchen. Satanismus, der oft mit den Schwarzen in Verbindung gebracht wird, halten sie für Blödsinn, den nur eine ganz kleine Minderheit betreibe. "Ich glaube nicht, daß die deutsche Übersetzung der Bibel rückwärts gesprochen irgend eine Bedeutung hat", sagt Svarta und kippt die zehnte Tasse löslichen Kaffee. Er sei Kelte, sagt er, und vollziehe hin und wieder ein keltisches Ritual. Das nennt sich "erden". Dafür geht Svarta am liebsten in die Nähe eines Flughafens. Dort setzt er sich mit Blick auf die Landebahn, atmet tief ein und versucht "die Energie der Erde, die Erdwellen, aufzunehmen". Er findet Flugzeuge so beruhigend. An manchen Tagen spricht er auch Bann-oder Schutzformeln. Dazu zieht er seine schicksten Klamotten an, trinkt einen Schluck Wein und opfert den Göttern etwas Schokolade. Für jede der vier Himmelsrichtungen bzw. Elemente hat er ein Symbol - für Feuer einen Panzer, für Luft ein Flugzeug, für Wasser ein Schiff und für die Erde ein Auto. Dann ruft er die Windgeister an und spricht bestimmte Machtworte und wünscht sich, geschützt zu werden vor bösartigen Gedanken oder Geistern. Sie kreuzigen keine Meerschweinchen Wenn die vier die Straße lang gehen, bleiben die Leute stehen, manche bekreuzigen sich. Ältere Menschen sind von ihrem Aufzug begeistert. "Vor allem Omas freuen sich richtig, wenn sie uns sehen - wegen der Rüschen und Spitzen", sagt Mario. Skinheads mögen die Klamotten weniger. Wolf wurde in der U-Bahn beinahe zusammengeschlagen, die Rechten hielten ihn für einen Punk. Zum Glück griffen Mitfahrer ein. Dabei sind die "Grufties", neben den "Love and Happiness" verkündenden Techno-Jüngern heute vielleicht die unpolitischste Jugendkultur überhaupt. Es gibt sie seit den späten 70er Jahren, mit ihrer Düsternis demonstrierten sie ihre Machtlosigkeit angesichts von Aufrüstung und Umweltzerstörung. Ihre lebendigste Zeit waren die frühen 80er Jahre, jetzt lebt die "Dark-Bewegung" wieder auf und vermischt sich mit anderen Stilen wie Heavy Metal und Industrial. Wolf, Mario und Svarta interessieren sich eher wenig für das, was in Bonn oder anderswo passiert. Musik und Styling sind wichtiger. Ihr Outfit sichert ihnen einen guten Platz in der Gruftiehierarchie, die sich hauptsächlich danach richtet, wer die schrägsten Klamotten anhat und am längsten in der Szene ist. Für ihre Lieblingsmusik von Marc Almond bis Juliane Werding (wegen ihrer Texte über die Reinkarnation) wagen sich Svarta und Mario sogar öfter in den Ostteil Berlins. Gern kommen sie nicht, Svarta, der Westler, haßt die Plattenbauten. Nach der Wende seien die beiden Szenen aus Ost und West "ziemlich hart aufeinandergeprallt", sagt Cassandra. Rubi, die Barfrau aus dem Duncker-Club bestätigt: "Die von drüben kamen in feinster Seide, und wir standen hier mit abgeschnittenen schwarzen Jogginghosen". Das ganze war also eher eine Materialschlacht als eine ideologische Auseinandersetzung. In den Großstädten der DDR gab es schon in den achtziger Jahren eine starke Gruftiebewegung. Jungen mit Anzügen und Hüten aus den Zwanzigern, gegelten Haaren und Mädchen, kettenbehängt wie Madonna in ihrer Anfangszeit und Frisuren, die aussahen wie Yuccapalmen, warteten stundenlang vor den Hinterhausklubs, in denen sie dann reichlich Cola-Wodka genossen und ihrem Idol Robert Smith von "The Cure" huldigten. Obwohl sie auch damals schon im Gegensatz zur Hippie-oder Punkbewegung eher unpolitisch waren, provozierten ihre kajalumrandeten Augen und ihre Grabeskluft einige Tobsuchtsanfälle seitens der ostdeutschen Obrigkeit. Sie paßten so gar nicht in das Bild, das diese so gern von ihrer Jugend malte. Schwarz statt rot. Depression statt leuchtender Zukunft. Kreuze statt Marx. Die Lehrer hatten viel zu tun - damals. Jeden Tag Kruzifixe einsammeln, 13-und 14jährige Mädchen nach Hause schicken zum Schminkeabwaschen, und selbst die schicken schwarzen Anzüge der Jungen waren plötzlich irgendwie verdächtig. Kurzum, eine Szene gab es schon vor dem Mauerfall, und danach mußte der Kampf um die Lokalitäten und die Rangordnung, wie es Svarta nennt, neu ausgefochten werden. In voller Gruftiemontur als Krankenpfleger In Berlin hat der Ostteil der Stadt gewonnen: Das Zentrum der Szene hat sich dorthin verlagert. Neue Clubs machen auf und locken die schwarze Kundschaft mit "Special Nights" und "Dark Parties". Insgesamt soll es in Berlin etwa 1.000 Grufties geben, deutschlandweit etwa 20.000. "Wir werden wieder mehr", freut sich Wolf. Svarta hat die Büchse löslichen Kaffee inzwischen leergelöffelt und wendet sich dem Wein zu. Unter der weißen Schicht in seinem Gesicht geht es ihm ganz gut. Depressionen und und Todessehnsucht, die den Grufties nachgesagt werden, haben die vier eher selten. In dem schwarzgestrichenen Zimmer mit Altar und Totenkopf lacht Svarta ganz "ungruftig". Er malt seltsame, düstere Bilder und träumt von einem 5/86er Computer, mit dem er Grafiken zeichnen kann, derzeit malt er noch per Hand: seltsame Bilder in Schwarz und Lila. Ansonsten besucht er eine Schule, "für Loser", wie er ergänzt. "Da gehen die Leute hin, die es halt nicht so gerafft haben. Die wiederholen das Abi solange, bis sie es haben." Später will er einmal in einem großen Büro vor einem riesigen Computer sitzen - Svarta auch, zwischen Topfpflanzen und blondgesträhnten Sekretärinnen. Wolf hat den Kontakt zu seinen Verwandten völlig abgebrochen. Jetzt arbeitet er in voller Gruftiemontur als Krankenpfleger. Viele Patienten bewundern ihn für sein ausgeflipptes Äußeres. In seinem anderen Leben war Wolf verheiratet und hatte ein Kind, aber das ging schief. Jetzt ist er mit Cassandra, seinem "schwarzen Engel" zusammen und träumt davon, unabhängig zu sein - vielleicht als Leichenbestatter. "Das ist die größte und letzte Ehre, die man einem Menschen erweisen kann." Cassandra findet es "auch echt traurig, wie mit den Toten umgegangen wird". Sie geht gern auf Friedhöfen spazieren, da könne man in Ruhe nachdenken. Cassandra lebt von Sozialhilfe und weiß momentan nicht so richtig weiter - Millionärin wäre nicht schlecht. Da glänzen auch die Augen von Mario. Er würde gern eine Frau heiraten, "nur so zum Spaß". Eine richtige Rokoko-Hochzeit stellt er sich vor. Mit ausholenden Armbewegungen beschreibt er die Perücken und Kleider seiner imaginären Gäste. In einem richtigen Schloß eine Woche feiern. An diesem Tag wollen die vier noch auf den Kurfürstendamm. Bevor sie rausgehen, werfen sie einen lustvollen Blick in den Spiegel. Schön. Schön häßlich. Im Treppenhaus klappt den Nachbarkindern die Kinnlade herunter. Auf der Straße bleiben die Leute stehen, kichern, schütteln ungläubig die Köpfe. Mario, Svarta, Wolf und Cassandra sind 24 Stunden am Tag auf dem Laufsteg - und genießen es. Als sie die neue Kreuzberger Kneipe "Alptraum" passieren, brechen drinnen Begeisterungsstürme aus. Die vier stelzen scheinbar ungerührt weiter. Später sagt Svarta: "Hey, wollen wir da nochmal vorbeigehen?" Die anderen grinsen. (c) 1998 taz, die tageszeitung. |
Des Teufels Theoretiker. dstan00020011001dtc6000q3 433 Words 06 December 1997 Der Standard German (c) 1997, Der Standard. http://www.derstandard.at/ |
Niklas Luhmann, die "Sphinx aus Bielefeld", feiert 70. Geburtstag Wolfgang Fuhrmann |
Wien - Daß ein Soziologe sich aus der Familie der Teufel ableitet, ist doch eher ungewöhnlich. Zumal Niklas Luhmann, der an diesem Sonntag seinen 70. Geburtstag feiern wird, nicht gerade des Satanismus verdächtig ist. Was also ist geschehen? Es geschah zu Anbeginn der Zeit folgendes: Mit seinem Abfall von Gott, dieser Fülle des Ungeteilten, brachte der Engel Lucifer die erste Weltdifferenz ein: die Urunterscheidung zwischen Gut und Böse. Der Teufel beobachtet Gott, sonst könnte er sich nicht unterscheiden, er ist also der erste Beobachter - und Theologe. Luhmann selbst hat diesen Mythos so gedeutet. Man darf ergänzen, daß Lucifer "Lichtträger" bedeutet. Auch dies trifft auf Luhmann zu: Er sorgt für Enlightenment, für "Abklärung der Aufklärung". Sei-ne Beobachtungen sind dia-bolisch, nicht sym-bolisch. Es wird beobachtet Denn jeder Beobachter, so die zentrale erkenntnistheoretische These seiner soziologischen Systemtheorie, trifft eine Unterscheidung: dies und nichts anderes. Und: Es gibt nur Beobachtungen, keine "Tatsachen". Alles, was ein System von seiner Umwelt zu wissen glaubt, ist Produkt seiner eigenen Operationen. Systeme existieren nur in der Gegenwart und können sich nur durch unaufhörliche Selbstreproduktion (Autopoiesis) erhalten. Das gilt für lebende Systeme (Organismen), für psychische (Bewußtsein) und für soziale Systeme. Luhmanns vielleicht provokanteste Theorieentscheidung lautet: Psychische und soziale Systeme sind getrennt, sie sind wechselseitig Umwelt füreinander. Gröber formuliert: Der Mensch ist kein Teil der Gesellschaft. Soziale Systeme Das klingt nur auf den ersten Blick absurd. Soziale Systeme reproduzieren sich durch Kommunikationen. So wie sich im psychischen System nur Bewußtseinsvorgänge reproduzieren können, so schließt im sozialen System Kommunikation an Kommunikation an und überrascht dadurch die wechselseitig an ihr beteiligten psychischen Systeme stets aufs neue. Und durch Schrift, Buchdruck, elektronische Medien kann über Zeit und Raum hinweg kommuniziert werden. Bei jeder Kommunikation kann Zustimmung verweigert werden. Bei den Funktionssystemen der modernen Gesellschaft hat dies eine diabolische Konsequenz: Politik, Wissenschaft, Wirtschaft usw. benutzen binäre Codes für ihren Aufbau. "Wahrheit" ist nicht irgendwo out there, sondern die eine Seite des Codes, dessen andere "Unwahrheit" lautet. Und dasselbe gilt für Liebe, Eigentum, Geld, Macht und Recht - diese hehren Begriffe sind nichts anderes als symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, die die jederzeit mögliche Negation hinreichend unterbinden sollen. Entlarvte Fassaden Nachdem Luhmann sein Denken über Komplexität und Ordnung als Oberlandesrat im niedersächsischen Kultusministerium stimulieren ließ, wurde er 1966 an der Bielefelder Universität Professor - "weil man als Soziologe alles machen kann". In seiner Antrittsvorlesung hieß es programmatisch: "Nicht mehr Belehrung und Ermahnung, nicht mehr die Ausbreitung von Tugend und Vernunft, sondern die Entlarvung und Diskreditierung offizieller Fassaden, herrschender Moralen und dargestellter Selbstüberzeugungen wird zum dominanten Motiv." |
ZAUBEREI UND VOODOO IM MITTELALTER. dstan00020011001dtav004gn 429 Words 31 October 1997 Der Standard German (c) 1997, Der Standard. http://www.derstandard.at/ |
Richard Rötzer Der Wachsmann |
öS 321,-/598 Seiten List München, 1997 3, "Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen dem Wittelsbacherkaiser Ludwig IV und den Habsburgern Friedrich und Leopold, die in einem Krieg zu kulminieren drohen, spielt dieser mittelalterliche Krimi um eine Serie rätselhafter Morde im München des Jahres 1319. Jakob Krinner, Flößer auf Loisach und Isar, der bei Hochwasser ein Floß samt Fracht verloren hat, beschuldigt seinen Auftraggeber, den mächtigen, im Inneren Rat der Stadt sitzenden Kaufmann Pütrich, der Steuermann, den er auf dessen Empfehlung hin für die Fahrt angeheuert habe, habe sein Floß absichtlich zerschellen lassen und versucht, ihn zu ermorden. Kurz danach wird Krinner in einem Faß im Fluß treibend aufgefunden, einen Strick um den Hals. Daß er nicht als Selbstmörder behandelt wird, verhindert nur der junge Pfleger Peter Barth, der sich mit seinem doppelt so alten Freund Paul, der leiblichen Genüssen überaus zugetan ist, auf eigene Faust des Falles annimmt. Der Tod des Flößers ist nur der Beginn einer rätselhaften Mordserie. Die Tatumstände sind nicht nur äußerst blutig, sie erweken auch den Anschein, daß Zauberei und Hexenwerk im Spiel ist, man findet bei den Toten Streifen von Pergament, auf denen anscheinend die Art ihres Endes vorhergesagt wird. Eine Wachsfigur ist mit Nägeln durchbohrt - ein Wachsmann, wie er benutzt wird, wenn jemandem Böses gewünscht wird, eine mittelalterliche Form des Voodoo-Zaubers. Beschuldigt werden sofort die Juden, deren den Christen unverständliche Riten an Satanismus und Zauberei denken lassen, und die allzeit als Ventil für die Gewalttätigkeit des Pöbels anbieten. Aber der Stadtrichter duldet keine Ausschreitungen. Klarer Fall? Der Verdacht richtet sich schließlich gegen die reiche Handelsfamilie Pütrich, deren arrogantes, herrschsüchtiges Oberhaupt, der alte Herr Heinrich, seinen anscheinend umgänglicheren Bruder Ludwig unterdrückt und der eine junge Frau geheiratet hat, die seine Kräfte übersteigt. Im Wachsmann hat der Mediziner Richard Rötzer, Jg. 1952, der zunächst Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter studiert hat, ein realistisches Bild des 14. Jahrhunderts gezeichnet. Speziell die harte Arbeit der Flößer und ihr Zunftwesen dienen als Kulisse für eine gut konstruierte und spannende Kriminalhandlung, die durch die abergläubischen Vorstellungen der Zeit Farbe und Spannung erhält. Prophezeiungen, Verfluchungen und Zaubersprüche sind die Würze des Romans, und für den Mörder, der eher modern aus verschmähter Verwandtenliebe und Rachsucht infolge seelischer Vernachlässigung handelt, sind die Psalmenarrangements spielerische Mittel, um von seinen wahren Beweggründen abzulenken. Eine Fülle von anschaulichen, konkret-düsteren, drastisch-derben, auch sexuellen Einzelheiten ohne lehrhafte Absicht gibt dem Kriminalrätsel Fülle und Leben. Dieser neue Autor läßt das Mittelalter plastischer zur Anschauung werden als etwa die erfolgreichen mittelalterlichen Krimis der Ellis Peters.Franz Rottensteiner. |
Viel Teufelei um nichts. dstan00020011001dt8g00aer 372 Words 16 August 1997 Der Standard German (c) 1997, Der Standard. http://www.derstandard.at/ |
US-Skandalrocker "Marilyn Manson" gastierte in der Wiener "Arena" Christian Schachinger |
Wien - Etwas sehr enttäuscht kann man schon sein, wenn beim angekündigten Satanismus-Halligalli in der Arena mit dem US-Gottseibeiuns Marilyn Manson einige wichtige Bestandteile fehlen. Nicht nur die im Vorfeld bezüglich eines anstehenden Weltunterganges in einer Presseaussendung vollmundig um die Jugend besorgten Lutherischen brachten eine angekündigte Gegendemonstration zusammen - was der Band beträchtliche Gratiswerbung auf dem heimischen Boulevard gekostet haben dürfte. Allerdings konnte der mit dem Absender "Evangelisches Pfarramt" versehene, auch an den Bürgermeister addressierte Brief nie wirklich verifiziert werden. Es soll im Pop nämlich auch schon Band-Managements gegeben haben, die solche, eine Show skandalisierenden Briefe durchaus selbst zustandebringen. "Der Sänger soll in den Konzerten offen zum Satanismus auffordern, Bibeln zerreißen und Menschenopfer fordern". Vom säckeweise (!) ans Publikum verschenkten Kokain, diversen rituellen Opferungen von Kleinvieh und homosexuellen Umtrieben ganz zu schweigen. Igitt, bitte sofort ein Auftrittsverbot! Die vorsorglich für die Wiener Plattengeschäfte bestellten, zusätzlichen CD-Paletten sind nämlich längst eingelagert. Daheim in den USA klappt das jedenfalls mit dem moralisch-bewegten und - erregten Rahmenprogramm sehr viel besser. Dort weiß man so ein bis ins kleinste Detail durchinszeniertes Spektakel als Kasperltheater für die etwas größeren Kinder weit mehr zu schätzen. Und irgendwelche dann auch real-existierenden Bürgerinitiativen lassen sich "drüben" allemal erbost auf die Straße bringen. Das Schaugeschäft ist viel fester in der Gesellschaft verankert. Was aber sieht dann ein offensichtlich weniger wegen der Musik, sondern eben wegen des außermusikalischen Umfeldes tatsächlich schaulustiges Wiener Publikum bei einem Auftritt von Marilyn Manson? Nun, ja, optisch "interessanten" Pippifax mit der Betonung auf Spatzi, das uns die ihm bürgerlichen Leben Brian Warner heißende Marilyn während der ganzen Auftrittsdauer bedrohlich entgegenschlankern läßt. Ob der im Korsett steckende Warner nun Theaterblut verspritzt, auf Stelzen sein völlig aus den Fugen geratenes Takatuka-Land durchschreitet oder auf einem als Eingang zum Höllenschlund ausgeleuchteten Podest hockt, beängstigend erweist sich hier vor allem eines: Nicht die zwanghaft auf Tabubruch angelegten Texte schockieren - von Antichrist Superstar bis zu Smells Like Children, einem vom bösen Kinderverzahrer aus Tschitti Tschitti Bäng Bäng (!) beinflußten Amoral-Erguß. Es ist diese furchtbar dilettantische Musik! Holpriger Industrial-Rock mit harten Gitarren, Hochgeschwindigkeitsgebolze auf den Drums und zukleisternden Keyboards. Darüber wird beschwörend gekreischt. Teuflisch! |
NIEDER MIT DEM KUSCHELSEX! dstan00020011001dt5m00gk9 349 Words 22 May 1997 Der Standard German (c) 1997, Der Standard. http://www.derstandard.at/ |
Die deutschen Finsterlinge "Rammstein" gastierten in Wien Christian Schachinger |
Wien - "Bestrafe möch! Öch wöll meune Strafe!", oder: "Böck döch! Öch wöll döch von hönten!". Vor allem aber: "Sex öst eune Schlacht, Liebe öst Krieg!" Stimmbandmäßig hängt unser deutscher Heldentenor bis hinunter zu den Kniekehlen durch (der Beginn einer dritten Lautverschiebung?!). Mit diesem Grundelorgan wird hier auf dem Freiluftgelände der Arena also tausenden jungen Menschen der Kuschelsex nachhaltig madig gemacht. Na servus! Noch dazu sieht der seit seinem Soundtrack-Beitrag zu David Lynchs Lost Highway weltbekannte Herr Rammstein (die Nekrophilie-Ballade "Heirate möch!") aus, als ob er nicht nur in der Kraft-, sondern vor allem in der strengen Kammer trainiert. Das liegt nicht nur an der mitgebrachten neunschwänzigen Katze. Hauptsächlich wird einem bei Rammstein wegen dem schröcklichen Weltunterwerfungswillen-Blick ganz gruselig und devot. Ja, Meister, öch bön eun böses Könd. Bötte zöchtöge möch! Dieses bedrohliche Szenario bedingt einerseits, daß wir Kindsköpfe und Lustsklaven uns hier königlich amüsieren. Immerhin waren uns Feuer und Rauch auf der Bühne noch nie völlig wurst, und als der Mantel unseres Meisters gleich zu Beginn des Auftritts planmäßig unter Feuer gesetzt wird (Vorsicht, nicht Höhlen-, sondern Höllengleichnis!), hatten die sechs Berliner Schaumschläger eigentlich schon fast gewonnen. Fast eben deshalb, weil Rammstein zwar endlich wieder einmal bis zum Klischee verdichtete "böse" und künstlerisch, bitte schön, völlig wertlose Inhalte verbreiten. Mit diesen kann man nämlich Erziehungsberechtigte auch heute noch tüchtig erschrecken - zumal sich Rammstein nicht nur auf Lobpreisungen des Peitschi-Peitschi-Sex beschränken, sondern selbstverständlich auch mit dem guten alten Satanismus-Schmäh auffahren. Wahrscheinlich essen diese Menschen im Rahmen strenggeheimer Riten hinter der Bühne auch noch tote Tiere! Andererseits geht der von den slowenischen Laibach entlehnte Mischmasch aus pathetischem Breitwand-Metal, düsteren Samples, nackten Oberkörpern und grimmigen Posen über eine ganze Konzertdauer eben doch erheblich ans Gemüt. Das eintönige Gebolze wirkt nämlich sehr rasch abstumpfend, wenn man nur erschrecken, aber nichts sagen will. Das konnten unsere slowenischen Freunde doch erheblich besser. Mit Ideologien statt mit dem Beelzebub-Image zu spielen, das ist wirklich teuflisch! Obendrein, wenn hier erst nach Jahren ein Faschismusverdacht entkräftet wurde. |
91996E2798 - SCHRIFTLICHE ANFRAGE Nr. 2798/96 von Cristiana MUSCARDINI an die Kommission. Sinnlose Tote im Namen des Okkultismus CELEXG0020021221dt3701a0l Sektor: 9 369 Words 07 March 1997 Celex German Celex (c) European Communities 1997. |
Publikationsreferenz: Amtsblatt nr. C 072 vom 07/03/1997 S. 0080 SCHRIFTLICHE ANFRAGE E-2798/96 von Cristiana Muscardini (NI) an die Kommission (25. Oktober 1996) |
Betrifft: Sinnlose Tote im Namen des Okkultismus In Italien und in anderen Ländern der Union bereiten sich Okkultismus, Satanismus und Sekten verschiedener Art in gefährlichem Masse aus. Bisher sind schon viele Menschen im Namen dieser Sekten, als Folge satanischer Riten oder infolge der Abhängigkeit von sogenannten Wunderheilern gestorben. Besonders die Jüngsten oder die Schwächsten und manchmal sogar ahnungslose Kinder geraten auf tragische Weise in diese Kreise. Kann die Kommission überprüfen, ob die Gesetze der Mitgliedstaaten, die die Bürger vor diesen Vereinigungen schützen, streng und sicher genug sind? Kann die Kommission die Länder der Union mit geeigneten Mitteln zwingen, eine Sonderfahndungstruppe einzusetzen, die sich ausschließlich mit diesen gefährlichen Kreisen beschäftigt, um einem weiteren sinnlosen Verlust von Menschenleben vorzubeugen? Antwort von Frau Gradin im Namen der Kommission (13. November 1996) Sekten, die kriminelle Methoden anwenden und sich dadurch strafbar machen, werden in den Mitgliedstaaten verfolgt. Derartige Handlungen fallen im Rahmen von Titel VI EU-Vertrag in den Geltungsbereich der Bestimmungen über die Zusammenarbeit in den Bereichen Justiz und Inneres. Nach Maßgabe von Artikel K.2 werden diese Angelegenheiten unter Beachtung der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte behandelt. Die Kommission arbeitet in diesen Bereichen zwar eng mit dem Rat zusammen, verfügt hier jedoch über kein Initiativrecht. CELEX Nummer 2: 996E2798 Author: EUROPAEISCHES PARLAMENT ; MUSCARDINI Rechtsform: SCHRIFTLICHE ANFRAGE Art des Dokuments: 9 ; PARLAMENTARISCHE FRAGEN ; 1996 ; E Erscheinungsdatum: 19970307 Datum des Dokuments: 19961025 Datum der Meldung: 19961025 Datum der Antwort: 19961113 Empfänger: KOMMISSION Parlamentarische Amtszeit: VIERTE WAHLPERIODE Politische Angehörigkeit: FRAKTIONSLOS ; ITALIENISCHE NATIONALITAET Alle Daten: DOKUMENT........: 25/10/1996; DATUM ABSENDUNG ABSENDUNG.......: 25/10/1996 ANTWORT.........: 13/11/1996 Typ Korrektur: ORIG Erstellung des Dokuments: 1997/03/26 Aktualisierung der analytischen Felder: 1998/09/16 Aktualisierung der Textfelder: 2001/02/18 |
'SCHWARZBUCH ANTHROPOSOPHIE' - DURCH DICK UND DÜNN. spgl000020011001dt2h004xo 663 Words 17 February 1997 Der Spiegel 137 German (c) 1997 Der Spiegel |
War der Gründer der "Waldorfschulen", Rudolf Steiner, ein Okkultist und Rassist? Ein "Schwarzbuch Anthroposophie" macht Wirbel. Sie gleichen sich, bei eineiigen Zwillingen naheliegend, wie ein Ei dem anderen. Nun haben sie auch zusammen ein dickes Ei gelegt, und seither wird über sie gekräht. |
Die Brüder Guido und Michael Grandt aus dem schwäbischen Balingen, 33, haben ein Buch geschrieben, gar ein "Schwarzbuch". Das klingt gefährlich und verspricht Enthüllungen. Aufgedeckt werden soll, so verheißen es die Autoren im Untertitel, "Rudolf Steiners okkult-rassistische Weltanschauung"*. Doch was gefährlicher ist, das Ergebnis der Recherchen der Grandt-Brüder oder das Vorgehen der Autoren, das bleibt einigermaßen offen. Es geht um Rudolf Steiner (1861 bis 1925), den Stammvater jener skurrilen Weltanschauung namens Anthroposophie, und es geht um die "Waldorfschulen", jene weithin beliebten Lehranstalten, in denen nach Steiners pädagogischen Vorstellungen unterrichtet wird. In Deutschland gibt es 162 dieser Schulen, und obwohl sie großen Zulauf haben, weiß der Durchschnittsbürger vor allem eines: Dort sind die Ecken rund. * Guido und Michael Grandt: "Schwarzbuch Anthroposophie". Ueberreuter Verlag, Wien; 320 Seiten; 39,80 Mark. War also der aus Kroatien stammende, schwarzhaarige und dunkeläugige Österreicher Rudolf Steiner ein Rassist? Wenn, dann sehr zu seinem Nachteil, denn er befand: "Die Menschen würden ja, wenn die Blauäugigen und Blondhaarigen aussterben, immer dümmer werden." Und Okkultist, sexualmagischer Satanist womöglich? Das ist ein weites Feld, das schon seit Jahrzehnten beackert wird, mal so, mal so. Eine "grundsätzlichere Kampagne" wittert man auf Seite der Anthroposophen hinter dem Buch, das durch ihre einstweilige Verfügung möglicherweise erst zum Medienereignis wurde. In Deutschland darf das Werk zunächst nicht ausgeliefert werden, allein in Österreich ist es erhältlich. Dort sprach die Wiener Zeitung die presse von einem "anschaulichen Beispiel für journalistische Manipulation". Das Buch der Grandts bringt faktenmäßig wenig Neues; dubios hingegen werden die Brüder, wenn sie Waldorf-Eleven, pubertierende Teenies, als Kronzeugen wider ein vermeintliches Zwangssystem aufbauen. Vor allem aus dem Anthroposophen-Internat Schloß Hamborn melden die beiden Unschönes: Schüler würden dort mit Gewalt zum Essen gezwungen, Zimmer von Erziehern durchsucht. Zugegeben: Fernsehen, Fußballspielen und Walkmanhören sind auf Schloß Hamborn einigen Kindern verboten. Gegen weitergehende Vorwürfe aber wehrt sich das Imperium Anthroposophie, eine beträchtliche Wirtschaftsmacht zwischen gesundem Apfelsaft und spezieller Medizin, gerichtlich und mit Flugschriften. Auch für die Grandts, früher in "führender Position" auf dem Gebiet des "Möbeleinzelhandels" (Michael Grandt) tätig, geht es um ein lukratives Geschäft. Ihr Buch über die esoterische Uriella ("Fiat Lux", 1992) und das "Schwarzbuch Satanismus" riefen, vorhersehbar, das Fernsehen auf den Plan. Sie gastierten in den Talkshows von Kiesbauer und Schreinemakers und drehten für das Fernsehen. Seit eine Bekannte der Brüder nach dem Eintritt in eine Sekte gruselig verändert erschien, führen sie einen Feldzug gegen alles, was wie Satanismus aussieht. Einen weiteren Kick erhielten sie während einer "Outback-Tour" in Australien; da fiel ihnen ein Buch über "satanistisch-rituellen Kindermißbrauch" in die Hände. Mittlerweile kooperieren sie "weltweit mit Satanismus-Experten", betreiben ein "Netzwerk gegen kriminellen Satanismus" ("Sandro-Hope"), riskieren Prozesse, um "Kindern helfen zu können"; und gehen "gemeinsam durch dick und dünn". Sie selber mußten, erzählen sie, sich "von klein an durchsetzen". Die Eltern trennten sich früh; der Vater, ein Grafiker, starb, so sagen sie, nach einer ärztlichen Fehldiagnose. Ihnen fehlte das "vertraute Heim", das habe "Kämpfer" aus ihnen gemacht, und sie spürten "eine Art Berufung". In heiklen Situationen, etwa der Unterwanderung eines Geheimbundes mit laufendem Tonband, könnten sich die Zwillinge "intuitiv" aufeinander verlassen, sagen sie weiter; zudem hätten sie "viel Selbstverteidigung" geübt. Ihnen sei es sogar zu verdanken, daß ein "Kinderpornohändler" in Thailand verhaftet wurde. Weit stecken sie auch das Ziel ihres "Schwarzbuch Anthroposophie". Es sei ein "Aufruf an Politiker, Eltern, Sektenbeauftragte", Steiners Anschauungen und die Waldorf-Einrichtungen "unter dem Gesichtspunkt des Rassismus und des Okkultismus zu beleuchten und kritisch zu prüfen", ob sie denn "von unseren Steuergeldern finanziert werden müssen". "Erst wenn der Geldhahn zugedreht ist", so die letzten Worte der Grandt-Brüder, würden sich "die Anthroposophen auch nach außen hin so zeigen, wie sie wirklich sind". (c) 1997 Der Spiegel. |
DIE GEOMETRIE DES SATANISMUS. dstan00020011017dsa7005dp 262 Words 07 October 1996 Der Standard German (c) 1996, Der Standard. http://www.derstandard.at/ |
Nestroys "Höllenangst", ein Spaß am Grazer Schauspiel |
Es herrscht zwar steirischer herbst, aber von ihm - beziehungsweise seinem "provinziellen" Plakat mit einem Urinierenden - distanziert man sich mit feinem Witz. Und macht lieber gleich echtes Sommertheater. Als hätte sich das Schauspielhaus Graz in das Reichenauer Kurtheater verwandelt, ist Burg-Star Robert Meyer zu Gast, der nicht nur sein Solo Wenn alle Stricke reißen, häng i mi auf bestreitet, sondern sich südlich der Rax auch erstmals als Regisseur versuchte. Er liefert, was von ihm erwartet wurde: mit Höllenangst einen himmlischen Spaß. Denn Peymanns Opponent bürstet die Posse über den Aberglauben nicht gegen den Strich, streicht bloß zwei, drei Szenen, aber sonst keinen Text. Und übertraf mit "altmodischem" Schauspielertheater die Erwartungen sogar: Er stachelt nicht nur das von Mephisto wie Meyer beseelte Vater-Sohn-Gespann, sondern das gesamte Ensemble - von Ute Radkohl (Eva) bis Lukas Holzhausen (Stromberg) - zu Höchstleistungen auf. Einziger Gegensatz zu Lieblichkeit und Komödiantik ist die strenge Bühnenkonstruktion von Wolfgang Oppitz, bei dem nichts klappert, aber alles wie von Geisterhand auf-und niederklappt. Mit ihren klaren Linien und geometrischen Formen unterstreicht sie noch Meyers Anliegen. Neben Franz Friedrich, dem Weinfaß voll Bouquet, der als Schuster den Teufel herbeischwört, als sei dieser ein Geist in der Flasche, natürlich Norman Hackler, in seiner Naivität wahrlich kein Faust, der es aber faustdick hinter den Ohren hat: Auch wenn alle Indizien dagegen sprechen, dem Satan begegnet zu sein, weigert er sich doch sehr plausibel dagegen, seine Seele nicht verkauft zu haben. Ein hoffnungsloser Fall. Und nach der verpatzten Saison ein hoffnungsvoller Auftakt. Thomas Trenkler. |
SEKTEN - SATANISTEN MACHEN SICH BREIT - HAUPTSÄCHLICH SCHOCKIEREN. spgl000020011017ds5d002wz 505 Words 13 May 1996 Der Spiegel 10 German (c) 1996 Der Spiegel |
(Nr. 18/1996, Sekten: Satanisten machen sich breit) Wir gehören selbst seit Jahren der schwarzen Kulturbewegung an. Obwohl wir in dieser Szene schon weit gereist sind und manche Bekanntschaft mit Schwarzen geschlossen haben, hatten wir noch nicht das zweifelhafte Vergnügen, einen Satanisten zu treffen. Die Einstellung zur Kirche ist bei vielen wahrlich nicht die beste, was jedoch auf keinen Fall bedeutet, daß man deshalb den Satan anbetet. Erst der christliche Glaube hat die Geburt des Teufels als solchen ermöglicht, denn in den alten Religionen existierte das personifizierte Böse nicht. Eine friedfertigere, harmonischere Szene als die der Schwarzen ist kaum vorstellbar. *UNTERSCHRIFT: |
Kaiserslautern MICHAELA CLOS NICOLE GILCHER Jugendliches Vandalentum ist ebensowenig mit Satanismus gleichzusetzen wie christliche Nächstenliebe einer Mutter Teresa mit militanten Aktionen fanatisierter Abtreibungsgegner oder beispielsweise dem Judenhaß Martin Luthers. Wenn man die Maßstäbe der Sektenexperten konsequent anwendet, so haben vermutlich 90 Prozent aller Verbrechen und Vergehen in der Bundesrepublik einen christlichen Hintergrund. Der Satanismus/Setianismus ist eine ehrenwerte religiöse Strömung, für die jegliches Leben als achtenswert und unverletzlich gilt. *UNTERSCHRIFT: Stuttgart ROLAND WINKHART Tempel von Set Für die meisten jugendlichen Satanisten und Black-Metal-Fans ist der Kult eine Modeerscheinung und ein Mittel, gegen ihre Eltern und die Welt der Erwachsenen zu protestieren. In meiner Jugendzeit hat es noch gereicht, Beatles-Fan zu sein, um sich mit den Erwachsenen anzulegen und sich von ihnen abzugrenzen. Der Satanskult gibt allerdings mehr her, weil er auch gegen die Kirche gerichtet ist - ohne die Christen gäbe es ihn nicht. Nur einige wenige Satan-Fans sind so verbissen und gehen so weit, daß sie Kirchen anzünden oder menschenverachtende Rituale veranstalten. Die meisten nehmen das Ganze überhaupt nicht ernst, und die Musiker unter ihnen lachen oft selbst über ihre finsteren Texte. Alle, die ich persönlich kennengelernt habe und die vor zehn Jahren, als es schon einmal eine "Satanswelle" gab, Crowley gelesen und sich Pentagramme umgehängt haben, haben schon nach ein paar Jahren mit dem ganzen Quatsch wieder aufgehört. Einige von ihnen sind inzwischen Familienväter. Death-Metal hat im Gegensatz zu Black-Metal überhaupt nichts mit dem Satanskult zu tun. Die Texte dieser Bands handeln zwar von Mord und Totschlag, sind dabei aber nicht gewaltverherrlichend. Sie sollen hauptsächlich schockieren. *UNTERSCHRIFT: Berlin HARRIS JOHNS Musik Lab Berlin und Produzent von Helloween, Sodom, Kreator Herzlichen Dank für Ihren Beitrag, welcher der Akzeptanz von Gruftis in unserer Gesellschaft sicher sehr hilfreich sein wird. Hier nun mein Tagesablauf: Nachdem ich nach dem Aufstehen eines meiner Hühner geopfert habe, pflege ich im allgemeinen ein bis zwei kleinere Mädchen zu vergewaltigen, bevor ich meine Exkremente genüßlich verzehre. Dann trauere ich über mein Dasein, grabe auf meinem Lieblingsfriedhof einige Leichen aus und schände diverse Gräber. Als Tagesabschluß töte ich dann meist noch einen Jungen und verschlinge dessen frische Leber. Ach ja, zwischendurch gehe ich meinen sonstigen Interessen und Pflichten nach, zum Beispiel als Zivildienstleistender behinderte Kinder zu pflegen, mich auf mein Politik-und Germanistikstudium vorzubereiten oder ehrenamtlich Sozialarbeit im Sportverein zu leisten. *UNTERSCHRIFT: Bremen ANDREAS WIMMEL. (c) 1996 Der Spiegel. |
JUGEND-SATANISTEN - FINSTERER KULT - TOTES HUHN AM KRUZIFIX. spgl000020011017ds4t002nb 2291 Words 29 April 1996 Der Spiegel 132, German (c) 1996 Der Spiegel |
Sie graben Leichen auf Friedhöfen aus, vergewaltigen Mädchen bei Ritualen und terrorisieren Kirchengemeinden: Jugend-Satanisten praktizieren immer hemmungsloser ihren finsteren Kult. Vor allem in der Gruftiszene ködern obskure Orden ihren Nachwuchs, weil sie, so eine Sektenexpertin, "stets neue Sklaven für perverse Ideen suchen". Wenn sich Pfarrer Hans-Heinz Riepe aus dem nordrhein-westfälischen Schwerte auf den Weg zu seiner Kirche macht, muß er für einen Schock gewappnet sein. Eines Morgens etwa vermißte der Katholik seine Stola, die üblicherweise im Beichtstuhl hängt. |
Hilfsbereit machte sich Riepes Gemeindediener auf die Suche - und kam wenig später mit bleichem Gesicht zurück. Unbekannte hatten mit der Stola ein blutverschmiertes totes Huhn an das Holzkreuz vor der Hauptkirche St. Marien gebunden. Wäre das gekreuzigte Huhn noch als makabrer Jungenstreich durchgegangen, so verlor Riepe wenig später jedes Verständnis: Mit gestohlenen Altarkerzen zündeten unbekannte Kirchenhasser des Nachts den Beichtstuhl an. 50 Feuerwehrleute verhinderten, daß die Kirche ganz niederbrannte. Eine halbe Million Mark hat es gekostet, den Schaden zu beheben. So geht das in Schwerte nun schon seit rund drei Jahren. Mal wird das komplette Taufgerät gestohlen, mal die Seitenkapelle verwüstet. Mal kommen Drohanrufe ("Christenschwein, wir bringen dich um"), mal sind es Briefe: "Glaube mir Priester, ich bin noch lange nicht fertig mit euch." Nur einmal bekam Riepe, 62, seine Feinde auch zu sehen: bei der Sonntagsmesse am Tag nach Mariä Verkündigung im März letzten Jahres. Der Pfarrer - (* Satanssymbole Zirkel und Pentagramm. ) hatte schon begonnen, da erschienen in der Kirche ein knappes Dutzend Jugendlicher, die Riepe nicht kannte. Sie waren allesamt von oben bis unten schwarz gekleidet, lümmelten sich in die ersten Reihen, pöbelten Gläubige an und schwadronierten lauthals über Gott und Satan. Erst als Riepe von der Kanzel herab mit dem Rausschmiß drohte, trollte sich der Haufen. Ein Meßdiener fand später sein Moped demoliert neben der Sakristei auf, beschmiert mit Satanssymbolen wie Pentagrammen und dem Satz: "Das nächste Mal bist du des Todes". Der Auftritt in Schwerte sei "für die Gruppe eine gute Erfahrung" gewesen, brüstet sich der 18jährige Jan aus dem benachbarten Menden. "Die Haltung, die uns das verdammte Christentum lehren will", so begründet er seinen Haß auf die Kirche, "ist doch bloß eine Form der Schwäche." Wie Pfarrer Riepe geht es Gottesleuten, Friedhofswärtern und Gläubigen derzeit in vielen Orten - vor allem im Ruhrgebiet. Jugendliche Satanisten machen sich breit, auf der Suche nach dem ultimativen Kick vergewaltigen sie Mädchen bei schwarzen Messen, buddeln Leichen auf Friedhöfen aus und versuchen, mit sadomasochistischen Spielchen ihr eigenes Schmerzempfinden abzutöten. Schulungszentren gestandener Satanisten weihen den jugendlichen Nachwuchs ein in die Raffinessen der schwarzen Magie, Spezialgeschäfte versorgen Fans mit einschlägiger Literatur, CDs und Requisiten für obskure Rituale. Vor einer "anhaltend intensiven Beschäftigung Jugendlicher mit destruktiven Kulten" warnt Heike Heinz vom Sektenberatungszentrum in Bochum. Auch bei den Kollegen in Essen oder Witten zeige "sich wachsender Beratungsbedarf zum Satanismus". Wie viele Anhänger schwarzer Gruppen es in Deutschland gibt, vermag niemand seriös zu schätzen. Die meisten steigen, vergleichsweise harmlos, als Gruftis ein - die haben einen Hang zu schwarzen Kleidern, bleichgeschminkten Gesichtern und rüder Musik, sind aber meist nicht in festen Gruppen organisiert. In straffe Hierarchien gegliedert und nach außen abgeschottet sind hingegen die Gruppen jugendlicher Satanisten. Die feiern, oft gewalttätig, schwarze Messen und terrorisieren Christen. Die Übergänge von Gruftis zu Satanisten sind fließend. Unter den Jugendlichen, die Heide-Marie Cammans und ihre sechs Mitarbeiter vom Sekteninfo Essen betreuen, seien viele "mit regelrechten Okkultkarrieren", sagt sie. Ihre Kollegin Irmgard Arntz weiß aus Klientengesprächen, daß es zudem beste Verbindungen zwischen Jugend-Satanisten und alteingesessenen Satansorden gibt: "Da wird sehr vorsichtig agiert. Bei Gruppen, deren Kern ältere Leute sind, werden aber stets neue Sklaven für deren perverse Ideen gesucht." Allzu schwer haben es die konspirativ arbeitenden Alt-Satanisten bei ihren Avancen nicht: "Mancher, der vor Jahren als Grufti einstieg", so Cammans, "braucht heute Härteres." * - - - In Berlin etwa machten Polizisten im Dezember 1995 - - - - eine grausige Entdeckung. Unbekannte hatten auf dem - - - - Charlottenburger Friedhof den Sarg eines frisch - - - - beerdigten siebenjährigen Jungen ausgegraben, der bei - - - - einem Verkehrsunfall gestorben war. Sie schlugen ein - - - - Loch in den Sargdeckel, zerrten die Leiche heraus und - - - - bahrten sie in einem Mausoleum auf. * - - - In Dortmund verwüsteten Satanisten Ende vergangenen - - - - Jahres das Doppelgrab von Zwillingsmädchen, die kurz - - - - nach der Geburt gestorben waren. Sie sprayten unter - - - - anderem Pentagramme und die Zahl "666" auf den - - - - Grabstein, die in der Szene als Symbol des Teufels - - - - gilt. * - - - In Stuttgart verurteilte das Amtsgericht im Oktober - - - - fünf Jugend-Satanisten zu Freiheitsstrafen auf - - - - Bewährung zwischen 7 und 19 Monaten. Auf mehreren - - - - Friedhöfen hatten sie Gräber durchwühlt und Steine - - - - umgeworfen. Im Zimmer eines 15jährigen Delinquenten - - - - fanden Polizisten Totenschädel aus Plastik, dazu - - - - Kult-Utensilien und massenhaft CDs mit Death-Metal, - - - - jener extrem harten Rockmusik mit blutrünstigen Texten, - - - - die Satanisten - - - - in einschlägigen Diskos mit Vorliebe hören. * - - - Im brandenburgischen Finsterwalde sprayten - - - - Unbekannte im Januar Satanszeichen auf Kanzel und Wände - - - - der Kirche St. Katharinen, sie ramponierten Bilder von - - - - Kreuzigung und Abendmahl und stellten das Kreuz auf den - - - - Kopf. Sachschaden: rund 20 000 Mark. Besonders gut gedeiht die schwarze Szene derzeit im Ruhrgebiet samt angrenzenden Kleinstädten. Inzwischen existieren dort mehr Diskotheken, Plattenläden und Klubs mit vorzugsweise dunkler Musik als anderswo. In den Zentren von Essen, Bochum oder Dortmund florieren Geschäfte mit morbiden Accessoires. Esoterische Buchläden bieten meterweise satanistische Untergrundliteratur. Stillgelegte Eisenbahnstrecken und verfallende Industriebauten bieten genügend verschwiegene Plätze für geheime Rituale. In der Regel Freitagnacht treffen sich die schwarzen Seelen etwa im Bochumer "Zwischenfall" und im Dortmunder "Spirit" - eine "tolerante Disko, für alle offen", wie der Betreiber versichert. Ein paar Schritte weiter verkauft der Laden "Near Dark" alles, was das Satanistenherz begehrt: spezielle Kultmesser, Opferschalen aus Totenköpfen, schwarze Roben mit aufgestickten Teufelssymbolen in allen Konfektionsgrößen oder, als Alternative, originalgetreue Meßdiener-Gewänder. Im Keller des Geschäfts lockt zwischen Grufti-und Satanistenkleidung ein Sarg nebst imitiertem Torso mit heraushängendem Gedärm. Zwei Klafter tief unter der Dortmunder Fußgängerzone wartet hier hinter schwarzen Vorhängen obendrein ein gynäkologischer Stuhl auf Kunden. Unter einem an der Wand hängenden Kruzifix können einschlägig Interessierte darin Platz nehmen und sich jedweden Intimschmuck durch Brustwarzen oder Vagina ziehen lassen - bis hin zum neuerdings gefragten "rituellen und experimentellen Piercing". Eine 19jährige Kundin: "Wenig Schmerz zu empfinden ist im Kult ein Beweis, weit zu sein." Im Dortmunder "Pentagramm"-Laden versorgen sich Oberschüler wie der 19jährige Patrick oder der 17jährige Marco und seine Freunde aus dem Norden der Stadt mit detaillierten Anweisungen "für schwarze magische Sachen" - geschrieben von Kultfiguren wie dem englischen Obersatanisten Aleister Crowley. Der niedersächsische Phänomen Verlag druckt in seiner Broschüre "Magick" die widerlichen Elaborate, die der 1947 verstorbene Altmeister zum Thema "Blutopfer und blutsverwandte Angelegenheiten" verfaßte: "Das Tier sollte innerhalb des Kreises oder des Dreiecks getötet werden, so daß seine Energie nicht entfleuchen kann." Die Praxis, Herz und Leber auszureißen "und sie noch warm zu verzehren", sei deshalb vernünftig, weil jedes lebendige Wesen "eine Vorratskammer von Energie" sei, je nach Größe und Charakter des Tieres. Für "die höchste spirituelle Arbeit", so der mörderische Ratschlag des toten Gurus, "muß man dementsprechend das Opfer wählen, das die größte und reinste Kraft in sich birgt. Ein männliches Kind von vollkommener Unschuld und hoher Intelligenz ist das befriedigendste und geeignetste Opfer". An anderer Stelle folgen drehbuchartige Vorlagen für schwarze Messen und exakte Vorgaben für rituelle Zeremonien zwischen Priester und Priesterin mit heftig pornographischem Charakter. Listig formulierte Crowley: "Aber es gibt keinen Aufruf zu all diesen Schrecken. Es ist nicht notwendig, das Mädchen niederzuschlagen, wenn sie sich weigert, zu tun, was man will, und sie wird immer einwilligen, wenn man ein paar nette Dinge zu ihr sagt." Der Dortmunder Oberschüler Marco benutzt derartige Werke, um die Rituale seiner Truppe vorzubereiten, die sich an wechselnden Plätzen am Rande der Stadt trifft. Neben der Mixtur aus Selbstverwirklichung ("Tu was du willst"), ungehemmter Sexualität und Mystik fasziniert es ihn, "Macht über andere Menschen zu bekommen". Er bete den Teufel nicht an, sagt er, nutze aber dessen Kraft für sich. Crowley-Schriften in deutscher Übersetzung von Michael D. Eschner verbreitet vor allem der Kersken-Canbaz-Verlag im niedersächsischen Bergen/ Dumme. Legendenumwoben sind schwarze Workshops in den achtziger Jahren mit allerhand Gewalt und ausgefeiltem Ekeltraining in Eschners "Abtei Thelema". Derzeit ist Eschners Missionsdrang etwas behindert: Der Crowley-Nachfolger sitzt wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung eine sechsjährige Haftstrafe ab. Das "Netzwerk Thelema" mit mehreren Zentren in Lüchow-Dannenberg - neben Bergen/Dumme existieren Gruppen im benachbarten Schnega, in Clenze und Salzwedel - gilt in der Satanistenszene auch ohne Eschner als Top-Adresse. Im Ruhrgebiet wirbt der Phänomen Verlag mit einer Postfachadresse in Schnega immer wieder beispielsweise für eine "Fortlaufende Ausbildung in Magick mit Übergang in eine Arbeitsgruppe". In Dortmund buhlt auch die aus Amerika stammende "Church of Satan" des Gurus Anton La Vey mit Kleinanzeigen um Jugendliche. La Vey ist neben Crowley eine weitere Zentralfigur des modernen Satanismus. Der Kalifornier, der in Roman Polanskis Film "Rosemaries Baby" als Teufelsdarsteller die Hauptfigur Mia Farrow schwängerte, schrieb die "Satanic Bible" - ein wahrer Renner in esoterischen und okkulten Buchhandlungen. Belesene Jugend-Satanisten belächeln die zahlreichen Gruftis, "die kaum übers Pendeln hinausgekommen sind", wie Satanist Marco spottet. Was einige da auf den Friedhöfen trieben, seien doch nur Kindereien. Dabei graben Extremgruftis immerhin auch nach Leichenknochen, die sie sich beim Diskobesuch um den Hals hängen. Der unübersichtliche Zentralfriedhof in Dortmund ist ein beliebter Grufti-Ort, der Eppendorfer Friedhof in Wattenscheid ebenso. "Anwohner und Lokalzeitungen bezeichnen diese Buddler-Typen zu Unrecht als Satanisten", klagt Marco. Wissenschaftler wie Werner Helsper analysieren die Gruftis als eine melancholische "Gemeinschaft der Einsamen". Für den Frankfurter Sektenexperten handelt es sich um "Gegenbewegungen gegen den Rationalisierungsprozeß in der Gesellschaft", um eine "jugendliche Trauerkultur", die um Individualität, Autonomie und Toleranz ringe. Eine Grufti-Gruppe sei ein "Zusammenschluß einsamer Kinder, die düstere Lebensgefühle und Todesgedanken" artikulieren. Das tun sie bevorzugt auch in Kleinanzeigen, etwa im Lübecker Musikmagazin Zillo. Dort geben die Angehörigen der schwarzen Szene in der Rubrik "Bekanntschaften" ihre Gemütslage preis. Doch zwischen jugendlichen Verzweiflungsschreien über die "kalte Gesellschaft", die "innere Leere" und die "Sehnsucht nach intensiven Gesprächen" ("Dies ist der letzte Versuch, bevor ich die Segel streiche") mischen sich auch Kontaktanzeigen mit satanistischen Tönen. Im Novemberheft vergangenen Jahres forderte ein 20jähriger Mann Mädchen dazu auf, in seine "mystische, dunkle, bizarre Welt" mit "Magie und Ritualen" zu kommen, mit "dunklen Nächten im Wald und vielen sonderbaren Dingen". Zur besseren Standortbestimmung ließ er auch gleich "Grüße des Glaubens an Jarl Flagg Nidhögg, Dark Mark Doom, Chuck und Hellsturm" drucken. Die ersten drei sind die Szenenamen von jugendlichen Satanisten aus Sondershausen in Thüringen, die vor drei Jahren einen Mitschüler töteten, weil der sich über ihren Kult lustig gemacht hatte. Und "Hellsturm" ist der Herausgeber des faschistisch-satanistischen Fanzines Infernus (SPIEGEL 41/1994). Satanistischer Höhepunkt der letzten Monate war das "Diabolus Cantus"-Festival Anfang Dezember in Karlsruhe. 800 Fans kamen, Grufti-Bands spielten bis tief in die Nacht, im Foyer bot sich den Besuchern - neben massiv angebotenem Satansschmuck - eine günstige Gelegenheit, sich mit neuen CDs einzudecken. Bei solchen Festivals versuchen organisierte Gruppen, Nachwuchs zu ködern. Der Ex-Satanist Thomas, 24, hat jahrelang im Ruhrgebiet und im Sauerland Jugendliche für seinen schwarzmagischen Orden geworben, auch in der Bochumer Diskothek "Zwischenfall". Heute ist er in therapeutischer Behandlung und versucht, potentielle Kandidaten der schwarzen Szene zu warnen, etwa durch TV-Auftritte im ZDF-Jugendmagazin "Pur". "Man versucht, die jugendlichen Einsteiger komplett aus ihrem Umfeld herauszuziehen", sagt der Aussteiger, "alles soll zerstört werden" (siehe Interview Seite 149). Nicht erst in echten, bundesweit operierenden Satansorden wie "O.T.O.", "Tempel von Set" oder "Fraternitas Saturni" müssen Novizen vor der Aufnahme oft ein Schmerz-und Ekeltraining absolvieren. "Dies geschieht heute auch in den uns bekannten jugendsatanistischen Zirkeln", berichtet Heide-Marie Cammans. Üblich sei es, menschlichen Kot oder rohe Innereien von Opfertieren zu essen und ein Gemisch aus Urin und Tierblut zu trinken. Eltern bekommen vom ungewöhnlichen Treiben ihrer Sprößlinge meist wenig mit. Die Nachwuchs-Satanisten pflegen von Anfang an eine Atmosphäre der Konspiration: Crowleys Bücher werden versteckt, Ritualplätze geheimgehalten, Neulinge und Mitwisser zum Schweigen verurteilt, Aussteiger bedroht. So werden Angst und Einschüchterung rasch zum Grundgefühl der Clique. Die Beratungsstellen im Ruhrgebiet registrieren dann die Folgen: * - - - Die Schülerin Manuela, 15, seit ihrem 13. - - - - Lebensjahr in einer satanistischen Gruppe, wendete sich - - - - an die Essener Helfer, weil satanistische Freunde ihr - - - - eine "Maulsperre" verpaßt hatten. Sie hatten ihren Mund - - - - mit einem Holzgerät geweitet und die Zunge eingespannt. - - - - Beim Beratungsgespräch hatte Manuela noch, äußerst - - - - schmerzhaft, Holzsplitter in der Zunge. * - - - Eine 16jährige aus Recklinghausen erbat Hilfe, - - - - nachdem sie bei Kulthandlungen - - - - einer Gruppe Jugendlicher in den Ruinen von "Haus - - - - Wolfskuhl", einem ehemaligen Gutshof in einer - - - - abgelegenen Gegend am Rheinufer bei Duisburg, - - - - vergewaltigt worden war. * - - - In Krefeld wurden zwei Mädchen in einer für den - - - - Kult hergerichteten Privatwohnung mißbraucht. Die Täter - - - - trugen Kutten und zwangen die Mädchen, vor der - - - - Vergewaltigung Tierblut zu trinken. Sie hatten die - - - - beiden bei einem ersten harmlosen Treffen in einer - - - - Friedhofskapelle neugierig gemacht. Heike Heinz vom Sekteninfo Bochum sagt, daß "die Betroffenen von destruktiven Kulten häufig ihr persönliches Umfeld und auch Ärzte über die Ursachen der Verletzungen zu täuschen versuchen". Manchmal treibe erst Todesangst die Opfer zur Beratung. Manche Eltern, die sich für tolerant halten, lassen ihre Kinder aber auch unbesehen gewähren. Immer wieder irren Väter oder Mütter durch den Dortmunder "Near Dark"-Laden und suchen zwischen Drogenpfeifchen und satanistischen Kultobjekten nach einem passenden Geschenk. Wozu Eltern im Extremfall fähig sind, erfuhr Heide-Marie Cammans vom Essener Sekteninfo bei einem Vortrag in Dorsten. Während sie über Okkultismus und Satanismus referierte, erhob sich ein ortsansässiger Bestattungsunternehmer. Der Mann erzählte aufgebracht, ein Ehepaar habe ihn mit einer ungewöhnlichen Bitte besucht. Die beiden wollten einen Sarg kaufen. Wozu, habe er gefragt. Da habe das Pärchen erst rumgedruckst, schließlich habe sich aber herausgestellt, der Sarg sei als Geschenk für den Sohn gedacht. "Ja wo leben wir denn", empörte sich der Bestatter, er jedenfalls mache da nicht mit. Seine Devise laute weiterhin: "Wo keine Leiche, da kein Sarg." Zu trinken gibt es Tierblut, gemischt mit Urin. (c) 1996 Der Spiegel. |
IDEEN, DIE TÖTEN KÖNNEN. neuzz00020011018ds3c00nud Von Ihle, P. 1424 Words 12 March 1996 Neue Zürcher Zeitung German Besuchen Sie die Website der führenden Schweizer Internationalen Tageszeitung unter http://www.nzz.ch |
Kriminologische Tagung zu «Sekten und Okkultismus» Nicht alle neureligiösen Gruppierungen sind so harmlos und friedliebend, wie sie sich nach aussen darstellen. An einem dreitägigen Kongress der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie in Interlaken haben sich 17 Experten mit kriminologischen, juristischen, soziologischen und anderen Aspekten von «Sekten und Okkultismus» auseinandergesetzt. Dabei wurde deutlich, wie schwer es der Staat hat im Umgang mit Gruppierungen totalitärer und vereinnahmender Tendenzen sowie mit destruktiven Kulten. |
Gegen eine «mediale Hexenjagd» pi. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendeine Sensationsgeschichte über Opfer von Sekten, Okkultismus und Satanismus in den Medien auftaucht. Gerade im ausgehenden 20. Jahrhundert, in dem die Orientierungslosigkeit der Menschheit, der Wertezerfall, die fehlende Ethik und Moral allgemein beklagt wird, scheinen neureligiöse Gruppierungen mit fundamentalistischen Tendenzen und apokalyptischen Visionen wie Pilze aus dem Boden zu schiessen. Als Gegenbewegung zum Rationalismus und zur ökonomischen Vernunft werten Sekten das Übernatürliche, das Transzendentale auf, bieten in ihren Gemeinschaften Geborgenheit, setzen sich für die Wahrung von Tradition ein und versprechen das Seelenheil, die Erlösung. Nicht selten ist eine massive Kritik an den staatlichen Institutionen damit verbunden. Obgleich «Sektendramen», wie sie von den Sonnentemplern und der Aum-Sekte verursacht wurden, nicht zur Tagesordnung gehören und ein Grossteil der Sekten für ungefährlich gilt, wurde am Kongress in Interlaken für mehr staatliche Aufklärung, für die Verfolgung von kriminellen Machenschaften der Sekten und für mehr wissenschaftliche Untersuchungen mit verbindlichen Daten plädiert. Gewarnt wurde aber auch wiederholt vor einer «medialen Hexen-und Sektenjagd». Gerade in einer Zeit, in der die Kirchen an Einfluss in der Gesellschaft verlieren, können neureligiöse Gruppierungen möglicherweise das spirituelle Vakuum füllen und befruchtend wirken, wobei sich dabei eine Reihe von Fragen aufdrängt: Sind solche Gruppierungen eine echte Bereicherung? Tragen sie zum religiösen Pluralismus bei? Wie soll ein demokratischer Staat mit destruktiven Kulten umgehen? Susanne Schaaf, Psychologin und Mitarbeiterin der Zürcher Informations-und Beratungsstelle für Sekten-und Kultfragen (Infosekta), betonte die Wichtigkeit der Toleranz gegenüber der neuen Spiritualität. Sekten dürfen erst dann ernsthaft kritisiert werden, wenn sie ihre Mitglieder ökonomisch und seelisch ausbeuten. Fundamentalistische Tendenzen Für den Theologen und Sozialwissenschafter Matthias Mettner ist die Zunahme fundamentalistischer Tendenzen ein weltweit zu beobachtendes gesellschaftliches Phänomen. Eine Gefahr sieht Mettner indes in der explosionsartigen Vermehrung der Sekten und Psychokulte, namentlich der Gruppierungen mit totalitärer und vereinnahmender Tendenz, die die menschenrechtlichen und demokratischen Traditionen weitgehend verachten. Die physische und psychische Gewalt sei allerdings lediglich ein Aspekt des Fundamentalismus, der mediengerecht aufbereitet werde, und dieser treffe nur auf eine Minderheit der Sekten zu. Bei weitem nicht alle neureligiösen Sondergruppen hätten aggressive Ziele. Manchen Sekten gehe es um den rein wirtschaftlichen Erfolg, anderen unverhohlen um die Weltherrschaft. Trotz der Omnipräsenz der Sekten in den Medien mahnten die Experten vor einer «Sektenhysterie». Wie Helmut Langel, Sektenbeauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche, ausführte, bestehe auf Grund des mit einem Negativimage versehenen Begriffs der Sekte die Gefahr, dass kleine, harmlose Gruppierungen ebenso verfolgt würden wie destruktive Kulte. Daher sollte eine «Allround-Ächtung» der Sekten vermieden werden. Dies sei allerdings nicht immer einfach, vor allem dann, wenn man im beruflichen Alltag mit zahlreichen Einzelschicksalen von Sektenmitgliedern konfrontiert werde, die schlicht nicht tolerierbar seien. Dilemma des Staates Einen Lösungsansatz bietet die definitorische Erfassung des weitläufigen und wenig befriedigenden Begriffs «Sekte», der anfänglich eine wertungsfreie Bezeichnung für politische, philosophische, religiöse Einzelgruppen war und seinen abwertenden, polemischen Sinn im Zusammenhang mit Abspaltungen von in sich geschlossenen Grossreligionen und Kirchen erhielt. An der Tagung wurden Kriterien gesucht, um das allfällige Gewaltpotential einer Gruppierung mit totalitären und vereinnahmenden Tendenzen zu eruieren. Für Mettner zeichnet sich die fundamentalistische Mentalität einer Sekte dadurch aus, dass sie sich ausschliesslich auf eine höhere göttliche Wahrheitsinstanz beruft und nur an eine Lehre glaubt, die eine kooperative Identität stiftet. Das Heil, die Erlösung werden lediglich den Sympathisanten und Sektenmitgliedern, den Auserwählten versprochen. Es wird ein streng dualistisches Weltbild vermittelt, das einzig zwischen Schwarz und Weiss, Gut und Böse unterscheiden kann. Dadurch wird jeglicher Dialog verweigert, Kritiker werden juristisch verfolgt, und den staatlichen Prinzipien wird der Krieg erklärt. Langels Kriterien von destruktiven Kulten sind ähnlich: Religion und Weltanschauung dienen nur als Mittel zum Zweck, zwischen Innen-und Aussenleben der Gruppierung herrscht eine Diskrepanz. Die Anhänger werden systematisch ideologisiert, bis sie der Führung total gehorchen. Unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit verfolgt ein destruktiver Kult wirtschaftliche Interessen, bietet pseudotherapeutische Angebote an und nimmt bewusst den physischen und psychischen Ruin seiner Mitglieder in Kauf. Angesichts dieser Praktiken und deren Auswirkungen auf Individuen und auf den Staat wird allgemein eine stärkere Einflussnahme des Staates, eine rigorosere Strafverfolgung der gefährlichen Sekten gefordert. Doch bei dieser Frage beginnt die juristische Gratwanderung, das Dilemma des Rechtssystems. In den demokratischen Staaten geniessen nämlich auch die neureligiösen Gruppierungen den verfassungsrechtlichen Schutz der Religions-, Glaubens-und Gewissensfreiheit, sofern sie die Gesetze nicht übertreten. Wie Günther Kaiser, Direktor des Max-Planck-Institutes, ausführte, vertrauten Politiker bei der Behandlung von Sektenfragen dem Strafrecht; doch sei dieses für die Ahndung und Erfassung der von solchen Gruppierungen verursachten «Seelenmassagen», Gehirnwäschen und Psychomutationen ungenügend. Marco Borghi von der Universität Freiburg i. Ü. lotete in seinem Vortrag den juristischen Spielraum bei der Verfolgung von destruktiven Kulten aus. Gemäss der schweizerischen Verfassung ist der Staat zur religiösen Neutralität verpflichtet, obwohl er die Landeskirchen favorisiert. Auch die Sekten profitierten von der Religionsfreiheit, was jedoch keineswegs die absolute Freiheit bedeute. Übergeordnet ist nämlich die öffentliche Ordnung, an deren Gesetze sich alle, also auch die neureligiösen Gruppierungen, zu halten haben. Die Freiheit des Individuums, seine psychische und physische Integrität dürfen nicht durch religiöse Vorschriften beeinträchtigt werden. Zudem könne eine Sekte genauso wie andere Gruppierungen und Einzelpersonen für kriminelle Machenschaften - Übertretung des Lebensmittelgesetzes, Beraubung der Freiheit, Verstoss gegen die Sittlichkeit, unlauterer Wettbewerb - verantwortlich gemacht werden. Der Schutz vor sektiererischen Übergriffen muss laut Borghi bereits an der Wurzel beginnen und nicht erst im Gerichtssaal. Daher trat er für die Förderung der staatlichen Aufklärung in der Schule ein - dort, wo die Schwächsten der Gesellschaft besonders geschützt werden müssen. Abkommen der Unesco und der Uno schrieben vor, dass der kritische Geist von Schülerinnen und Schülern gefördert werden solle - also auch gegenüber neureligiösen Gruppierungen. Gehirnwäsche und Psychomutationen Der italienische Rechtsprofessor Michele del Re registriert seit einigen Jahren einen Anstieg von perversen Ideologien, die sich wie ein mafioses System weltweit organisieren. Vor allem der Satanismus fasziniere viele Jugendliche; gewisse Richtungen der Rockmusik würden als Übermittler von satanischen Botschaften dienen. Solche Kulte mit ihren imaginären «Universen» und der magischen Dimension regten die Phantasie an und drückten neue Moralvorstellungen aus. Der Staat dürfe nun nicht über die Ideologie solcher Gruppierungen entscheiden, sondern nur über deren soziales Umfeld. Man könne eine Sekte nicht für ihren religiösen Inhalt verurteilen - sie möge unseren Wert-und Moralvorstellungen noch so widersprechen -, aber für ihre Handlungen. Diese juristische Gratwanderung werde von der Öffentlichkeit nicht verstanden. So gelte beispielsweise in Italien Scientology nicht als kriminelle Organisation, obwohl einzelne Mitglieder in aufsehenerregenden Prozessen für ihre gesetzwidrigen Machenschaften verurteilt wurden. Jürgen Keltsch, Richter am Oberlandgericht München, veranschaulichte anhand seiner langjährigen beruflichen Erfahrung mit Sekten, dass es keine einheitliche Sektentheorie gebe, was die juristische Arbeit zusätzlich erschwere. Zu heterogen seien die Lehren, Ziele und Praktiken der Gruppierungen. Was Keltsch im Rahmen seiner Tätigkeit am meisten erschreckt, ist das Unheil, das Sekten mit sogenannten Psychotherapien anrichten können. Harte Psychotrainings lösten seelische Zusammenbrüche, Psychosen und Neurosen aus. Eines der grössten Probleme der Justiz sei die Verifizierung solcher Fälle von Psychomutationen, erläuterte Keltsch. Diesbezüglich stehe der Staat vor der Frage, wie die Bürger vor destruktiven Psychosekten gewarnt und geschützt werden sollen. Der französische General und Soziologe Jean Pierre Morin spricht von der Gehirnwäsche als einer neuen Art der Kriminalität, die bis jetzt von keinem Gesetz erfasst worden ist. Was in den Kriegen von Korea und Indochina nur ansatzweise gelungen war, reüssiert seit 1968 in den sektiererischen Milieus: die irreversible Gehirnwäsche. Die Individuen werden «roboterisiert» und verlieren ihre persönliche Integrität. Es handle sich bei diesen Menschen zwar um biologische Lebewesen, jedoch ohne eigenen Willen, ohne Persönlichkeit. Fragen über Fragen Mit der Organisation dieses wissenschaftlichen Kongresses - bei dem die Sekten bewusst nicht in globo verurteilt wurden, sondern lediglich über das Gefahrenpotential von Gruppierungen mit totalitärer und vereinnahmender Tendenz informiert wurde - hat die Schweizerische Arbeitsgruppe für Kriminologie einen wichtigen Grundstein für die künftige juristische Auseinandersetzung mit den Sekten gelegt. Die Zuhörerinnen und Zuhörer haben nach drei Tagen viel Wissenswertes, aber auch Bedenkliches über Sekten und Okkultismus erfahren, woraus sich Fragen über Fragen ergeben haben, die bis jetzt noch nicht schlüssig beantwortet werden können. Der Handlungsbedarf gegenüber Gruppierungen mit totalitären und vereinnahmenden Tendenzen wurde jedenfalls erkannt und die damit verbundene Botschaft nach dringend notwendigen juristischen Lösungsansätzen in alle Ecken der Schweiz und ins Ausland mitgenommen. |
ZU EINER DRS-SENDUNG ÜBER SATANISMUS. neuzz00020011018ds2300syx 133 Words 03 February 1996 Neue Zürcher Zeitung German Besuchen Sie die Website der führenden Schweizer Internationalen Tageszeitung unter http://www.nzz.ch |
(ap) Der Ombudsmann des Schweizer Fernsehens DRS, Arthur Hänsenberger, hat Beschwerden gegen einen Bericht über Satanisten in der Schweiz in der Sendung «Zebra» vom vergangenen 6. Januar zurückgewiesen. Er unterstützte dabei die Argumentation des Redaktionsleiters, wonach ein solcher Film als offene Information für ein junges Publikum durchaus im Fernsehen gezeigt werden darf, wie das Fernsehen DRS am Montag mitteilte. Der Ombudsmann stimme zwar mit den Beanstandern überein, dass der Film schockierende Aussagen und scheussliche Rituale gezeigt habe. In der Art, wie die Satanisten dargestellt worden seien, habe aber keinerlei Vorbildfunktion gesehen werden können. Sechs Beanstander, darunter die Katholische Volkspartei (KVP) Schweiz und die Organisation «Der neue Rütlibund», hatten den Verantwortlichen vorgeworfen, sie hätten den Satanismus positiv dargestellt und durch die auftretenden Satanisten die katholische Kirche verhöhnen lassen. |
ZWISCHEN ZAUBER UND ZASTER. sddz000020011104dr5d00750 1226 Words 13 May 1995 Süddeutsche Zeitung 10 German (c) 1995 Süddeutsche Zeitung |
Auf dem Basar des Übersinnlichen Die Wandlung der Esoterik vom Geheimwissen zum Panoptikum populärer Lebenshilfen |
Von Stefan Ulrich Heilsteine funkeln auf grünem Samt. Zwischen Buddha-Statuen und Wunderkerzen locken Hexen mit übersinnlichen Angeboten. Dicht umlagert der Stand mit der 'Karma-Analyse'. Dort gibt es die Wahrheit für sieben Mark: 'Sie waren im früheren Leben ein hart arbeitender Mönch.' Der Mond ist wichtig, dazu Geburtsdatum und Vornamen des Kunden, schon spuckt der Computer die Vergangenheit aus - und einen ganz persönlichen Rat: 'Geben Sie Ihren Märtyrerkomplex auf und lassen Sie sich treiben!' Nichts leichter als das auf der Münchner Esoterikmesse 1995: Der sanfte Druck der Besuchermassen schiebt einen vorbei an Wahrsagern, Yoga-Lehrerinnen und Sterndeutern. Neugierige lassen sich mit Tarot-Karten die Zukunft deuten, andere das Schicksal aus Hand oder Iris lesen. Esoteriker aller Klassen haben sich für drei Tage in einer der großen Münchner Bierhallen vereint. Einmal abgesehen von den rustikalen Brezen-Dekorationen gleicht die Messe mehr einem orientalischen Basar. Geheimnisvolle Düfte umschmeicheln die Sinne. Wo sonst der Dunst von Schweinshaxen zwischen Biertischen weht, wabern jetzt die Gerüche der Aromatherapeuten. Statt Marschmusik ertönen kontemplative Klänge. Esoterik hat Hochkonjunktur. Von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes ('nach innen gerichtet, verborgen') ist da nicht mehr viel zu spüren. Esoterisch - so nannte man im antiken Griechenland vor allem die sogenannten Mysterienkulte. Mit ihren geheimen Riten standen sie im Gegensatz zu den 'exoterischen' (nach außen gerichteten) Hauptströmungen der Wissenschaft und Religion. Sie waren nur einem Kreis von Eingeweihten zugänglich. Esoterische Ideen sind aber keine griechische Spezialität; sie entstanden in vielen Kulturen und zu allen Zeiten: von der antiken Gnosis über die mittelalterliche Geheimlehre der Kabbala, das Rosenkreuzertum und die Alchemie bis zu den Theosophen und Spiritisten. Immer sollten Erfahrungen und Deutungen vermittelt werden, die dem gewöhnlichen Erkennen angeblich verborgen (okkult) bleiben. heute ist Esoterik kein 'Wissen' mehr, das unbedingt geheimgehalten werden muß. Es darf sogar öffentlich dafür geworben werden. Esoterik steht - ähnlich wie der Begriff 'Okkultismus' - für die Überzeugung, daß die sichtbare Welt nicht die ganze Wirklichkeit ist, sondern von einer übersinnlichen Welt umwölbt wird. Durch Entwicklung außergewöhnlicher Fähigkeiten wie Magie, Psi-Kräfte und meditative Versenkung versucht der Esoteriker in Kontakt mit dieser Überwelt zu kommen, in Verbindung mit übersinnlichen Mächten zu treten (Spiritismus, Ufologie) und ein neues, höheres Bewußtsein zu erlangen. Der moderne Trend zur Esoterik setzte, von Amerika kommend, etwa Mitte der 60er Jahre mit der New-Age-Bewegung ein. Nicht nur die Anhängerschaft, auch der Begriff Esoterik weitete sich rasch aus. Heute fallen darunter alle möglichen Formen mehr oder weniger unkonventioneller Lebenshilfe. Wegbereiter für die populäre Esoterik seit dem Ende der 70er Jahre ist nach Ansicht des Religionspsychologen Bernhard Grom eine 'antirationale Grundstimmung', verbunden mit einem 'Unbehagen an Unzulänglichkeiten der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation' und einem 'Suchen nach alternativen Lebensformen, basisdemokratischer Vernetzung und therapeutischen Anregungen zur Persönlichkeitsentwicklung' (Herder-Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen). Esoterik habe das Image und den Elan einer Reform-und Alternativbewegung bekommen. Grom kommt zu dem Schluß: 'Die neue Esoterik hat ein allgemeines optimistisches Lebensgefühl geweckt: New Age statt No Future - nicht mehr und nicht weniger.' Im Unterschied zu Kirchen, Sekten und Psychokulten sind Esoteriker kaum organisiert. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wissenschaftler sprechen von 'vagabundierender Religiosität'. Sie sei ein Spiegelbild der Unrast unserer Gesellschaft. Esoteriker selbst bezeichnen das gerne als Toleranz. Für sie gibt es keine alleinverbindliche Heilslehre. 'Jeder soll sich das aussuchen können, was zu ihm und seiner momentanen Lebenslage paßt', meint etwa eine Mitarbeiterin des Bauer-Verlages. 'Der Verlag für neues Denken', wie er sich nennt, hat in Freiburg ein 'Prana-Haus' eingerichtet. Trends und Modethemen der Esoterikszene schlagen sich im Angebot nieder. Waren noch im vergangenen Jahr die Engel im Aufwind, so sind derzeit Farbtherapien ('Farbe ist die sichtbare Essenz der Lebenskraft'), Musik ('Magische Gesänge der Kraft') und die Botschaften der Plejader ('ein Energie-Kollektiv aus dem Sternbild der Plejaden') gefragt. Fragwürdig findet Pfarrer Wolfgang Behnk die modisch-unverbindliche Spiritualität der heutigen Esoterikszene. Der Sektenbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern spricht von 'fast food für die Seele'. Er sieht darin 'eine Fortsetzung des materiellen Konsumverhaltens mit anderen Mitteln'. So wie der Mensch die Natur geplündert habe, beute er jetzt die religiösen und kulturellen Überlieferungen aus. Spirituelle Traditionen würden 'durchgezappt' wie Fernsehprogramme, Freiheit werde als totale Bindungslosigkeit mißverstanden. Dabei verfehle der esoterische 'Zapper' nicht nur echte Spiritualität. Er laufe auch Gefahr, bei der Suche nach dem Übersinnlichen auf Fälscher und Schwindler hereinzufallen. Freilich hält auch Behnk nicht alles von vornherein für faulen Zauber, was sich über-oder außersinnlich gibt. Er denkt dabei an die Erkenntnisse der Parapsychologie: 'Es gibt Dinge, die so interessant sind, daß man wissenschaftlich nachforschen sollte.' Genau das macht das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg im Breisgau. 'Wir studieren Phämomene, von denen die meisten glauben, sie seien nicht existent, sondern krankhaft oder Aberglauben', erläutert der Psychologe Eberhard Bauer die Aufgabe der Parapsychologie. Angeblich übernatürliche Erscheinungen ('Psi-Phänomene') wie Hellsehen, Gedankenübertragung, Zukunftsschau, Spuk und Poltergeist-Phänomene sollen wissenschaftlich aufgeklärt werden. Die Ergebnisse nach jahrzehntelanger Forschung wirken eher bescheiden. Laut Bauer gehen heute zwar die meisten professionellen Parapsychologen davon aus, daß es 'anomale Effekte' gibt. Sie seien aber 'relativ schwach' und vor allem: 'Es gibt derzeit keine zuverlässige Methode, um paranormale Fähigkeiten zu erlernen.' Anderslautende esoterische Angebote beruhten auf 'Vorspiegelung falscher Tatsachen'. Entsprechend kritisch steht das Institut vielen Esoterikangeboten gegenüber. 'Wenn Hellseher, Magier und andere sich auf die wissenschaftliche Parapsychologie berufen, ist höchste Vorsicht geboten', warnt Bauer. Gefahr drohe nicht nur dem Geldbeutel, sondern auch dem Seelenhaushalt. Labile Menschen könnten allein durch die Placebo-Wirkung esoterischer Techniken Erfahrungen machen, die sie überforderten. Unseriöse Lebenshilfe-Angebote würden nur selten aufgedeckt, weil sich viele Geprellte schämten, auf einen Hokuspokus hereingefallen zu sein. Bauer fordert daher Verbraucherschutz auch auf dem Esoterikmarkt. Vor okkulter Geschäftemacherei warnt sogar die Hexe Sandra. Sie residiert in einem kleinen Laden im Münchner Stadtteil Obersendling, dem 'Hexenladen'. Auf der Türschwelle schlummert ein schwarzer Pekinese. Sandra ist klein, schmal, ganz in Schwarz gekleidet. Um ihren Hals hängen Amulette. Die Hexe ist müde. Eine Geisterscheinung habe sie die letzte Nacht nicht schlafen lassen. Mit dem Okkulten verbinde sie eine lange Erfahrung. 'Ich bin eine Hexe, ich weiß es', habe sie schon als Kind immer gesagt. Weiße Magie Heute arbeitet Sandra hauptberuflich als Hexe, freiberuflich und steuerpflichtig. Sie selbst sieht sich als Lebenshelferin, Psychiaterin, Richterin und Psychotherapeutin in einer Person. Zu ihren Kunden gehörten Ärzte und Richter, Prostituierte, Drogensüchtige und Aidskranke. Manchmal reiche ein einfaches Gespräch, in anderen Fällen greife sie zu Tarotkarten oder führe magische Rituale durch, 'weißmagische' Rituale. Mit schwarzer Magie, Schadenszauber, wolle sie nichts zu tun haben. 'Viele junge Leute beschäftigen sich mit Satanismus, schwarzen Messen und schwarzer Magie. Durch diese schwarze Energie stürzen sie aber in Drogen und Alkoholsucht ab', sorgt sich Sandra. Sie kritisiert, daß Elternhaus, Schule und Kirche nicht mehr genug Halt gewährten. Eine große Gefahr sieht Sandra auch darin, daß sich jede als Hexe 'niederlassen' darf. Sie erzählt von einem 25jährigen Mann, der verzweifelt zu ihr kam. Eine andere Hexe hatte ihm vorausgesagt, er werde im Juni einen tödlichen Unfall haben. Unverantwortlich findet Sandra solche Praktiken. Derart verunsicherte Menschen könnten sich unterbewußt auf das prophezeite Unglück programmieren. 'So kommen wir ganz leicht in schlechten Ruf', fürchtet die Hexe. Deshalb mache sie sich über ein Gütesiegel und einen Zusammenschluß mit Kolleginnen Gedanken: 'Wir haben sogar schon darüber gesprochen, eine Hexengewerkschaft zu gründen.' SZ-ONLINE: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher Verlag GmbH. |
TSCHETSCHENIEN - KÄMPFE ESKALIEREN BOMBEN AUF DIE HAUPTSTADT GROSNY. diep000020011105dqck002fh 461 Words 20 December 1994 Die Presse German (c) Die Presse 1994 www.diepresse.at. |
Die Stadt Moskau trifft Vorkehrungen gegen befürchtete Terroraktionen der Tschetschenen. GROSNY / MOSKAU (reuter). Verstärkte Kampftätigkeiten im abtrünnigen Tschetschenien signalisierten am Montag, daß Rußland den Unabhängigkeitsbestrebungen General Dschochar Dudajews jetzt nur noch mit militärischen Mitteln begegnen will. Kampflugzeuge bombardierten am Montag abend erneut das Zentrum der Hauptstadt Grosny. Dabei dürfte offenbar der Fernsehturm getroffen worden sein, da das TV unmittelbar nach den Explosionen ausfiel. Schon am Vortag war der TV-Turm Ziel von Bomben gewesen, die allerdings nicht trafen. Auch die Residenz Dudajews wurde bombardiert, doch dieser hält sich ohnehin in einem geheimen Bunker auf. |
Die russischen Streitkräfte führten neue Angriffe auf Positionen der Separatisten außerhalb der tschetschenischen Hauptstadt Grosny durch. Die Bodentruppen näherten sich nach Angaben von Journalisten den Außenbezirken von Grosny bis auf wenige Kilometer. Es gebe heftige Artillerieduelle, hieß es. Schwere Kämpfe tobten in Dolinskoje, 15 Kilometer nordwestlich von Grosny. Die russischen Truppen griffen hier tschetschenische Stellungen mit Kampfhubschraubern, Raketenwerfern und schwerer Artillerie an. Offenbar sollten die Positionen der Tschetschenen sturmreif geschossen werden. Der russische Sicherheitsrat unter Leitung von Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin hat am Montag verstärkte Militäroperationen "zur Eliminierung und Entwaffnung illegaler bewaffneter Gruppen" in Tschetschenien gefordert. Präsident Jelzin, der am Montag aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ernannte den stellvertretenden Ministerpräsidenten Nikolaj Jegorow zu seinem Sonderbeauftragten für Tschetschenien. Er soll alle Vollmachten zur "Normalisierung der Situation und zur Wiederherstellung der Ordnung" in der abtrünnigen Republik bekommen. Die Eskalation der Kämpfe am Montag folgte einem neuen Verhandlungsangebot Dudajews an Moskau, das von der russischen Führung aber zurückgewiesen worden war. Dudajew hatte sich in einem Telegramm erstmals bereiterklärt, einen Gesandten des russischen Präsidenten Boris Jelzin in Grosny zu empfangen, sich gleichzeitig aber geweigert, persönlich zu Friedensverhandlungen nach Nordossetien zu reisen. Gleichzeitig hatte er bei einer Pressekonferenz Rußland "Satanismus" vorgeworfen; Rußland sei "die Quelle allen Übels". Übergriffe auf Zivilisten Ein Sprecher Jelzins wiesdaraufhin das Angebot Dudajews als "politisch bedeutungslos" zurück, den russischen Truppen in Tschetschenien wurden Befehle für weitere Angriffsoperationen erteilt. Daß die Kampfhandlungen zunehmend brutaler werden, zeigten auch russische Übergiffe auf flüchtende tschetschenische Zivilisten. Bei einem dieser Übergriffe wurden nach Angaben von Generalleutnant Walerij Wostrokin, dem stellvertretenden Moskauer Minister für Notstandssituationen, neun tschetschenische Zivilisten an einem russischen Kontrollpunkt getötet. Wostrokin gesellte sich auch zu den Kritikern der russischen Militäroperation in Tschetschenien: "Es ist kein guter Job für unser Militär, der Aggressor und Polizist auf unserem eigenen Territorium zu sein." Der Afghanistan-Veteran glaubt sogar, daß die Militäroperation in Tschetschenien komplizierter sein dürfte als jene in Afghanistan: "Damals hatten wir eine ideologische Maschine, die uns permanent einredete, daß wir im Recht sind. So etwas gibt es nicht mehr." Gleichzeitig mit den militärischen Operationen verstärkten die russischen Sicherheitsbehörden am Montag aus Angst vor tschetschenischen Terroraktionen auch ihre Kontrollposten an den wichtigsten Moskauer Einfallstraßen mit Schützenpanzern. |
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